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Saalachtal: Holts mi aussa!

27.07.2017 | 09:03 |  von Martin Amanshauser (Die Presse - Schaufenster)

Nicht weit von Salzburg, jenseits des Deutschen Ecks, liegt Lofer im Oberen Saalachtal – mit vielen Attraktionen auf sehr engem Raum.

Seisenbergklamm. Es tost durch Kessel, Schlünde und Strudeltöpfe. / Bild: (c) Sabine Gartner 

Irgendwann in der Vorzeit erklang aus dem Bachbett eine verzweifelte Stimme: „Holts mi aussa! Holts mi aussa!“ Der Legende nach folgten ein Poltern und Tosen, das Wasser schoss noch wilder als sonst durch die Auswaschungen, Kessel, Schlünde und Strudeltöpfe der Seisenbergklamm. Das Rauschen, Sausen und Gurgeln hatte bajuwarische Einwanderer einst bewogen, den mischbewaldeten, von Almwiesen aufgelockerten Berg respektvoll als G’sausenberg, später Seisenberg, zu bezeichnen. Die Hilfeschreie ertönten aus einem von alters her unzugänglichen Bereich, der „Dunkelklamm“. In ihr gräbt sich der Weißbach seit der letzten Eiszeit tief in das Juragestein und den Dachsteinkalk hinein. Über fünfzig Meter tief, derart tief, und mit derart geringen, aber kontinuierlichen Wassermassen, dass ihre Breite an der engsten Stelle gerade 80 Zentimeter beträgt. Die außergewöhnlichen Bedingungen – kühl, luftfeucht, sonnenarm, kaum Temperaturunterschiede – schufen eine besondere Fauna: Da blühen Farne und Moose, überwachsen Baumrinden, da gedeihen Hochstauden wie die Mondviole oder der blausäurehältige Wald-Geißbart.

(c) SalzburgerLand Tourismus/Achim Meurer Lamprechtshöhle. Zuerst muss man sich Lamprechtshöhle. Zuerst muss man sich / Bild: (c) SalzburgerLand Tourismus/Achim Meurer 

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Erlösung eines Strunks. „Holts mi aussa! Holts mi aussa!“ Es hieß, der Klammgeist ginge um. Erst im 19. Jahrhundert eroberten Triftknechte ihre Schluchten. Diese Berufsgruppe sorgte dafür, dass der reißende Bach die Holzstämme, die im Oberlauf geschlagen wurden, zu den holzverarbeitenden Betrieben ins Örtchen transportierte. Diese Holztrift kam zustande, indem im Oberlauf aufgestaut und schließlich ein Riesenschwall abgelassen wurde. Regelmäßig verklemmte sich das Holz in den Formationen. Die Triftknechte lösten oft unter Lebensgefahr die Strünke auch aus den unzugänglichsten Bereichen, um sie mit der nächsten Trift ins Tal zu befördern. „Holts mi aussa! Holts mi aussa!“ Selbstverständlich sprach der Klammgeist das korrekte Pinzgauerisch der Epoche, jedenfalls dann, wenn er im Tosen der Dunkelklamm diesen Satz intonierte. Viel mehr sagte er ja nicht.

Die Legende will, dass sich ein großer Stamm an der unzugänglichsten Stelle verhängt hatte. Tage brauchten die Triftknechte, um ihn freizulegen. Er gehörte zu keinem der geschlagenen Bäume, viel eher verliehen ihm seine armdicken Strünke das Aussehen eines Lebewesens. Die bizarre Wurzel wurde von der nächsten Flut ins Tal getragen und strandete prompt am Pfarrhof. Der Pfarrer besprengte sie mit Weihwasser und gab den Auftrag zu ihrer Zerkleinerung, doch vermochte kein Werkzeug, das Holz zu brechen. Am nächsten Morgen war sie verschwunden. Anders gesagt: Endlich war der Klammgeist „aussageholt“ worden. Und fortan hatten die Weißbacher keine Furcht mehr vor ihrer Dunkelklamm. Mit den Jahren gelang es ihnen sogar, sie zu einer beachtlichen Touristenattraktion zu transformieren – eine der schönsten und unheimlichsten Klammen der Welt, trotz ihrer Wildheit in einer guten Stunde zu besichtigen.

(c) SalzburgerLand Tourismus/Achim Meurer Saalach. Knapp über hundert Kilometer lang und über Landesgrenzen hinweg.Saalach. Knapp über hundert Kilometer lang und über Landesgrenzen hinweg. / Bild: (c) SalzburgerLand Tourismus/Achim Meurer 

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Im Pinzgau sprechen wir vom Oberen Saalachtal, das Untere ordnen wir Bayern zu. Die Saalach, knapp über hundert Kilometer lang, macht sich nach Art der Flüsse keine Gedanken über Landesgrenzen, wiewohl sie gelegentlich solche markiert. Sie entspringt in den Kitzbüheler Alpen, wo sie sich gelegentlich ihrer großen Schwester Salzach geografisch annähert, ohne sie zu berühren. Nach einem kurzen Flirt als deutsch-österreichischer Grenzfluss nimmt sie eine Abkürzung, durchfließt Schneizelreuth und Bad Reichenhall, markiert das Kleine Deutsche Eck, ehe sie tangential die Stadt Salzburg berührt, erneut ein Stückchen als Grenzfluss, und am Saalachspitz in der Salzach aufgeht.

