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Asturien: Wein über Kopf, Kühe über der Küste

14.07.2017 | 15:07 |  von Patricia Varga (Die Presse)

Im Nordwesten der Halbinsel unterläuft Asturien mögliche iberische Urlaubsklischees: Hier ist es frisch, grün, atlantisch.

In Asturien herrscht eine eigenwillige Einschenkmethode. / Bild: JUANJO ARROJO 

Das Flugzeug richtet sich zur Landung über dem Meer ein, die saftig grüne Klippenküste kommt immer näher. Irland ist schon sehr schön. Wie jetzt? Unten liegt doch die felsige Küste des kantabrischen Meeres, die nordspanische Provinz Asturien. Dass sie nicht von ungefähr España Verde (Grünes Spanien) genannt wird, verleitet oft zu geografischen Verwirrungen. Durch die landschaftliche Vielfalt von Meer, Bergen und sich in tiefen Tälern schlängelnden Flüssen werden bereits zu anderen Koordinaten gespeicherte Bilder abgerufen. Ständig nennt die Reisegruppe Namen anderer Länder als Vergleichsgröße für eine Gegend, die nach dem Einbruch der Industrie vor 30 Jahren zu einem Erholungs- und Sommerfrischegebiet der Spanier geworden ist.

Inspiriertes Gedudel

María del Carmen Polo, die Frau von Diktator Franco, stammte aus der Hauptstadt Asturiens, Oviedo. Man nannte sie auch die „Frau der Perlenketten“, erzählt die Stadtführerin. Man versucht, sich auf ihre Stimme zu konzentrieren, doch ständig verfolgen einen auf und ab marschierende Dudelsackspieler, die sich strategisch gut an touristisch beliebten Plätzen aufhalten. Die Gaita, Spaniens Dudelsack, fand durch keltische Einflüsse in ihrer neuen Heimat freudige Mitspieler. Mehr als 10.000 eingetragene Profis gibt es in Nordspanien. So weckt auch die Musik auf den Straßen von Oviedo nordatlantische, schottische Urlaubserinnerungen. Am Abend verstummen die Dudelsäcke, und es ergießen sich in den Sidrerías kleine Bäche von Sidra, Apfelwein, neben den Tischen. Schuld an diesen Wasserspielen ist die eigenwillige Einschenkmethode des säuerlichen Nationalgetränks. Damit der Apfelwein im Glas perlt, wird die dunkelgrüne Flasche hoch über dem Kopf ausgeschenkt, unten ins Glas gezielt und dabei stets ernst nach vorn gestarrt. Manchmal plätschert es daneben, die Kellner drehen sich während dieser Zeremonie höflicherweise vom Tisch weg. Da sich der Schaum nicht lang hält, sollte man sein Glas auch gleich leeren.

Patricia Varga Drachenfisch frittiertDrachenfisch frittiert / Bild: Patricia Varga 

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Cholesterin und Kalkül

An der irisch anmutenden Küstenlandschaft der Costa Verde liegt Gijón, wo die Gaita sogar ein eigenes Museum hat. Als ein Wahrzeichen von Gijón wirkt die Skulptur „Lob des Horizonts“ vielleicht etwas missglückt: Der riesige Betonklotz ist weder vom Wasser noch von der Uferpromenade aus zu übersehen. „Toilette von King Kong“, spotten die Einheimischen in ihrer direkten Art. Entlang der Küste spazieren sie gern auf sogenannten Cholesterinpromenaden – zum Abbau der vielen Kalorien, die in der köstlichen asturischen Küche zusammenkommen: Croquetas mit Blauschimmelkäse oder mit Schinken vom iberischen Schwein gefüllt. Oder Fabada Asturiana, ein Eintopf mit Speck, Blutwurst, Chorizo und weißen Bohnen. Mehr als 60 Konditoreien soll es allein in Gijón geben.

Und natürlich ein Fußballstadion: Dort fand während der Fußball-Weltmeisterschaft 1982 jenes berühmte Spiel zwischen Österreich und Deutschland statt, das als „Die Schande von Gijón“ in die Fußballgeschichte einging. Man erinnere sich: Die österreichische und die deutsche Mannschaft begnügten sich taktisch mit einem 1:0 für Deutschland und tachinierten bis zum Ende des Spiels, damit beide in die nächste Runde aufsteigen konnten. Auf diesen Nichtangriffspakt reagierten die Zuschauer wütend und schrien: „Küsst euch doch“, der österreichische Sportmoderator forderte die Zuschauer sogar dazu auf, ihre Fernseher auszuschalten.

