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Freistadt Christiania: Ausnahmezone, aber nicht ganz

04.08.2017 | 13:58 |  Von GÜNTER SPREITZHOFER (DiePresse.com)

Die größte Kommune der Welt, die selbst ernannte Freistadt Christiania, hat im Vorjahr Kopenhagens Touristenattraktion nicht nur selbst gekauft, sondern räumt seither sogar in der Pusher Street auf.

Christiania, die in den 1970ern gegründete Enklave: grünes Stück mitten in Kopenhagen, aber von seiner Einstellung heute nicht grüner als der Rest von Dänemark. Fahnen markieren die Quasiausnahmezone. / Bild: isit Denmark 

Gerade das war eigentlich nicht zu erwarten, fast 46 Jahre nach der Gründung der Kommune, in denen ein bisschen Gras niemanden so richtig gejuckt hat. Anfangs war alles ganz harmlos gewesen, und für Reiseseiten völlig bedeutungslos: Im September 1971 besetzte eine Gruppe von Hippies und Linksaktivisten ein 34 Hektar großes ehemaliges Militärgelände in Christianshavn, einem Stadtteil im Zentrum von Kopenhagen. Sie richteten die leer stehenden Gebäude und Munitionslabore her, die nach dem Zweiten Weltkrieg ungenutzt überwucherten, bauten Holzhütten an den Ufern des seebreiten Wehrgrabens und beschafften sich Wasserrohre und Stromkabel.

Die basisdemokratische Selbstverwaltung stützte sich auf strenge Regeln: Kein Diebstahl, keine Gewalt, keine Autos, keine Abzeichen von Motorradklubs, Motorräder schon gar nicht, weder Schusswaffen noch schusssichere Westen und keine harten Drogen. Alles andere war zumindest toleriert, wenn auch vom Staate Dänemark nicht immer gern gesehen. „Wer sich nicht daran gehalten hatte, stand bald in Unterhosen auf der Straße draußen“, erinnert sich Jan, ein Siedler der ersten Stunde, der heute im Café Nemoland Teller wäscht.

Dramatischer Zwischenfall

Im Vorjahr war jedoch Schluss mit lustig, als ein Drogenhändler nächtens das Feuer auf Polizisten eröffnete, wobei auch ein Tourist verletzt wurde. Und das war wohl der Tropfen, der das Fass für die Einwohner des schrägen Touristenmagneten zum Überlaufen brachte, dem die Koketterie mit Stoffen aller Art wohl zu viel wurde. „Die Pusher Street lebt glücklich bis ans Ende ihrer Tage – gestern, heute und morgen“ steht in knalligem Rot auf den Postkarten, die um zehn Kronen bei den Souvenirständen am Eingang zu Christiania verkauft werden. Die legendären Verkaufsbuden sind derzeit aber verschwunden, Rückkehr ungewiss.

Diese haben die Christianiter neulich mithilfe von alten Baumaschinen selbst weggeräumt. Und wenn es nach der basisdemokratischen Mehrheit geht, sollen sie auch nicht zurückkommen. „Hilf Christiania: Kauf dein Hasch woanders“, heißt es auf den Stickern an Wänden und Laternenmasten rund um die autonome „Freistadt“, die ihr kleines, feines, alternatives Leben zurück und einfach Ruhe haben will. Christiania ist ziemlich grün und erstreckt sich über mehr als zehn Viertel, die Friedensarche oder Löwenzahn, Milchstraße oder Prärie heißen. Es gibt improvisierte Kinderspielplätze und viel Grün, makrobiotische Läden und indischen Schmuck. Schnell geht hier keiner, das scheint nicht gern gesehen. Es ist ruhig dort, ein unwirkliches suburbanes Idyll, mit Schilfgras und vielen Tragetüchern und Tattoos. „Hobbit“-Stimmung auf Dänisch.

