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Schweiz: Der Fluss geht durch den See

01.08.2017 | 13:46 |  Von Dietlind Castor (DiePresse.com)

Dichter, Schriftsteller, Maler und Fotografen haben die Schönheit des Bodensees in Wort und Bild festgehalten. Sehr ergiebig ist das Südufer mit seinen Schlössern, Fachwerkhäusern und gepflegten Kulturlandschaften.

Themenbild: Bodensee / Bild: Imago 

Lauter hübsche kleine Orte ziehen sich am Südufer, am Schweizer Anteil des Bodensees entlang und weichen auch in die Höhe der dahinter liegenden Berge aus. Der Blick in Richtung Norden erinnert hier am breiten Obersee an eine sanfte Meerlandschaft. Von der deutschen und österreichischen Seite hingegen sieht das Schweizer Ufer dramatischer aus, weil sich Hügel und Alpenketten dahinter auftürmen. Das erste größere Seebad ist Rorschach im Kanton St. Gallen. Sein Hafen diente jahrhundertelang dem berühmten Stift St. Gallen als Umschlagplatz für Waren. Zum Dank ließ einer der Äbte von Gasparo Bagnato das prächtige Kornhaus am Hafen bauen, das heute noch das Wahrzeichen der Stadt ist. In den weiträumigen Hafen laufen die weißen Schiffe der Bodenseeflotte aus und ein, befördern Feriengäste nach Lindau, zum Altenrhein oder am Ufer entlang zur Insel Mainau. Badegäste lieben die auf Stelzen stehende große hölzerne Badhütte aus dem Jahr 1924, von denen es nur noch wenige am See gibt. Relativ neu ist das große Museum des Unternehmers Würth, ebenfalls am Seeufer gelegen, mit laufend neuen Ausstellungen nebst der ständigen Kunstsammlung.

Üppige Landschaftsidylle

Beim Hafen in Rorschach startet auch die nostalgische Zahnradbahn. Seit September 1875 kraxelt sie zum rund 800 Meter hochgelegenen Dorf Heiden herauf. Vor allem Kinder sind begeistert, wenn sie in die knallroten offenen Wagen der Heidenbahn einsteigen dürfen. Normalerweise kennen sie ja keine Holzbänke mehr im Zug. Die Spur dieser Bahn ist normal breit, allerdings wird ein Teil der Strecke durch Zahnrad- beziehungsweise mit Zahnstangenbetrieb bewältigt.
Je höher es hinaufgeht, umso schöner wird der Blick zurück auf den riesenhaften Bodensee. Zu beiden Seiten sieht man üppige Wiesen mit Kühen und Schafen, mit Blumen geschmückte Bauernhäuser und putzige kleine Bahnhöfe bei den Haltestellen. Eine Attraktion der Heidenbahn ist, wenn mitunter an Sonntagen die kleine grüne Dampflok Rosa fährt.

Mit acht Stundenkilometern schnauft und dampft sie ihrem Ziel entgegen. Öfter wird sie von Joggern und Bikern überholt. Mit einem markanten Heulton warnt der Lokführer seine gut gelaunten Fahrgäste, unterwegs keine Blumen zu pflücken. Viel zu schnell geht die Fahrt vorbei, und das Biedermeierdorf Heiden in der sattgrünen Hügellandschaft des Appenzeller Vorderlandes ist erreicht. Es lohnt sich, hier herumzuwandern und den sagenumwobenen Chindlistein zu suchen oder den Witzwanderweg auszuprobieren. Den schönsten Ausblick hat man übrigens oben vom Kirchturm. Bei der Talfahrt empfiehlt es sich, bei der Station Wartensee auszusteigen und das gleichnamige Schloss (heute ein Tagungshotel) anzuschauen.

Vielleicht auf eine Kaffeejause im nahen Gasthaus Windegg mit seiner Terrasse und dem Traumblick auf See und Altenrhein? Verlässt man bei der Bahnstation Sandbühel die Rorschach-Heidenbahn, sind es nur zehn Gehminuten zum Schloss Wartegg in seinem 13 Hektar großen Park. Hier suchte der letzte Habsburger Kaiser, Karl, nach dem Zusammenbruch der Österreichisch-Ungarischen Monarchie im Jahr 1918 mit seiner Familie kurz Zuflucht, nachdem 700 Jahre vorher der Urvater der Dynastie, jener sogenannte arme Graf Rudolf von Habsburg aus der Schweiz ausgezogen war, um die Krone des Reiches zu tragen. Heute bietet das Schloss als Biohotel mit seinem von „Gault Millau“ und „Michelin“ ausgezeichneten Restaurant auch Normalsterblichen Zuflucht.

Bei Arbon beginnt bereits der Kanton Thurgau. Der Name leitet sich von dem kleinen Fluss Thur ab, der allerdings nicht in den Bodensee, sondern in den Seerhein mündet. Wegen seines Obstanbaus wird die Gegend auch Moschtindien genannt. Speziell im Frühling bietet sich ein zauberhaftes Bild, wenn die Bäume in Blüte stehen. Die kleine Seegemeinde Altnau nennt sich wegen ihrer mehr als 300.000 Apfelbäume das Apfeldorf. Hier gibt es auch den ersten Obstlehrpfad der Schweiz. Besonders stolz sind die Bewohner, dass sie den mit 270 Metern längsten Steg für die Personenschifffahrt am ganzen Bodensee besitzen.

