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Dresden: "Für BRD-Touristen lohnt sich der Einkauf kaum"

13.09.2017 | 11:07 |  Von Stephan Brünjes (Die Presse)

Durch Dresden mit einem Reiseführer aus der Vorwendezeit - wie schön, was es alles nicht mehr gibt!

Eine Stadtansicht von Dresden ca. im Jahr 1970. / Bild: Imago  

Das Centrum war lang weg: Im Stadtplan des „Baedeker“-Reiseführers von 1989 deutlich eingezeichnet, aber im real existierenden Dresden der Nachwendezeit verschwunden. Machte aber nichts, denn schon damals riet der Reiseführer vom Centrum ab: „Für Touristen aus der BRD lohnt sich der Einkauf kaum. Sie kaufen besser in Intershops.“ Seit ein paar Jahren ist das Centrum, Dresdens einstiges Vorzeigekaufhaus, wieder da, an alter Stelle, aber als neue, ausladende Centrumsgalerie. Drinnen mit üppigen 60.000 Quadratmetern, also gut zwölf Fußballplätzen Verkaufsfläche inmitten der Fußgängerzone Prager Straße. Und draußen mit Altmetallerinnerungen an den DDR-Vorgänger: Silberne Waben zieren auch die Fassade des neuen Konsumtempels.

Ein paar Schritte weiter, das wahre Zentrum: Dresdens üppige Stadtmitte mit Alt- und Neumarkt. „Der Blick durch die Rampische Gasse auf die Frauenkirche gehörte zu den kostbarsten Raumerlebnissen in europäischen Städten“, schwärmt der „Baedeker“ wehmütig mit Blick auf die Vorkriegszeit, denn 1989, im Erscheinungsjahr des Büchleins, standen von der Frauenkirche nur zwei Fassadenteile in einem Haufen unkrautbewachsenen Schutts. Der Neumarkt, ein fingernagelgroßer weißer Fleck im damaligen Stadtplan, hat in der aktuellen Ausgabe reichlich rote Flecken – wiederaufgebaute Gebäude. Rund um die in Warmem beige leuchtende Frauenkirche allerlei prächtige Barock- und Rokoko-Häuserzeilen statt des einst hier stehenden, grauen Volkspolizeibunkers. Dazu restaurierte, farbenfrohe Stadtpalais aus dem 18. Jahrhundert mit Restaurants und Nobelhotels. Ist nebenan erst noch das Schloss samt Kirche fertig, dann wird hier fast alles wieder so, wie der von den Dresdnern vergötterte Sachsenkönig August der Starke es ab etwa 1700 erschaffen ließ. Kritiker nörgeln bereits über einen „architektonischen Jurassic Parc mit barocken Dinos“.

Mittendrin ein sozialistischer Dino unter Artenschutz: Dresdens Kulturpalast, 100 Meter lang, 74 breit und laut Vorwende-Reiseführer „Hauptveranstaltungsstätte für Unterhaltungskunst in monolithischer Stahlbetonskelettbauweise“. Er wurde generalüberholt. Die braunen Scheiben mit einer Tönung wie in Honeckers Sonnenbrille wichen einer neuen Fassade. Aber das riesige sozialistische Wandfries blieb, wäre schade gewesen um den darin enthaltenen Mosaikfliesen-Ulbricht, umringt von FDJ-Groupies.

Dresden 1900.de Urige sächsische Küche gibt's im Restaurant Dresden  1900, etwa Sauerbradn mit Blaugraud un Kleeßen – die Kellnerinnen sprechen aber auch Hochdeutsch. Urige sächsische Küche gibt's im Restaurant Dresden 1900, etwa Sauerbradn mit Blaugraud un Kleeßen – die Kellnerinnen sprechen aber auch Hochdeutsch. / Bild: Dresden 1900.de 

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Abhörfreie Kneipen

Gleich um die Ecke verspricht der 89er-Reiseführer „innerstädtische Intimräume“. Der Leser rätselt: geheime Nachtbars? Abhörfreie Kneipen? Weder noch, die Autoren wollten auf gemütliche Gassen hinweisen, damals Seltenheiten inmitten des zubetonierten oder noch von Kriegsschäden gezeichneten Dresden.

Hunger? Durst? Dann bitte ganz tapfer sein, riet der Vorwende-„Baedeker“ unverhohlen: Sächsische Kartoffelsuppe und Gurkensuppe seien gängige Gerichte, aber leider oft „nicht vorrätig“. Und: „Die Limonaden in der DDR sind geschmacklich nicht sehr überzeugend.“ Dabei hatte Dresden die größte Gaststätte der DDR mit mehr als 1300Sitzplätzen. Am Zwinger heißt sie offiziell – im Volksmund Fresswürfel. Das hier muss er sein: klotzig und kalt.