Herrenlose Flohmarktstände mit allerlei Altem, Prinzip Self-Service, also Geben und Nehmen. Gegrillt wird oft kommunal, unter einem aufblasbaren Globus, der zwischen ausgebleichten tibetischen Gebetsfahnen von einer Wäscheleine baumelt. Dahinter ein bauliches Fantasieland aus Baumhäusern, kirgisischen Jurten, alten Bootsschuppen, umfunktionierten Bunkern, Wohnwagen ohne Räder und spitzgiebeligen Häusern, die wie Ferienhütten aussehen.
Die alten Kasernenhallen und die öffentliche Toilette sind voller Graffiti. Es gibt Kinderbetreuung und eine Konzerthalle, einen Skaterpark und ein Tonaufnahmestudio im Container. Wer ein einschlägiges Badeerlebnis sucht, begibt sich in das kommunale Badehaus, zahlt Eintritt (in dänischen Kronen oder Lön, „Lohn“, der kommunalen Währung) und nutzt die Gemeinschaftsbürste. Hinein darf inzwischen jeder, denn „nackt sind wir doch alle gleich“, wie Hans aus Jütland sagt, der immer noch keinen Wasseranschluss hat, aber dafür eine Satellitenschüssel.

Viele Christianiter arbeiten längst draußen, in Kopenhagen, hinter dem Schild „Hier betreten Sie die EU“, wo sie auch ihre Autos parken, die sie drinnen nicht haben dürften. Dort, in der Fabriksstraße, werden wochentags Lastenfahrräder zusammengebaut und alte Öfen restauriert, von denen einige schon in „Harry Potter“-Filmen aufgetaucht sind. Hektisches Treiben? Fehlanzeige, alles fließt, auch die Sozialhilfezahlungen, auf die rund 40 Prozent der paar Tausend Einwohner angewiesen sind.

isit Denmark ChristianiaChristiania / Bild: isit Denmark 

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Zwischen Kult und Kommerz

„Ihr könnt uns nicht töten“, ein Song der Flower-Power-Rockgruppe Bifrost, gilt seit 1976 als inoffizielle Hymne der Fristad Christiania. Davon war auch nie die Rede. Und der dänische Staat ließ die Leute lang gewähren: Ein praktisches Auffangbecken für Gestrandete und Nonkonformisten, die zum Teil schon in dritter Generation anders zu leben versuchen als andere. Raumplanerische Begehrlichkeiten hatten in Kopenhagen bis zur Jahrtausendwende keine Chance. Doch dann wurde der Stadtteil Christianshavn für Privatinvestoren und wohlsituierte Bobos zunehmend attraktiv. Weiche Drogen störten bis dahin niemanden, doch nun drohte der Drogenhandel auszuufern: Auch von Hippies und Haschischbrocken war nichts mehr zu sehen, seit oft organisierte Banden das Kommando in der Pusher Street, dem Herzstück der Kommune, übernommen hatten. Der Umsatz wurde zuletzt auf bis zu 130 Millionen Euro jährlich geschätzt. „Damit wir uns nicht missverstehen“, meint Bewohner Tarim, „Christiania ist weiterhin für die Legalisierung von Haschisch. Aber so, wie die Situation jetzt ist, mit ständig wachsender Gewalt, wollen wir das hier nicht mehr haben.“

Dort, im „Greenlight District“ von Pusher Street und Nebengassen, herrschte schon zuvor Fotografierverbot nicht nur auf dem Papier. Unmissverständliche Schilder im Meterabstand und in Plakatgröße ließen keinen Zweifel daran, dass das bunte Volk es dort ernst meinte. Durchgehen war erlaubt, rund 40 Shops auf 50 Metern, vorbei an Pot und Shit zu ausgeschilderten Fixpreisen, gemeinsam mit schlurfenden Teenagern mit roten Augen auf Schnäppchenjagd. Der süßliche Geruch der Joints liegt immer noch in der Luft, momentan eben irgendwo anders auf dem Gelände, weil die Hütten auf Halde sind.

