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Osttirol: Bartgeier, Bergseen und Hansis Boots

06.09.2017 | 16:07 |  von Georg Weindl (Die Presse)

Gerade haben die Osttiroler 50 Jahre Felbertauernstraße gefeiert. Da lohnt ein Blick neben die Straße zu einsamen Seitentälern, wilden Schluchten und zum Chamonix von Tirol.

Themenbild: Wanderung / Bild: Imago 

Das sind zwar nur ein paar Kilometer, aber du bist in einer ganz anderen Welt.“ Ein enges Tal mit einer spektakulären Klamm, reißenden Wasserfällen, einsamen Bergseen und einigen wenigen Almhütten. „Da oben bist du wirklich allein unterwegs, triffst kaum Leute, eher noch Gamsen, Murmeltiere und Steinböcke“, sagt der Mühlburger Matthias, der als Nationalparkranger die Gegend um Matrei in Osttirol von Berufs wegen gut kennt. Wir sind unterwegs neben der Felbertauernstraße, wo grad eben der fünfzigste Geburtstag gefeiert wurde, und wie es bei solchen runden Jubiläen üblich ist, wird das auch entsprechend zelebriert mit Festlichkeiten, Statistiken und offiziellen Reden. Wir wollen was anderes.

Wir sind auch nicht an der Felbertauernstraße, sondern neben ihr. Denn es gibt ein Leben neben der Schnellstraße, auf der seit 1967 Autos und Motorräder in wenigen Minuten vom Tunnelportal hinunter nach Matrei und weiter nach Lienz rollen und wenig mitbekommen, von dem, was es hier an Sehenswürdigkeiten, Geschichten und verborgenen Preziosen gibt. Und das Frosnitztal mit der furchterregenden Klamm ist nur eine davon. Unser alternativer Ausflug beginnt in Matrei. Mit Mountainbikes rollen wir am Hotel Rauter vorbei und biegen links in der Proßeggweg ein, fahren nordwärts an den letzten Häusern vorbei über flaches Gelände, werfen noch einen kurzen Blick hinüber zum Schloss Weißenstein, das im 12. Jahrhundert erbaut wurde, eine Zeit lang ein Nobelhotel war und heute Privatbesitz ist. Bis Proßegg radelt es sich gemütlich am Tauernbach entlang.

Imago Die Bergkirche St. Nikolaus liegt auf einem Hügel bei MatreiDie Bergkirche St. Nikolaus liegt auf einem Hügel bei Matrei / Bild: Imago 

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Wasserfälle und Felswände

Hinter dem ersten Weiler aber lauern die ersten Serpentinen, die den Kreislauf nachhaltig anregen und das mit einem ausgiebigen Blick hinunter nach Matrei belohnen. Bei der Sankt Anna Kapelle verlassen wir die asphaltierte Straße und folgen einem schmalen Schotterweg an senkrechten Felswänden entlang und vorbei an Wasserfällen. Schnurgerade geht es durch den Wald, dann über den Tauernbach, bis wir bei der Pestkapelle wieder Blickkontakt mit der Schnellstraße bekommen, die wir eigentlich schon vergessen hatten. Ein kurzer Anstieg bringt uns zum Weiler Gruben, wo die Straße recht verwinkelt an alten Bauernhöfen und am Stampferhof vorbei geht, der mit seinen dunklen Holzfassaden perfekt in die Landschaft passt und wo sich ruhesuchende Urlauber zurück ziehen. Man kann hier neben der Schnellstraße seine Ferien verbringen, was gar nicht abwegig ist, sondern durchaus vernünftig. Zur leichten Erreichbarkeit wohnt man hier ruhig und idyllisch und praktisch hinterm Haus fangen die Wanderwege an.

„Da gehts hinein ins Frosnitztal und da kannst du eine schöne Zweitagestour mit Übernachtung auf der Badener Hütte machen und bis Innergschlöß laufen“, empfiehlt Nationalparkranger Matthias, was sich für uns mit den Rädern nicht ausgeht. Wir haben andere Pläne, die aber auch nach Innergschlöss führen. Wir rollen weiter nordwärts, folgen dem Lauf des Tauernbachs bis Raneburg, dem nächsten Weiler. Unterwegs steht ein Abstecher hinauf zur alten Felbertauernstraße an, weil der eigentliche Weg durch einen bäuerlichen Zaun unterbrochen ist. Wir folgen ein Stück der alten Mehlstraße, die so heißt, weil die Straßenarbeiter früher mit Mehl entlohnt worden sind, wie der Historiker Martin Kofler weiß, der ein Buch über die Geschichte der Felbertauernstraße geschrieben hat. Ein paar hundert Meter auf der Schnellstraße sind unvermeidlich, dann gehts hinunter zur Schildalm, einer idyllischen Hüttensiedlung unterhalb der Straße mit zwei Wirtschaftsgebäuden, in denen das Vieh untergebracht ist.

