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Camargue: Im nicht ganz Wilden Westen der Provence

25.07.2017 | 11:45 |  Von Teresa Schaur-Wünsch (Die Presse)

„Go West“ abseits der üblichen Pfade: Pferde und Stiere im Schwemmland der Camargue warten ebenso wie Frank Gehrys Luma-Turm in Arles oder das neue Marseille.

Camargue: Pferde, Stiere - und das Licht. / Bild: (c) C.Mouton/CRTCentreValdeLoire 

Es ist Sonntagnachmittag um vier, und es ist klar, dass aus diesem Tier kein Topstier wird. Zu oft schon ist der junge dunkelbraune Bulle aus der kleinen Arena über die Bande gesprungen, seitdem aus blechernen Trompeten der Torero-Marsch aus „Carmen“ erklungen ist, und hat eine Runde im äußeren Kreis gedreht. „Er schummelt“, erklärt der Moderator den paar Dutzend Besuchern, die sich unter dem überdachten Teil der Tribüne im Schatten zusammengefunden haben. Ein paar Minuten später ist der nächste Kandidat an der Reihe. Klein und wild stürmt er in die Arena, stoppt, schaut sich um. Eine Minute hat das Tier Zeit, um sich zu orientieren, dann erdröhnt wieder die „Carmen“. Die jungen Burschen in Jogginghosen oben am Rand der Arena machen sich bereit, hinunter ins Reich des Bullen zu springen und zu versuchen, ihn an den Hörnern zu erwischen. Sie wagen es, rennen los, werden innerhalb von Sekunden selbst zu Gejagten – und hechten behände zurück hinauf in Sicherheit. Wie Fußballspieler tragen sie Namen auf den Rücken: Panicucci, Bellone, Djerbakhir.

„Tod am Nachmittag“ würde man hier nun natürlich gern zitieren, allein, es wäre falsch. Hemingway schrieb über die spanische Corrida; was sich hier an diesem südfranzösischen Nachmittag irgendwo auf dem Land abspielt, ist Course Camarguaise, und niemand wird sterben, jedenfalls nicht in einer Arena. Die Spiele der Hirten der Camargue sind unblutig. Heute üben ohnehin nur die Jungen, Tier wie Mensch. Auch bei einem richtigen Kampf muss der „Raseteur“ nur Trophäen aus Garn erwischen – und der Star, versichert man hier, sei immer der Stier.

Jener in der Eingangshalle von Mas de Peint muss ein großer Star gewesen sein. Noch heute hängt sein ausgestopfter Schädel an der Wand. Mas steht für ein typisches Landgut im Westen der Provence, mit einem ursprünglichen Bauernhaus aus Stein. Jenes von Frédéric Bon hat auch noch einen Pool und ist so stilvoll mit Rosen bepflanzt, dass man sich unentwegt in einem Katalog von „L'Occitane“ wähnt (deren duftende Produkte natürlich im Terracottabadezimmer unter den Holzbalken des mächtigen Dachstuhls warten).

Lieber Bullen als Fußball

Die versteckte Zufahrt zum Anwesen ist von Oleandern gesäumt, Rosenlorbeer, wie er auf Französisch heißt. Reis und Alfalfa werden hier angebaut, auf dem feuchten Grasland weiden 200 Rinder und 40 Pferde. Sein Großvater war hier noch Schafhirte, erzählt Bon am Abend, als einer der Stiere dann doch mit karamellisierten Zwiebeln auf dem Teller gelandet ist. Bons Vater kaufte das Land in den Fünfzigern. Damals entstand auch aus dem sonntäglichen Spiel mit dem Stier ein Sport mit Regeln. Bis in die Siebziger hinein war es das einzige Vergnügen der ländlichen Bevölkerung. Inzwischen gibt es andere, doch noch immer gibt es Jugendliche, die sich statt in der Fußballregionalliga lieber an den Stieren ausprobieren. Dazu müsse man auch nicht von einer der „Manades“ stammen, sagt Bon. In eigenen Schulen werden Acht-, Neunjährige an die Tradition herangeführt, erst mit „falschen Bullen“, dann mit echten, zunächst noch mit Sicherheitskugel auf dem Horn.

