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Bozen: Von der Mumie zur Bilderburg bis in die Lauben

25.08.2017 | 11:24 |  Von Stephan Brünjes (Die Presse)

Dichtes Bozen-Programm zwischen „cappuccini“ und „aperitivi“.

Mittelalterliche Substanz prägt die Innenstadt: In die Bozner Lauben kommt man seit Jahrhundert zum Einkaufen. / Bild: (c) IDM Südtirol/Stefano Gilera 

Ach, die lieben Verwandten: Ist man in der Nähe, schaut man gern einmal vorbei. Auch beim Ötzi, unserem – na ja – sehr weit entfernten Onkel, der vor 5000 Jahren gestorben, 1991 überraschend wieder aufgetau(ch)t ist und nun in einer minus sechs Grad kalten Bozner Einraumwohnung im Südtiroler Archäologiemuseum ruht. Geplagt vom Peitschenwurm habe er Bauchweh und Übelkeit gehabt, sagen die ihn (immer noch) behandelnden Ärzte. Ohne Weisheitszähne musste Ötzi sein Steinbockfleisch kauen und litt schon damals unter heutigen Zivilisationskrankheiten: Bandscheiben- und Kniebeschwerden. Diese und andere Befunde können Besucher quasi als Hobbyröntgenologen selbst ermitteln: Denn auf einem lebensgroßen Bildschirm ist ein digitales Abbild von Ötzi zu sehen. Darauf kann man per Computermaus von Kopf bis Fuß herumfahren und bekommt seine einstigen Wehwehchen angezeigt.

Dann lernt man in Ötzis Mumienpflegeheim auch quasi seine Eventualverwandtschaft kennen. Joachim Oltmann aus Kornwestheim etwa. Von ihm liegt ein Brief aus, den er bald nach dem Fund der Gletscherleiche an den „Stern“ geschrieben hat: Es handle sich bei Ötzi eindeutig um seinen Onkel Enno aus dem westfälischen Vlotho: 1934 mit dem Fahrrad verunglückt, danach verschollen. Renate Spiekermann hat da Einwände und gleich ein ganzes Buch darüber verfasst, dass sie vor 5000 Jahren angeblich selbst in Ötzis Körper gelebt hat. Steht ebenfalls im Kuriositätenkabinett, nebst Ötzi-Schokomumien, Ötzi-Wanderstockplaketten und einem Bild vom Ötzi-Tattoo auf Brad Pitts Unterarm.

Wie die meisten Verwandtenbesuche muss auch dieser angemessen verarbeitet werden – am besten bei einem Cappuccino in Bozens guter Stube. Mein Gott, Walther – was für ein Platz! Freie Sicht auf das Mosaikdach des gotischen Doms, auf Hastende und Rastende rund um den Brunnen mit dem Namenspatron des Platzes, Minne-Dichter Walther von der Vogelweide. Eingerahmt wird die Szenerie von Gebirgszacken und -rücken. Also nichts wie hinauf – nach Kohlern, auf Bozens Hausberg.

Statt auf der Endlosserpentinenstraße geht's schneller per Funivia, der Gondelbahn. Aber nicht irgendeiner, sondern der weltweit ersten „zur öffentlichen Personenbeförderung bestimmten und zugelassenen Bergschwebebahn der Welt“, gut 100 Jahre alt. Heute surren moderne Gondeln am Seil. Wie wacklig die ersten Wagemutigen ab 1908 den Höhenunterschied von 795 Metern überwunden haben, lässt sich oben in Kohlern noch besichtigen: Nachbauten der offenen Kastengefährte stehen im Wald, ein paar Schritte von der Gipfelstation entfernt. „Damals warteten hier Kellner und lasen aussteigenden Gästen die Speisekarten vor, um sie in ihre Restaurants zu locken“, erzählt Josef Schrott, Inhaber des Gasthofs Kohlern. Es war die Blütezeit der Sommerfrische. Schon damals hat sich der Gasthof vom Herrenhaus zum stattlichen Anwesen in Toplage entwickelt. Panoramahotel nennt es sich heute – wegen des wirklich einzigartigen Ausblicks.