Was die Salzach einst für die Salzproduktion war, war die Saalach für den Holztransport – Verschiffung der Ware in Richtung Schwarzes Meer. Einer der vielfältigsten Abschnitte des Saalachtals befindet sich bei Lofer, einem Zentrum der Pinzgauer Holzindustrie. Auf kurzer Wegstrecke haben wir drei Naturwunder, neben der Seisenbergklamm die Vorderkaserklamm mit ihrem Naturbadegebiet, wo neben dem eiskalten Ödenbach kleine, vergleichsweise warme Badeteiche angelegt sind mit Flößen für Kinder und Kaulquappen zur lokalen Froschproduktion.

Die Jausenstation am Eingang zur Schlucht serviert Kaspressknödel, Spinatknödel und Speckknödel im Idealzustand und ein Sauerkraut, wie es großartiger wohl schwerlich serviert wird. Das dritte Wunder ist überdacht: Zwischen Weißbach (Seisenbergklamm) und St. Martin, das einen Wandergolfkurs betreibt, der bis zu einer Kneipp-Anlage führt, markiert ein Häuschen vom Aussehen eines zu klein geratenen Landgasthofs ein unauffälliges Loch im Fels der Loferer Steinberge. Niemand würde erraten, dass sich da der Eingang zu einem der größten Höhlensysteme Europas befindet.

(c) SalzburgerLand Tourismus/Achim Meurer Alpine Kulisse. Ringsum Kuhalmen, überall Steinberge.Alpine Kulisse. Ringsum Kuhalmen, überall Steinberge. / Bild: (c) SalzburgerLand Tourismus/Achim Meurer 

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Feenhaftes Licht. Eine wuchtige Bergflanke öffnet sich zum Lamprechtsofen, umgangssprachlich Lamprechtshöhle. Besuchern steht die Schauhöhle zur Verfügung, ein befestigter Weg bei jahreszeitlich stabilen vier bis sechs Grad. Muss man sich zunächst bücken, führt bald eine Steiganlage zu Orten wie Frauenhöhle oder Kanzlergrotte durch voluminöse Säle bergan. Nach dem 30. Juni 1905, der Eröffnung, sprachen zeitgenössische Zeitungen von einem „feenhaften Licht der 280 bunten elektrischen Lampen“, die via lokaler Stromerzeugung durch Wasserkraft das Naturwunder erhellten – binnen Kurzem zeigte sich Thronfolger Franz Ferdinand, und er soll sich hochbefriedigt geäußert haben. Neben dem rauschenden Höhlenbach überwindet man noch heute eine Höhendifferenz von 65 Metern bis zur oberen Plattform – und hofft inständig, dass nicht das rote Hochwasserwarnlicht zu blinken beginnt, so wie am 5. September 1998. In einem solchen Fall müsste man die Anlage schleunigst verlassen. Aber wie, wenn der Rückweg versperrt, überflutet ist, wie nach jenen gewaltigen Unterpinzgauer Regenfällen, als 14 Besucher sechs Stunden lang eingeschlossen waren? Heute passiert das nicht. Sinnlos bange Höhlengedanken an einem Sonnentag. Die Gesamtausdehnung des zehn Millionen Jahre alten Höhlensystems übertrifft jene des Schaubereichs um ein Zigfaches.

Durch den Kalk führen Wege sukzessive in höhere Gefilde, die nur Speläologen (auch als Spelunkologen bekannt) – Höhlenforschern – zugänglich sind. Diese folgten dem Höhlenwind und dem Bachbett, durch Schlüfe, Gänge, flache Wasserstellen wie den Grünsee, zu einem Biwakplatz am Dolomitdom. Tiefer im Berg benannten sie düstere Orte als Verlorenes Häufchen Biwak oder glanzvoller als Perlenhalle Biwak. Bezeichnungen wie Taumelklamm, Feuersteinhalle, Gruselversturz, Superklamm, Feierabendversturz oder Polnische Kaskaden geben Zeugnis von rastloser Forschertätigkeit. Nicht nur Muschelfossilien oder Stalaktiten wurden auf den insgesamt 50 Kilometern gefunden, nicht nur wuchsen Erkenntnisse über Gebirgsbildung, Hydrologie und Gesteinsbewegung. Neun von 28 Fledermausarten Österreichs überwintern hier: die Kleine Hufeisennase, die Wasserfledermaus, die Bartfledermaus, das Mausohr, die Zwergfledermaus, die Mückenfledermaus, die Nordfledermaus, die Mopsfledermaus, der Abendsegler. 1996 entdeckten Krakauer Höhlenforscher am Ebersbergkar den Vogelschacht, einen Zugang zur Lamprechtshöhle auf 2296 Metern, womit wir von der weltweit größten wasserführenden Durchgangshöhle sprechen.