Doch ein älteres Ehepaar schüttelt den Kopf. Zuerst über den Uraltreiseführer („Gugge mol – die Leninstroße . . .“), dann über unsere Annahme: Abgerissen sei der Fresswürfel seit 2007, dies der Nachfolger – das SAP-Haus. Dem würde der Spitzname noch viel besser stehen. Essen aber sollte man hier auch heute nicht, sondern lieber beim Vietnamesen in der Weißen Gasse, wenn Internationales auf den Teller soll. Urige sächsische Küche gibt's in Restaurants wie Pulverturm oder Dresden 1900. Sie setzen die Restaurierung der Altstadt konsequent fort, bei Inneneinrichtung und Speisekarten wie aus Omas Zeiten: Sauerbradn mit Blaugraud un Kleeßen heißt es dort in breitem Sächsisch. Gut, dass Doreen, die Kellnerin, auch Hochdeutsch spricht.

Das Waldschlösschen kommt im 89er-Reiseführer gar nicht vor. Die Einheimischen erzählen bei diesem Stichwort gern eine Geschichte: In der Kaufhalle beim Waldschlösschen hat Ingeborg Schmiedel einen Schlüssel gefunden – etwa 1986 muss es gewesen sein. Sie klebte einen Zettel an das schwarze Brett des Ladens, der Besitzer könne den Schlüssel ab 19 Uhr in ihrer Wohnung abholen. Tat er dann auch, wortkarg, aber freundlich.

Chic-Saal, Älternabend

Wem sie da geholfen hatte, das erfuhr Frau Schmiedel erst 13 Jahre später beim Blick in ihren Fernseher: Da wurde der Schlüsselverlierer gerade zum Präsidenten Russlands ernannt. Sein Name: Wladimir Putin, langjähriger Offizier des KGB, der gegenüber von Frau Schmiedels Wohnung in der Angelikastraße 4 sein Quartier gehabt hatte.

Besonders das Dresdner Bier habe ihm immer sehr gut geschmeckt, erzählte Putin später in einer Talkshow. Was beweist, der Geheimdienst war in lebensnahen Fragen besser informiert als Reiseführerautoren. Sie resignieren nur: „Im Zentrum wird man vergeblich nach der Kneipe um die Ecke Ausschau halten.“ Zwar zählt der „Baedeker“ 19 Bars und Discos auf, leistet aber auch dazu den Offenbarungseid: „Tanzveranstaltungen finden hier nicht täglich statt.“ Heute muss man dafür nur über die Elbe in die Dresdner Neustadt pilgern. Hier, im bunten Kiez mit Punks, Döner-Imbiss und einem Secondhandladen namens Chic-Saal, liegen Kneipen und Discos wie das Planwirtschaft, die Scheune oder Katys Garage, deren Ü30-Party Älternabend heißt . . .

Apropos Namen: Für Sozialisten gilt hier der Radikalen-Erlass: Marx, Engels, Thälmann und Co. – im Vorwende-Stadtplan zum Teil pro Person mit einer Straße und einem Platz beschenkt – sind von den Straßenschildern verschwunden, auch Georgi Dimitroff, ein bulgarischer Kommunist, zu DDR-Zeiten Namenspatron für Dresdens zentrale Brücke. Doch ihn möchten die Dresdner nicht missen, hatten sie doch schon früher ihre Begründung, warum die Brücke Dimitroffs Namen trägt: Frauenheld August der Starke sei mit der Kutsche darübergefahren, habe die vielen schönen Dresdnerinnen bewundert und eine nach der anderen hinauf zu sich in den Wagen beordert – immer mit demselben Ruf in breitem Sächsisch: „Die mit roff und auch die mit roff!“

Auf einen Blick

Übernachten. Preiswert und direkt an der Elbe im Maritim Hotel (www.maritim.de) in einem denkmalgeschützten ehemaligen Kornspeicher. Von dort zehn Minuten zu Fuß in die Stadt.

Essen und trinken. Original sächsisch im Dresden 1900 am Neumarkt (dresden1900.de) oder im Pulverturm an der Frauenkirche (www.pulverturm-dresden.de) oder in den Festungsmauern an der Brühlschen Terrasse an der Elbe (www.festungsmauern-dresden.de). Gute internationale Küche z.B. im Barcelona (Weiße Gasse 6) oder im edlen Italiener Rossini an der Frauenkirche.

Stadtrundfahrten im Stretch-Trabi bietet Steffen Lachmann an. www.stretch-trabi-dresden.de

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2017)

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