Promenieren und aufsteigen

Diesen bietet – ein paar Stockwerke tiefer – auch die Oswald-Promenade. Vom Stadtteil St. Magdalena führt sie wie ein scheinbar endloser Laufbalkon oberhalb von Bozens Weinbergen und Apfelplantagen zum Schloss Runkelstein, das genau genommen eine Burg ist. Runkelstein: Klingt wie aus einem Abenteuerbuch, birgt aber die Geschichte einer mittelalterlichen Möchtegernadelsfamilie, und zwar im größten und besterhaltenen Zyklus profaner Wandgemälde überhaupt. Diese erklärt und übersetzt Historiker Armin Torggler spannend als Aufsteigersaga im Rittermilieu: Die Vintlers, ursprünglich Weinhändlerfamilie, wollen unbedingt Adelige werden. Ein Sprung also in den nächsthöheren Stand, im Mittelalter fast unmöglich. Doch Nikolaus Vintler und später vor allem sein Neffe Hans machen Ende des 14. Jahrhunderts alle erdenklichen Klimmzüge, um ihre Eintrittskarten in die Welt der „Von“ und „Zu“ zu ergattern: Erst kaufen sie Burg Runkelstein – als standesgemäßen Familiensitz. Dann übersetzen sie „Fiore de Virtu“, ein Buch über adelige Tugenden ins Deutsche. Das Signal: Seht her, wir Bürgerliche haben den Benimmkurs für die gesellschaftliche Beletage absolviert. Und: Die Vintlers lassen Burg Runkelstein mit Wandgemälden verzieren, holen sich so die A-Promis aus Weltgeschichte und Sagenwelt ins Haus: Alexander und Karl der Große, Caesar oder Artus' Tafelrunde. Wegen dieser außergewöhnlichen Gemälde trägt Runkelstein den Beinamen Bilderburg. Vintlers Strebertour hatte Erfolg: Das Bild eines Lanzengefechts im Turniersaal zeigt die Bürgerlichen am Ende ihres Lebens schließlich hoch zu Ross mit adeligen Symbolen.

Über die luftige Promenade am Fluss Talfer geht's wieder in Bozens Altstadt, zum Shopping in der Via Portici unter den Laubengängen, in der Via Museo und Via Bottai. Unter dem Vorwand, Hustenbonbons zu benötigen, gelingt ein Rundblick in der 570 Jahre alten Madonna-Apotheke. Edle Schuhe und Taschen sowie Filzhüte gibt's bei Rizzoli. In Sachen Glas, Keramik und Weihnachtskrippen stöbert man bei Tschager gleich auf fünf Etagen. Egal, welche Gasse man entlangschlendert, Endstation ist der Obst- und Gemüsemarkt. Ein tägliches Paradies mit langen Öffnungszeiten.

Danach heißt es rechts abbiegen in die Dr.-Streiter-Gasse zu einem Drink bei Cobo, Bozens originellstem Wirt. Rino Zullo war früher Dekorationsmaler in Südtiroler Hotels, zeichnet heute Bozen-Comics und betreibt eine einzigartige Bar, die Fischbänke: benannt nach marmornen Tischen, auf denen früher Fische zubereitet und verkauft wurden. Heute sind sie Abstellfläche für Aperol Spritzs und Hugos. Cobo alias Zullo kennt die Stadt so gut wie jeden Winkel seiner Bar. Und seine Lebensweisheiten pinselt er auf Tafeln, die über den Fischbänken baumeln: „Besser heute zum Wirt als morgen zum Psychiater.“ Und wer wirklich reif dafür ist, kann gleich bei Cobo sitzen bleiben.

BOZEN/BOLZANO

Übernachten: GH Kohlern, Zimmer mit Frühstück, sehr gutes Restaurant mit Traumblick ins Tal. www.kohlern.com

Parkhotel Laurin, sehr zentral, Gründerzeitpalast. www.laurin.it

Essen und trinken: Löwengrube, ältester Gasthof Bozens, viele Weine, eine der besten historischen Gaststätten Südtirols. www.loewengrube.it

Cobos Fischbänke: „aperitivi“ mit kleinen Happen, Dr.-Streiter-Gasse 26a.

Attraktionen: Schloss Runkelstein. www.runkelstein.info

Ötzi-Ausstellung im Südtiroler Archäologiemuseum. www.iceman.it

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2017)

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