(c) Salzbuger Saalachtal Tourismus Speicherwasser nahe der Loferer  Bergstation wird zum SUP-Gelände.Speicherwasser nahe der Loferer Bergstation wird zum SUP-Gelände. / Bild: (c) Salzbuger Saalachtal Tourismus 

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Die frühen Höhlenforscher kamen übrigens nicht aus wissenschaftlichen Gründen. Im 17. Jahrhundert hatte sich hartnäckig die Sage gehalten, Ritter Lamprecht von der Burg Saaleck (hoch über dem Höhleneingang) habe seinen beiden Töchtern ein fantastisches Erbe vermacht. Die Blinde unter den beiden zog sich aus Angst vor Übervorteilung mit dem Schatz in die Höhle zurück und ward nie mehr gesehen. Ein Höllen- oder Höhlenhund bewacht ihn mit dem Ritterfräulein bis zum Jüngsten Tag. Forscher des 19. Jahrhunderts fanden folgerichtig an die 200 Skelette an verschiedenen Stellen – Suchende nach dem großen Glück.

Stand-up im Speichersee. In Bauernstuben und Landgasthöfen prangen gern Sinnsprüche. Beim Friedlwirt in Heutal bei Unken sagt ein Schild: „Ich habe keine Zeit, mich zu beeilen.“ Die nette Dame vom Frühstücksbuffet kommt da ein bisschen ins Stottern. „Ganz so is a net!“ Lauscht man den Rinngewässern vor der Tür, versteht man die Unkenerin jedoch perfekt. Niemand wird sie hetzen. Im Saalachtal ist Wasser das Thema. Auch in Form kleinerer Berggewässer wie etwa des Speichersees nahe der Loferer Bergstation der zweiten Gondelbahn. Ringsum die Kuhalmen, weiter hinter die Steinberge.

Dort wartet jeden Donnerstag Ben Randow mit seinen Stand-up Boards. Eigentlich ist er Chef der Whitewater Slaves, ein Spezialist für das Flussboarden, hier zeigt er die ersten Schritte bei der leichten und doch hochkomplexen Führung des Bretts, das später in bewegtem Wasser beherrscht werden soll. Ben hat Geduld. „Für den Leistungssport war ich zu wenig ehrgeizig. Aber ich bin gern in der Natur“, sagt der Deutsche, der auch das härtere Wintersportbusiness durchmacht. Hauptmotiv: Es ist schön hier. So mancher ist im Oberen Saalachtal stecken geblieben und vielleicht ganz froh, wenn niemand mehr seine Rufe vernimmt: „Holts mi aussa! Holts mi aussa!“

Anreise: Mit der Bahn bis Saalfelden; per Auto von Salzburg über Bad Reichenhall.

Unterkunft: Wohlfühlgasthof Friedlwirt, Familienspezialist im Heutal bei Unken, wunderbare Landschaft an einer Art Talende, Gasthof mit schönen Zimmern, gutem Essen, Kinderspielplatz mit Traktoren, Fußballtoren, Katzen. www.lofer.com

Lokal: Steinerwirt, Gasthof seit dem Mittelalter an dieser Stelle. Netter Chef, guter Hirsch. Tipp: der frische rote Hollersaft. Dorf 12, St. Martin bei Lofer, steinerwirt-stmartin.at. Dorfcafé Unken, wunderschöner Garten und besondere Pizzas, etwa die Black Pizza mit Trüffelöl, Niederland 255, Unken, www.dorfcafe-unken.at

Fahrradverleih: E-Bike Alpin Lofer Herbst, größter Bikeshop in Lofer, flexible Ausleihmöglichkeit für Räder aller Art, dazu Equipment und Bekleidung, Lofer 1a, www.bike-lofer.at

Stand-up Board & Co.: Ben Randows Whitewater Slaves Lofer e. V. veranstalten vom 15. bis 17. 9. das Lofer Rodeo (Whitewater SUP, Slalom der Deutschen Meisterschaft, Boatercross, Bootshausparty), beteiligen sich an der jährlichen Aktion Saubere Saalach, vermieten Stand-up Boards, donnerstags, am Speichersee bei der Bergstation der Gondelbahn Lofer II. www.lofer-rodeo.rocks

Höhle und Klammen:
Lamprechtsofen, Schauhöhle 700 m tief, Eingang am Gasthaus Lamprechtshöhle, Obsthurn 28, St. Martin bei Lofer; www.gasthaus-lamprechtshoehle.eu. Seisenbergklamm, www.erlebnisklamm.at und www.weissbach.at, direkt im Ort Weißbach. Es gibt auch nächtliche Fackelwanderungen. Vorderkaserklamm, etwas kleiner, aber nicht viel unspektakulärer als die Seisenberg, erreichbar z. B. via Tauernradweg. Am Klammeingang: Jausenstation Vorderkaser, www.vorderkaser.com

Info: Szbg. Saalachtal Tourismus www.lofer.com

Der Autor war Gast des Salzburger Saalachtal Tourismus.

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