Surfen, paddeln, fischen

An den 345 asturischen Küstenkilometern liegen Buchten mit Sandstränden und karibischem Flair. Dennoch wird eher im Meer spaziert und Wasser getreten – einen Sprung in den kalten Atlantik wagt hier selten jemand. Und wenn, dann am liebsten im Neoprenanzug und mit einem Surfbrett unter den Arm geklemmt. Etwas östlich liegt Ribadesella, das mit seinen Villen und seiner Strandpromenade an einen Kurort erinnert. Diese prächtigen Häuser mit obligatorischer Palme vor dem Eingang gehörten einst den Indianos, den Auswanderern, die durch Tabak und Zuckerrohr reich geworden aus Mexiko, Brasilien, Venezuela oder Kuba wieder in ihre Heimat zurückkehrten. Nach Ribadesella kommt man auch aus sportlichen Motiven: Am Fluss Sella befindet sich der Zieleinlauf des internationalen Kanufests, das immer am ersten Augustwochenende stattfindet. Die Sella ist übrigens weiter landeinwärts ein interessantes Gewässer für Fliegenfischer, weil sich Lachse und Forellen im kühlen Flussbecken tummeln. Noch weiter flussaufwärts liegt Cangas de Onís, ein guter Ort, um Kanutouren oder Wanderungen zu starten.

 

Durch den Fischmarkt kosten

An der Küste hingegen, in Llanes, kann man locker ein paar Stunden im El Bálamu, einem Lokal direkt im Fischmarkt, verbringen. Während man beim Verladen des frischen Tagesfangs zuschaut, werden Tintenfische serviert, die am Haken geangelt und in der Pfanne frittiert wurden, oder Garnelen in Knoblauch und Öl, die noch auf dem Tisch weiterbrutzeln und zischen. Man könnte auch einen gegrillten schwarzen Seeteufel bestellen, der vor Llanes aus dem Meer gefischt wurde. Davor gibt's, keine Frage, Kroketten. Und für danach eine gallige Auswahl an Torten und Parfaits, sodass man sich nach Cholesterinpromenaden sehnt. Eine Fischversteigerung am Nachmittag in La Rula, dem Fischmarkt für kommerzielle Abnehmer, verläuft unaufgeregt digital mit einer Anzeigetafel, auf der Preisangebote von nicht anwesenden mitbietenden Firmen aufblinken. Bunte Kisten mit Seehecht, Drachenkopf und Pulpo verschwinden Stück für Stück. Die Zeit des Walfangs ist zum Glück lang vorbei. Ein kleines Naturwunder gibt es 13 Kilometer außerhalb von Llanes: Dort schießt das Wasser bei starker Brandung an der Küste durch löchrige Felsenformationen wie ein Geysir nach oben.

In den Picos de Europa

Eine Abwechselung vom Meer bietet die alpine Kulisse der Picos de Europa. Die von der Küste nur 20 Kilometer weit entfernte Gebirgskette wurde bereits 1918 zum ersten Nationalpark Spaniens erklärt. Schon die Mauren hatten mit dem steilen Gelände schwer zu kämpfen: Der christliche Widerstand unter dem asturischen Fürsten Don Pelayo hatte sich in die Berge verzogen. Die Schlacht von Covadonga 722 im kantabrischen Gebirge gilt als Beginn der Reconquista. Heutzutage ist die kurvige Auffahrt zu den Seen von Covadonga eine Art Begegnungszone von gemütlich herumliegenden Schafen, Ziegen, Kühen mit dem dazugehörigen Gruppenleiter, dem Hirtenhund, und sich geduldig in Ausweichmanövern übenden Autofahrern. Schließlich wird genau aus der Milchmischung dieses Trios der Cabrales-Blauschimmelkäse von Hand hergestellt, gereift in natürlichen Berghöhlen. In der Milchkammer Spaniens wird weitgehend auf Massentierhaltung verzichtet. Die Aussicht auf das tiefer liegende, vom Nebel verschlungene Grün ruft Assoziationen zu Nepal hervor. Obwohl in den Mischwäldern Buchen, Eichen, Linden oder Ahorn wachsen und Wölfe, Braunbären, Wildschweine, Hirsche und Füchse leben – und der Fotograf in der Gruppe zufrieden vermeldet: „Diese Panoramafotos könnte ich glatt für eine Schweiz-Geschichte verwenden.“

Infos

Anreisen: mit Iberia ab Wien via Madrid weiter nach Oviedo/Avilés.

Schlafen: Bal Hotel/Restaurant in Gijón (www.balhotel.com), Villa Rosario in Ribada- sella (www.hotelvilla-rosario.com), Los Lagos in Cangas de Onís (www.loslagosnature.com).

Essen: Auga in Gijón, ein Michelin-Stern (www.restauranteauga.com), Nacho und Es-ther Manzanos Sterne-Restaurants in Gijón: Gloria, Casa Marcial und La Salgar (www.estasengloria.com, www.casamarcial.com, www.lasalgar.es). In Ribadasella: Quince Nudos, (www.restaurantequincenudos.com). In Lanes: El/Bálamu im Fischmarkt. In Oviedo: El Fondín (www.elfondin.com) und die Sidrería Tierra Astur (www.tierra-astur.com).

Infos: www.turismoasturias.es , www.spain.info

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.7.2017)

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