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Abtauchen: Der Ägäis auf den Grund gehen

10.08.2017 | 10:04 |  von Carolyn Martin (Die Presse)

Gewaltige Wracks und leuchtende Höhlen, antike Amphorenfelder und schwarze Steilwände. Eine Reise ins Unterwasserreich rund um die bekannten Inselgrößen.

Tauchgang am ägäischen Meeresgrund / Bild: Martin Schmutzer 

Der Nordwind fegt über das Meer. „Fünf Beaufort!“, ruft Pavlos herüber. Gischt schlägt über das Schlauchboot, das die Wellen mit Kraft durchschneidet. Wir halten auf Naxos zu, das sich mit seiner bergigen Silhouette am Horizont aus dem Meer erhebt. Da, wie aus dem Nichts, taucht ein Schornstein auf der Wasseroberfläche auf. Pavlos steuert das Boot heran und gibt das Zeichen zum Abtauchen. Mit einer Rückwärtsrolle landen wir im Wasser. Angenehm warm und herrlich klar! Keine drei Meter abgetaucht, verschlägt es einem gleich den Atem: Was für ein Anblick! Unter uns erstreckt sich das riesige Deck eines Schiffes.

Der imposante Rumpf, mehr als 90 Meter lang, liegt seitlich auf dem Kiel, wie ausgestreckt auf dem Meeresgrund. Die Relings sind mit leuchtend gelben Korallen und Schwämmen bewachsen. Bis zur Schiffsbrücke kann man sehen. Das Wasser gluckst und knistert leise. Magisch, dieses Bild. Wir lassen uns treiben, schweben durch die ins Blau einfallenden Sonnenstrahlen, hinein in Schwärme von Riffbarschen, die das Wrack umkreisen. Hier unten in 25 Metern Tiefe ruht die Marianna auf dem Meeresboden der Ägäis.

Muränen in der Marianna

Einst fuhr sie für die Reederei Maersk bis nach Sri Lanka. Am 24. Juli 1981 steuerte der Kapitän das Schiff von Piräus in den Kanal vor Naxos. Es war voll beladen mit Erzmineralien, mit Gerste, Dünger, Metall und Marmor. Ziel der Reise war der Persische Golf. Doch im Morgengrauen krachte das Schiff an die Felsen des bis an die Oberfläche reichenden Amarides-Riffs. Bevor es versank, konnte die Besatzung gerettet werden.

Heute ist die Marianna Heimat von Muscheln und Muränen, von Bärenkrebsen und Zackenbarschen, vielfältig umschwärmt – auch von Tauchern. Das Wrack der Marianna zählt heute zu den Toptauchplätzen im Mittelmeer. Unzählige versunkene Schiffe und Flugzeuge ruhen auf dem Meeresgrund. „Allein in der Ägäis liegt die Hälfte der im Mittelmeer abgestürzten Flieger aus dem Zweiten Weltkrieg“, erzählt Pavlos, zurück auf dem Schlauchboot.

Tauchlehrer Pavlos Besis, sechsmaliger griechischer Rekordhalter im Flossenschwimmen, kennt diesen Teil der Ägäis wie seine Westentasche. Er verfolgt jede neue Entdeckung eines Wracks mit Akribie und Leidenschaft. „Erst 2007 ist hier südlich vor Naxos eine Bristol Beaufighter in einer Tiefe von 34 Metern entdeckt worden.“ Der Flieger zählt inzwischen zu den bekanntesten Tauchplätzen der Ägäis. Gegenüber, in einer Bucht vor Iraklia, wurde ein deutsches See-Mehrzweckflugzeug aufgefunden: Die Arado Ar196 A-3 war als Katapult-Bordflugzeug im Zweiten Weltkrieg eingesetzt. Auf elf Metern Tiefe liegend ist es heute auch für einen Tauchanfänger leicht zu erreichen.