Herzhafte Mohnnudeln

Die Hütten gehören Bauern, die sie teilweise im Sommer auch an Urlauber vermieten. Drüben auf der anderen Talseite windet sich mit vielen engen Kehren eine Straße hinauf ins Landeggtal. „Das ist auch noch eines der ruhigen Seitentäler, wo nur wenige Leute unterwegs sind“, verrät der Matthias, „das liegt wohl auch daran, dass es da oben keine bewirtschafteten Hütten gibt.“ Mit Proviant und guter Kondition könnte man dort eine Tour bis hinauf zur Rudolfshütte am Weißensee auf der Salzburger Seite machen.

Wir bevorzugen eine gemütlichere Variante, radeln auf einem flachen Güterweg hinüber zum Matreier Tauernhaus direkt am Eingang ins Innergschlösstal, das der Schriftsteller Heinrich Noé in seinem Buch „Winter und Sommer in Tirol“ das Chamonix von Tirol genannt hat. Das ist aber schon gut 150 Jahre her. Beim Matreier Tauernhaus geht sich ein Espresso an der Bar aus und ein Blick in die historische Stube, wo der Wirt Andreas Brugger die Wände mit alten Fotografien geschmückt hat. Stimmungsvolle Schwarzweißbilder von einstigen Skirennen. „Da bei der Siegerehrung der junge Bursch mit den blonden Haaren, der auf dem ersten Platz steht, das ist der Hansi Hinterseer.“ Tatsächlich, blonde Locken und Moonboots, das kann nur er sein.

Hinter dem Matreier Tauernhaus zieht die Schotterstraße westwärts Richtung Großvenediger, nimmt ein paar kurze Anstiege bis Außergeschlöss und zur Felsenkapelle, die Bauern im 17. Jahrhundert gebaut hatten und die nach zwei zerstörerischen Lawinenabgängen an einen wuchtigen Felsblock verlegt worden ist. Auf dem danach nur noch flachen Weg bis direkt vor den Großvenediger müssen wir uns wieder umstellen, denn wir sind nach unserem Ausflug abseits der Straße mitten im Ausflugstourismus. Direkt beim Venediger-haus stellen wir die Räder ab, genießen den Blick hinauf zum Großvenediger und freuen uns auf eine einheimische Spezialität. Die Wirtin Monika Resinger tischt uns bald die „Ingsanten Nigelen“ auf, herzhafte Mohnnudeln, die früher ein Arme-Leute-Essen waren und die man hierzulande nur selten auf Speisekarten findet. Gerade recht für ausgehungerte Bergradler. Hier im Talschluss schaut es so aus, als ob sich nie was verändert hat. Dabei gibt es Neuigkeiten. Seit kurzem sind hier wieder die Bartgeier zuhause, und demnächst soll ganz in der Nähe ein ungewöhnliches Museum eröffnen. Gute 800 Meter weiter oben auf 2500 Metern steht die Alte Prager Hütte am Großvenediger, die restauriert und in den Originalzustand von 1872 versetzt werden soll. Das höchste Museum Österreichs wird es dann sein. Und nur wenige Kilometer von der Felbertauernstraße entfernt.

ABSEITS AUSGETRETENER PFADE

Eine andere Welt. Manche machen sie zu Fuß, andere mit dem Bike. Der Weg abseits der Felbertauernstraße ist eine Domäne der Einheimischen. Kleine verschlungene Straßen vorbei an alten Kapellen, Wasserfällen und durch kleine Weiler mit jahrhundertealten Bauernhöfen wie Gruben und Berg. Die Tour führt in eine ganz andere Welt und zu ungewöhnlichen Begegnungen. Zum Beispiel mit der wilden Frosnitzklamm, wo man nur Einheimische trifft und oben ein Almdorf mit uralten, mit Stein gemauerten Hütten steht. Nicht ganz so weit oben auch schöne Bauernhöfe (www.bartlerhof.at). Oder die wilde Proßeggklamm mit der Einsiedlerhöhle. Oder die Steinalm mit historischen Bergbauernhöfen. Oder die alte Mehlstraße, die vor der Schnellstraße die Verbindung war und so heißt, weil die Arbeiter mit Mehl bezahlt wurden.

 

Die Reisen wurden von der Felbertauernstraße, dem Landhotel Stern und dem TVB Innsbruck unterstützt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 2.9.2017)

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