Wie es aussieht, wenn man ungesichert aufgespießt wird, weiß Laurent. Der Gardien, Hirte, war in seiner Jugend Raseteur, „aber nicht gut“. Bis heute trägt sein Bein eine eindrucksvolle Narbe. Auf seine alten Tage führt er die Ausritte auf den Camargue-Pferden des Guts. Auch für sie ist es ein Pensionsjob. „Die sind alle über 20“, sagt Laurent im Sattel seines Schimmels über die Tiere, die aus den berühmten halbwilden Herden stammen und für die Arbeit mit den Stieren verwendet wurden. Ihre Ausbildung haben sie nicht vergessen: Cigano, der Fliegenschimmel, ist beim Ausflug durch das Naturschutzgebiet mit seinen seltenen Vögeln so leichtrittig, dass es eine Freude ist.

So wohltuend abgeschieden es sich hier anfühlt, so leicht kommt man neuerdings her. Volotea, eine spanische Fluglinie, die viele französische Städte miteinander verbindet, fliegt nun auch von Wien nach Marseille. Zwei Stunden braucht man, um in der südfranzösischen Hafenstadt von Bord zu gehen. Gegen halb zwölf am Vormittag abgeflogen, kann man man um zwei schon rechts im sumpfigen Grasland die ersten Flamingos sehen. Wenig später befindet sich das Auto auf der Fähre von Barcarin, die einen in ein paar Minuten über die Rhône trägt, und fährt hinein in die Landschaft des Flussdeltas. Reis wächst hier, in Weiß, Schwarz und Rot, auch der hiesige Wein wird zunehmend neugierig verkostet, er ist großteils biologisch, weil Winde wie der Mistral über die Felder streichen und die Blätter trocknen. Aus dem salzigen Wasser des Deltas gewinnt man Fleur de Sel.

Doch man darf sich von den Traditionen und ursprünglichen Produkten nicht täuschen lassen: Auch Provence-Kenner können hier im Westen Neues entdecken. In Arles etwa, dem Zentrum der Camargue, künden die Plakate nicht nur von Course Camarguaise und (blutiger, aber auch beliebter) Corrida im römischen Amphitheater. Da ist etwa das Hotel Jules César, ein ehemaliges Konvent, das Christian Lacroix 2014 eingerichtet hat – der Modedesigner stammt aus Arles. Oder die neue Fondation Vincent van Gogh, die sich nicht auf die Verwaltung des Namens des berühmten Gasts beschränkt, der zu Lebzeiten hier so verachtet wurde (weshalb man auch keines seiner Werke besitzt). Die 2014 in moderner Architektur im Stadtzentrum eröffnete Stiftung zeigt Leihgaben, aber stets auch einen zeitgenössischen Künstler. Derzeit etwa die „Pictures of People“ der beeindruckenden, zu Lebzeiten ebenfalls zu wenig geschätzten Amerikanerin Alice Neel.

Gehry spiegelt Erde und Himmel

Spannendes tut sich auch zehn Minuten zu Fuß von der Altstadt entfernt. Da ragen Kräne in die Höhe, glitzert eine wachsende Fassade im legendären Licht, das Van Gogh so inspiriert hat. Einst wurden auf dem Industriegelände in Arles an der Strecke Paris–Lyon–Marseille Lokomotiven repariert, dann lag es jahrzehntelang brach – abgesehen vom Fotofestival Rencontres d'Arles, das schon seit 1969 hier stattfindet. Nun soll auf dem Areal aus Mechanikhallen und Schmieden für 150 Millionen Euro ein interdisziplinärer Kulturkomplex entstehen, zu den antiken Prachtbauten von Arles gesellt sich ein neuer von Frank Gehry. Dessen spektakuläre Fassade aus 10.500 Stahlstücken soll den Bau in die Landschaft integrieren, Erde und Himmel widerspiegeln.

Hinter dem Luma-Projekt steht Roche-Erbin Maja Hoffmann. Die Sammlerin stammt zwar aus Zürich, ihr Vater wuchs aber in der Camargue auf. Die Eröffnung ist für 2018 geplant, doch schon jetzt werden einzelne Teile bespielt, etwa mit einer Fotoschau zu Annie Leibowitz' „Early Years“. Und mit einer 3-D-Brille kann man Gehrys Turm zumindest schon virtuell betreten. Schwindlig werden kann es einem auch unweit von Arles, in der Nähe des Postkartenmotivs Les Baux. Das steinerne 420-Einwohner-Dorf am Südhang der Alpilles wirkt mit seinen pittoresken Blumen und Geschäften unterhalb der Ruine fast wie eine Disneyland-Version seiner selbst. Und hat neuerdings, abgesehen von den Olivenhainen, die zu den weltbesten gehören sollen, noch eine andere Attraktion: Im ehemaligen Steinbruch, in dem einst das Material für den Bau des Dorfs und seiner Burg abgebaut wurde, liegen heute die Carrières de Lumières.