Martin Schmutzer Zwischen Naxos und Paros liegt die MariannaZwischen Naxos und Paros liegt die Marianna / Bild: Martin Schmutzer 

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Mythologischer Meeresgrund

Die Ägäis erstreckt sich als nordöstlicher Teil des Mittelmeers vom griechischen Festland bis zur Kleinasiatischen Küste und über 600 Kilometer hinunter bis zum kretischen Inselbogen. Das Mare Aegaeum ist ein reiches Land aus Wasser und Inseln. Auf einer Fläche von 240.000 Quadratkilometern schwimmen die Kykladen, Kreta, Euböa, die Sporaden, die Thrakischen und Saronischen Inseln und sowie die Inseln der Ostägäis im sagenhaften Blau. So tauchen wir in die Geschichte ein – bis ins Reich des mythischen Königs Aigeus: Es war Aigeus' Sohn Theseus, der nach Kreta zog und sich dort in Ariadne, Tochter von König Minos, verliebte.

Theseus besiegte den Minotaurus, folgte Ariadnes Faden aus dem Labyrinth und ließ sie doch auf Naxos zurück. Weil er vergaß, die weißen Segel als Signal für eine erfolgreiche Mission zu hissen, stürzte sich sein Vater, Aigeus, ins Meer – und gab so der Ägäis ihren Namen. Mit ihren Mythen und Schätzen galt die Ägäis seit jeher als Wiege großer antiker Kulturen.

Seefahrt und Handel prägten das Meer und die Inseln. Mit dem Katamaran geht es weiter nach Mykonos ins Herz der Ägäis. Zwischen Tinos, Syros und Ikaria eingebettet, liegen auch rund um diese touristische Superlativinsel etliche Wracks als gute Tauchgründe auf dem Meer. Waldemar Foit, der an der Südküste das Kalafati Dive Center leitet, bringt auf seiner Arielle II regelmäßig Taucher zu den Wracks „Anna II“ und „Peloponisos“. Auch wunderschöne Riffe wie das Paradise Reef und die Lia Bay erstrecken sich vor Mykonos und sind Heimat von Oktopus, Marmorrochen, Himmelsgucker und Meerpfauen. Das Ägäische Meer soll von immerhin 700 Fischarten bewohnt sein.

Martin Schmutzer Faszinierende Lava-FormenFaszinierende Lava-Formen / Bild: Martin Schmutzer 

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Lava, bizarr erstarrt

Richtig kahl dagegen wirkt es unter Wasser weiter südlich: Santorin ist Vulkanier-Land. Mit der Fähre angekommen, machen wir das Schlauchboot startklar und steuern zum Vulkankrater. Vor der gewaltigen Steilwand der Insel tauchen wir ab. Was oberhalb der Caldera dramatisch beginnt, fällt im gefluteten Vulkankrater noch steiler in die Tiefe. Kahle Felswände, schwarz wie die Hölle. Lavagestein, in faszinierende Formen gegossen.

Borstenwürmer und Nacktschnecken tauchen im Schein der Lampe auf. Dreißig Meter unter dem Meeresspiegel – und weiter kein Grund in Sicht. Da unten bewegen sich Schatten! Riesige Zackenbarsche patrouillieren an der Kraterkante. Wir folgen ihnen langsam, erreichen einen spitz zulaufenden Felsnadelturm. Unser Umkehrpunkt. Langsam steigen wir wieder auf, tief beeindruckt von der unterseeischen Kraterwelt.

Mit Pavlos und seinem Freund Paul geht es zum Abschluss der ägäischen Tauchtour noch in Richtung Antiparos. Flossen und Flaschen liegen bereits penibel geordnet im Boot. Paul Orphanidis ist ein Tauchprofi mit über 3500 Tauchgängen, alle akribisch ins Logbuch eingetragen. Pavlos witzelt, Paul habe somit drei Monate seines Lebens unter Wasser verbracht. Der in Südafrika geborene Grieche tauchte schon weltweit, von den Bahamas bis zu den Malediven. Aber das Mittelmeer bleibt für ihn etwas ganz Besonderes. Das will er uns zeigen.

Martin Schmutzer Finger weg, Muräne vorausFinger weg, Muräne voraus / Bild: Martin Schmutzer 

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Höhle mit Luftblase

Vor Antiparos erheben sich drei kleine Eilande. „Links, das ist Panderonisi“, ruft Paul, „für mich der schönste Tauchplatz im Mittelmeer!“ Wir tauchen an einer Steilwand hinunter bis zum Eingang in ein Höhlensystem. Gewaltig ist ein Hilfsausdruck: Die Öffnung muss an die zehn Meter hoch sein. Das Licht der Lampe fällt auf leuchtende Wände, mit Schwämmen besetzt. Sonnengelbe Spots, es müssen Abertausende sein. Kleine Fische flitzen aufgeregt umher. Nacktschnecken am Grund sehen aus wie kleine Höhlendrachen.

