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Wenn Vincent das gewusst hätte . . .

25.08.2017 | 11:22 |  Von Ulli Traub (Die Presse)

Dass seine Heimat, das Nord-Brabant, nun mit seinem Namen um Touristen wirbt, hätte Vincent van Gogh wohl gewundert. Dort aber nennt man ihn gern beim Vornamen.

Quer durch Brabant zu Vincent van Goghs Orten: Van Gogh-Haus in Zundert. / Bild: (c) NBTC Holland Media Bank 

Zu Lebzeiten so erfolglos, erscheint Vincent van Gogh heute lebendiger denn je – kunstmarkttechnisch betrachtet. Grund genug für die Gemeinden, in denen der Maler gelebt hat, auf sich und ihren berühmten Sohn aufmerksam zu machen. Brabant war zu jener Zeit armes Bauernland. Das hat sich geändert. Landwirtschaft ist nur ein Wirtschaftszweig unter vielen in dieser Provinz im Süden der Niederlande mit Städten wie Breda, 's-Hertogenbosch oder Eindhoven. Touristisch ist die Region hingegen eher weniger bekannt.

Nein, van Gogh würde sich hier kaum mehr zurechtfinden. Erstaunt würde er im kleinen Ort Nuenen, in dem er von 1883 bis 1885 gelebt hat, vor dem „Vincentre“ stehen. Ja, tatsächlich, dieses Haus ist ihm, seinem Leben und Schaffen gewidmet. Man betritt Vincents rekonstruiertes Atelier, in dem es noch richtig nach Arbeit aussieht. In kurzer Zeit hat der Künstler hier ein Viertel seines Gesamtwerks geschaffen, vor allem Zeichnungen. Nebenan wird die Geschichte des weltberühmten, in Nuenen entstandenen Bildes „Die Kartoffelesser“ erzählt, das die Armut jener Jahre in dunklen Farben festgehalten hat.

„Das ganze Dorf ist ein offenes Museum, und seine Umgebung auch“, erklärt Van-Gogh-Fan Frans van den Bogaard, der wie so viele hier ehrenamtlich Besucher mit der Künstlervita vertraut macht. Deshalb gibt es in Nuenen auch einen (Rad-)Wanderweg auf den Spuren des Malers – durch den Ort, die Landschaft, zu Kirchen, Wassermühlen, in ein Naturschutzgebiet. Abends radelt man eine Strecke, auf der es interaktiv funkelt wie in der „Sternennacht“. Etappenziele sind Plätze, „an denen van Gogh Skizzen angefertigt hat“, erläutert van den Bogaard. An manchen meldet sich dort sogar ein van Gogh auf Knopfdruck zu Wort und liest aus Briefen.

Wer weiter nach Zundert reist, den Geburtsort (1853) wird gleich wissen, dass er richtig ist: Den Imbiss auf dem Markt schmückt eine Kopie der „Kartoffelesser“, mit einem Unterschied: Auf dem Teller liegen Pommes frites. Vis-à-vis, im Vincent-van-Gogh-Haus, geht es ernsthafter zu. Hier wird an seine Jugend erinnert und daran, dass er zu Lebzeiten nur ein einziges Bild verkaufen konnte. Ron Dirven, Leiter des Hauses, das mit Ausstellungen dem Einfluss auf heutige Künstler nachspürt, erklärt, man sei hier bei der Familie van Gogh zu Gast. Multimedial versteht sich.

Der Name des Bruders

Im realen Zundert betritt man hinterm Haus den Garten von van Goghs Mutter. Er wurde nach alten Dokumenten wieder angelegt. Ob damals auch Sonnenblumen blühten? Gleich um die Ecke: die Kirche, in der Vater van Gogh 22 Jahre als Pfarrer tätig war. Wer dann auf dem Friedhof das Grab eines Vincent van Gogh findet, muss die Künstlerbiografie nicht noch einmal lesen: Die letzte Ruhestätte ist immer noch in Auvers-sur-Oise. In Zundert liegt der ein Jahr vor seiner Geburt verstorbene Bruder. Von ihm erhielt der Maler den Namen, was in Zeiten hoher Kindersterblichkeit durchaus üblich war.

Van Gogh hätte seine Heimat geliebt, erklärt Dirven: „Er wanderte weit und genoss die Landschaft.“ Nach Etten-Leur etwa sind es nur wenige Kilometer. Wohnhaft wurde er dort aber erst viel später, nachdem seine Versuche, als Prediger und Kunsthändler Geld zu verdienen, gescheitert waren. Ein kleines Info-Zentrum am Markt erinnert an das erste Atelier.

Weitere Stationen der Van-Gogh-Reise durch Brabant führen nach Tilburg ins Stadtmuseum, in einen rekonstruierten Zeichensaal aus van Goghs Schulzeit, und nicht zuletzt in die Hauptstadt 's-Hertogenbosch, wo das Noord-Brabants-Museum ein Dutzend Originale zeigt, an denen man die Entwicklung der frühen Jahre nachvollzieht. Gut, dass der arme Künstler einen reichen Schatz an Briefen und Aufzeichnungen hinterlassen hat. So können Reisende seinem Leben in Brabant über viele Stationen folgen. Seit Kurzem kann man sie auf über 335 Kilometern erradeln, verteilt auf fünf abwechslungsreiche Strecken: Wiesen und Felder, vorbei an Kopfweiden und Wassserläufen. Man erreicht stille Dörfer und sehenswerte Städte über ruhige Straßen und kann lohnenswerte Abstecher unternehmen – etwa das hübsche historische Heusden. Steigungen gibt es hier keine. Und das ist wohl das Einzige, worüber Vincent nicht staunen würde.

MALERS SPUREN

Info: Niederländisches Büro für Tourismus: www.holland.com

Vor Ort: VVV Zundert, www.vvvzundert.nl, www.vangoghhuis.com

Nuenen: Stichting Van Gogh Village, www.vangoghvillagenuenen.nl 

Brabant: www.vangoghbrabant.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2017)

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