Gemälde im Steinbruch

Die hohen Kalksteinwände wurden durch ein Dach zu einer kühlen Höhle, darin werden Projektionen berühmter Malereien von hundert Projektoren auf Wände und Boden geworfen. Aktuell wandelt man durch die Gemälde des 16. Jahrhunderts; zwischen fantastisch-grotesken Triptychen von Hieronymus Bosch, Dorffesten der Brueghel-Dynastie und den Blumen- und Früchten-Gesichtern von Arcimboldo kann der Gleichgewichtssinn schon einmal ins Wanken geraten. Den Auftakt machten vor drei Jahren übrigens „Klimt und Wien“.

In vielen Teilen neu präsentiert sich dem Besucher auch das mitunter berüchtigte Marseille – vor allem dort, wo einmal der „neue“ Hafen war (der inzwischen längst von einem noch größeren abgelöst wurde). Hier legen die Fähren und Kreuzfahrtschiffe an, sonst war die Gegend eine urbane Wüste, die Kathedrale verkehrsumtobt, die Festungsanlage unerreichbar. Heute gibt es hier einen breiten Boulevard, an dem zaghaft neue Lokale eröffnen. Schon fertig ist das Einkaufszentrum in den Docks, das vor allem den vielen Kreuzfahrtschifftouristen endlich eine Möglichkeit geben soll, hier Geld auszugeben. Bis 2020 will man zu den Top Ten der weltweiten Cruisehäfen zählen. Zur Hälfte unter dem Meer liegt das Kulturzentrum Villa Méditerranée – das weiße Prestigeprojekt gilt eher als Flop aus dem Kulturhauptstadtjahr.

Vom Meer gekühlt wird gleich nebenan auch das Mucem. Das Museum beschäftigt sich mit der Kultur des Mittelmeerraums, seine Fassade aus Ornamenten nimmt Anleihen bei algerischen Schattenspendern. Ohne Eintritt zu zahlen, kann jeder dahinter flanieren oder über einen Steg hinüber zur neu erschlossenen Festung gelangen (deren Kanonen einst nicht nur aufs Meer, sondern auch auf die rebellische Stadt gerichtet waren). Von dort kommt man zu Fuß weiter zum alten Hafen und ins alte Viertel Panier. Vor ihm wurde man lang gewarnt, heute ist es ein lebendiges Ausgehviertel – die Ruhe der nahen Camargue ist hier nur noch Erinnerung.

ESSEN UND SCHLAFEN AUF DEM GUT

Die Camargue wird auf Provence-Reisen oft nur für einen Tagesausflug genutzt, lohnt sich aber auch für einen längeren Aufenthalt.

Anreise: Volotea bietet einen neuen Direktflug Wien–Marseille bis Anfang November 2017 zweimal pro Woche (donnerstags und sonntags). www.volotea.com

Essen: Café du Malartre, Les Filles du 16, Le Plaza (alle in Arles)

Wein: Mas De Valériole, Winzerbetrieb mit biologischem Anbau, neben Wein auch Getreide, Sonnenblumen und Reis. Verkostungen. www.masdevaleriole.com

Übernachten: Mas de Peint: 500-Hektar-Gut mit Fünf-Sterne-Zimmern, Gourmetrestaurant, eigener Stierzucht und Course Camarguaise, Ausritte führen zu den Herden. www.masdepeint.com

Les Baux: Hotel Baumanière (Relais & Chateaux), mit Sternerestaurant La Cabro d'or und zweitem Lokal.www.baumaniere.com

Sehen: Arles mit Altstadt, Espace van Gogh und der Fondation Vincent van Gogh. Marseille mit Mucem, Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers. Aktuelle Ausstellungen u. a. zur Fotografin Anne-Marie Filaire, Seerouten, Graffiti, Bedeutung des Fußballs.

Info: at.france.fr/de/meine-provence

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.07.2017)

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