Wir stecken die Köpfe aus dem Wasser – und atmen Luft. Die Höhle birgt eine Luftblase. An bunt bewachsenen Felswänden entlang geht es wieder nach außen. Zurück am Boot erzählt Pavlos, dass ganz in der Nähe auf der Insel Saliagos die wohl älteste Siedlung der Kykladen aus der Jungsteinzeit entdeckt worden ist. Noch einmal eintauchen auf dem Rückweg, in einer Rifflandschaft östlich von Paros. Seegras wiegt in der sanften Strömung über Sand. Der Boden ist mit Amphorenscherben bedeckt, Zeugen vergangener Zivilisation. Die Schätze der Ägäis reichen bis in die Antike.

Die Autorin lebt zum Teil in den Kykladen und war mehrere Jahre in Hamburg Chefredakteurin des Magazins „Tauchen“.

Krater, Höhlen und Fische entdecken

Anreise: Die griechische  Regionalfluggesellschaft Sky Express verbindet Athen seit diesem Sommer mit vielen Ägäis-Inseln, beispielsweise mit Milos, Mykonos, Syros, Naxos, Paros, Kreta, Karpathos, Santorin, Skiathos oder Astypalea, www.skyexpress.com.

Tauchen: ist in Griechenland überall erlaubt, ausgenommen bei archäologischen Fundstellen. Die Divecenter bieten Tauchgänge, Ausbildung und Spezialkurse wie
Wrack- oder Nachttauchen an.

Ausgewählte Tauchbasen:
z. B. auf Naxos: www.naxosdiving.com, auf Mykonos: Kalafati Dive Center, www.mykonos-diving.com, Mykonos Diving Center: www.dive.gr, Go Dive Mykonos: www.godivemykonos.com, auf Paros: Paros Divers: www.paros-divers.com, Paros Diving Center: www.parosdiving-center.com, auf Santorin: Volcano Dive Centre: www.scubagreece.com, Mediterranean Dive Club: www.divingsantorini.com, auf Milos: www.milosdiving.gr, auf Kreta: www.dive-cretamaris.gr und www.atlantis-creta.com.

Besondere Spots: Zwischen Naxos und Paros liegt die Marianna, ein 91 Meter langes Cargoschiff, auf Grund. Das 1981 versunkene Wrack zieht sich fast von der Oberfläche bis auf 25 Meter hinab, ist schön bewachsen und Heimat vieler Fische.

Panderonisi Cave: 30 Minuten in westlicher Richtung liegt bei Antiparos die Höhle mit über 30 Meter abfallenden Wänden, teilweise mit Schwämmen bewachsen, ein fotogener Spot!

Tipp: In Griechenland bieten nur wenige Dive Center ein Pick-up-Service vom Hotel an. Also mit Flossen, Neoprenanzug und Tauchweste in den Inselbus? Wohl kaum. Mit einem Leihwagen kommt man gut zu den Tauchbasen, transportiert sein Equipment bequem und erreicht zudem auch abgelegene Küsten als Ausgangspunkt für individuelle Schnorchel- und Tauchgänge. Autoverleiher Sixt ist auf allen wichtigen Inseln mit Stationen vertreten, bietet Packages und zuverlässiges Service. www.sixt.gr.

Meer, gedruckt: „Im Mittelmeer zu Hause“: Mit 500 imposanten Farbfotos beschreibt Lisa-Ann Gershwin „Quallen – als Faszination einer verkannten Lebensform“, ganz neu erschienen, bei Delius Klasing, 30,80 €, www.delius-klasing.de

„Wetter auf See“ informiert Leser, die sich viel auf und im Wasser bewegen, auch über Seegang und Meeresströmungen. Von Ralf Brauner, im DSV-Verlag, 30,80 €, www.dsv-verlag.org

Zum Nachschwärmen: „Die Farben des Meeres“, Kalender 2018 mit einem Meter Breite, von Harald Schmitt bei Delius Klasing, 98 €, www.delius-klasing.de

("Die Presse", Print-Ausgabe, 5.8.2017)

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