Schwäbisches Meer

Während bei der Hafenstadt Romanshorn der Bodensee mit zwölf Kilometern Breite seinem Namen Schwäbisches Meer alle Ehre macht, teilt der Bodanrück, die erhöhte Halbinsel, bei Kreuzlingen die Wasserfläche in verschiedene Arme. Wobei die Schweiz Anteil am Untersee und dem sogenannten Seerhein hat, aus dem der Rhein schließlich nach der Durchquerung des Sees wieder solo hervorkommt und sich bei Schaffhausen in einem gigantischen Wasserfall in die Tiefe stürzt, dem berühmten Rheinfall.

Schlösser am Seerhein

Sehenswerte Orte mit Fachwerkhäusern, den sogenannten Riegelbauten, Klöster, Schlösser und Burgen sind so zahlreich, dass nur ein paar erwähnt werden können. Nahe der deutschen Konzilsstadt Konstanz liegt beispielsweise mit 300 Einwohnern das kleinste Dorf am Untersee: Gottlieben. Und doch hat dieser Ort nicht nur wunderschöne Riegelhäuser wie etwa die Drachenburg. Auch bekannte Namen verbinden sich mit diesem Ort – besonders einer: Udo Jürgens lebte und starb hier.

Direkt am Seerhein fällt ein geheimnisumwobenes Wasserschloss auf. In ihm wurde während des Konzils von Konstanz (1414–1418) der Reformator Johannes Hus mitsamt einigen Glaubensgenossen, die man dann allesamt verbrannte, Hieronymus von Prag und der geflohene Gegenpapst Johannes XXIII. gefangen gehalten. Prinz Louis, der spätere Napoleon III. kaufte das Objekt 1836, baute es im neugotischen Stil um, wohnte aber nur kurz darin. Im Jahr 1950 erwarb die Schweizer Sängerin Lisa della Casa mit ihrem Mann, Dragan Debeljevic, das Wasserschloss und lebte darin bis zu ihrem Tod im Jahr 2012. Für Publikum bleibt es unzugänglich.

Besucht werden kann hingegen eines der schönsten Schlösser am See: das von Arenenberg bei Salenstein, einst auch im napoleonischen Besitz. Durch seine erhöhte Lage blickt es auf den Untersee, auf die Insel Reichenau, die zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt wurde, und auf die Vulkankegel des Hegaus. Hortense de Beauharnais, Tochter von Josephine, der ersten Frau Napoleons, kaufte das Anwesen im Jahr 1817. Die strahlende Schönheit richtete das Schloss dem damaligen Pariser Geschmack entsprechend ein. So erinnert der Salon an jenen ihrer Mutter in Malmaison.

Napoleonisches Blut

Hortense hat viel Geld mitgebracht und gilt als Gründerin der Bodenseeschifffahrt, die mit Dampfschiffen begonnen hat. Heute ist die restaurierte Hohentwiel als einziges Dampfschiff auf dem Bodensee unterwegs. Der jüngste Sohn von Hortense, Louis Napoleon, wuchs in Schloss Arenenberg auf. Er war wohl sehr umtriebig, und es heißt, dass in der Umgebung zu seiner Zeit in manchen Adern napoleonisches Blut floss.

Während seiner Zeit als Kaiser ließ Napoleon III. das Gebäude ein wenig umgestalten. So kam etwa 2010 sein Marmorbad in einem der Wirtschaftsgebäude wieder zum Vorschein. Seine Frau, Eugénie, schenkte das Schloss 1906 nach seinem Tod schließlich dem Kanton Thurgau. Der englische Landschaftspark mit seinen riesigen Weihrauchzedern und Platanen, mit seinen Kieswegen und Brunnen ist ebenfalls wieder hergestellt worden.

Münzen im Wasser

Kurz vor der Stelle, an dem der Rhein den Bodensee endgültig verlässt, befindet sich die Insel Werd, die über einen langen Holzsteg zu erreichen ist. Bereits die Römer hatten hier eine Brücke gebaut, und entsprechend fand man Tausende von römischen Münzen im Wasser. Wollten sie damit die Götter gnädig stimmen? Heute beherbergt ein kleines treppengiebliges Haus mit angebauter Kapelle drei Franziskaner, die wie ihr Ordensgründer Menschen in schwierigen Situationen helfen. Und im Klostergarten lädt ein uraltes Symbol, ein Labyrinth, die Besucher ein, ihren eigenen Weg zu finden.

BODENSEE SÜDUFER

Infos: Kreuzlingen Tourismus: www.kreuzlingen-tourismus.ch,

Thurgau Tourismus: www.thurgau-bodensee.ch,

St. Gallen-Bodensee: www.st.gallen-bodensee.ch

Unterwegs: Regionalbahn Thurbo: www.thurbo.ch, Appenzeller Bahnen: www.appenzellerbahnen.ch, mit dem Rad: www.rentabike.ch

Übernachten: Schloss Wartegg/ Rorschacherberg, Biohotel mit Park: schloss@wartegg.ch, Hotel Die Krone, Gottlieben, direkt am Seerhein, mehr als 300 Jahre alt: www.hoteldiekrone.ch, Bö's Hotel, Heiden, Panoramasicht über den Bodensee: www.hotelheiden.ch

Essen: Gasthaus zur Fernsicht, Heiden: www.fernsicht-heiden.ch, Gasthaus Windegg, Rorschacherberg, Traumblick: Tel.: +41/(0)71/855 30 41, Krone, Ermatingen, rustikales Fischerriegelhaus aus dem Jahr 1624: Tel.: +41/(0)71/664 17 44, Burg Hohenklingen, Stein am Rhein, aus dem 13. Jahrhundert: www.burghohenklingen.ch,

Wirtschaft zum Schloss von Arbon mit kleinem Park, www.schloss-arbon.ch

Tipps: Kunst im Würth-Haus, Rorschach: www.wuerth-haus-rorschach.ch, Schloss Arenenberg, Salenstein: www.napoleonmuseum.tg.ch

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.7.2017)

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