Christiania Autofrei und unorthodox wohnt der Bodensatz von Christiania.Autofrei und unorthodox wohnt der Bodensatz von Christiania. / Bild: Christiania 

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Bürgerliche Enklaven

„Gehen Sie nicht als Tourist nach Christiania“, schrieb der Fotograf Mark Edwards 1980 in seinem Buch „Christiania – Versuche, anders zu leben“, „Sie werden sich unbehaglich und fehl am Platz fühlen“. Die Besucher von Kopenhagen sind seinem Ratschlag aber nie gefolgt: Angeblich gehört die Fristad heute zu den drei beliebtesten Attraktionen der Hauptstadt, gleich nach Meerjungfrau und Tivoli. Über eine Million Touristen passieren jährlich den Torbogen mit der Aufschrift „Sie verlassen jetzt die EU“. Mittlerweile kommen, zumindest tagsüber, sogar Schulklassen auf Besuch. Und an Wochenenden gibt es geführte Touren durch das einstige Hippie-Homeland, mit Buchungsoption online.

Das traditionelle Regelwerk findet sich im Touristenshop gleich am Eingang auch zu kaufen, als skurriles Souvenir, laminiert oder als Rollposter. Genauso wie Sweatshirts und Kapuzenjacken, mit oder ohne kommunaler Fahne. Sie ist rot mit drei gelben Punkten, die die i-Punkte in Christiania darstellen sollen. Angeblich fanden die ersten Hausbesetzer gelbe und rote Farbe in enormen Mengen vor, die verwertet werden wollte. Inzwischen existiert längst auch ein kleiner Baumarkt auf dem Gelände, in der ehemaligen Reithalle, wo recycelte Baumaterialien auf Abnehmer warten. Und davon gibt es genug, auch von außerhalb.

Quo vadis, Christiania? Kopenhagen ist heute längst so grün wie Christiania damals in den 1970ern. Recycling ist in ganz Dänemark normal. Vegetarische Gerichte werden lang schon auch außerhalb des Morgenstedet serviert, eines der hiesigen Pionierlokale. Gleich hinter der Pusher Street finden sich Schanigärten, Happy Hours, King-Size-Burgers für Freaks und Families. Urchristianiter sind jedenfalls kaum da – auf den ersten Blick. Längst finden sich auch in Christiania bürgerliche Enklaven wie das Spiseloppen – empfohlen von „Trip Advisor“ und „Marco Polo“, mit internationaler Küche und deftigen Preisen, wo ohne Reservierung kaum je ein Platz frei wird und die Händetrockner elektrisch sind.

Die Tische auf einer Seite des langen Raums waren eigentlich für Christianiter reserviert. Doch sie kommen kaum noch hierher. Die Ideologen und Aktivisten von früher sind fortgezogen, alt geworden oder beides. „Heute zahlen wir doppelt so viel für halb so viel Freiheit“, sagt Lykke, selbst ernannter Anarchist und Archivar der Kommune, und bestellt noch einen Chokoladekage. Neun Euro für ein Dessert, nicht schlecht. Wenn schon kein süßlicher Geruch mehr, dann wenigstens süßlicher Geschmack, ganz legal: Kommune light eben, bekömmlich für Besucher aus aller Welt.

Anarchisten und Staatsaktionäre

Die Enklave: 2011 wurde der Entzug der Selbstständigkeit Christianias bestätigt. Räumung oder Kauf, andere Optionen gab es keine mehr. Die knapp tausend Christianiter stiegen daraufhin auf den Kompromissvorschlag der Regierung ein, das Areal zu kaufen: um rund 20 Millionen Euro, die zum Großteil durch sogenannte Volksaktien abgedeckt werden sollen.

Mitte Juli 2012 wurde damit mehr als die Hälfte beglichen, der Restbetrag wird über eine jährliche Miete abgestottert (rund 700.000 Euro) und das Areal an die Stiftung der Christianiter übertragen. Eigentum und Grundbucheintragung hat nach wie vor keiner der Bewohner. Nur die denkmalgeschützten Bereiche der alten Wallanlagen aus den Schwedenkriegen bleiben Staatsbesitz.

Unorthodox ist die Architektur in dieser „autonomen Gemeinde“ mit kleinen Häuschen und alter Bausubstanz. Erkunden kann man Christiania auch gut mit dem Fahrrad.

Infos zur Umgebung: www.visitcopenhagen.com,
www.visitdenmark.de

("Die Presse", Print-Ausgabe, 5.8.2017)

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