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Griechenland: Mein VIP, dein VIP

23.10.2017 | 06:48 |  von Stefan Brünjes  (Die Presse)

Zwei Dörfer namens Stagira im Norden des Landes raufen um das Erbe des Philosophen Aristoteles. Was der Meister selbst wohl dazu sagen würde? Beim Ortstermin scheint der VIP zu den Besuchern zu sprechen.

Der Philosoph Aristoteles / Bild: Imago 

Wie eine verstümmelte Riesenpranke liegt die Halbinsel Chalkidiki im Ägäischen Meer und streckt drei Landfinger ins türkis schimmernde Wasser. Zwei davon sind bei Urlaubern sehr beliebt, Nummer drei beherbergt die abgeriegelte Mönchsrepublik Athos. Nördlich davon, sozusagen an der Handkantenküste Chalkidikis, gibt's weder All-you-can-eat-Hotels noch Postkarten-Traumstrände. Sondern verschlafene Dörfer mit ein paar Tavernen und in Buchten dümpelnden Fischerbooten. Weshalb sich die Menschen hier besonderer Lockmittel bedienen müssen, um Gäste begrüßen zu dürfen. Ein VIP kann da sicher helfen – vor allem in der seltenen Sonderausführung „Very Important Philosopher“. Sein Name: Aristoteles.

Tourismus-Honorarkonsul

Dieser 360-Grad-Gelehrte ist noch heute ein wissenschaftlicher Säulenheiliger in Biologie und Physik, Staatstheorie und Ethik, Meteorologie und Astronomie. Wie geschaffen für die posthume Nebenrolle als Tourismus-Honorarkonsul von Stagira. Dieses Dorf, knapp 100 Kilometer östlich von Thessaloniki, gilt nicht nur als Aristoteles‘ Geburtsort, es steht auch gleich zweimal auf der Landkarte: einmal in den Bergen, Nummer zwei kaum neun Kilometer Luftlinie entfernt an der Küste auf einer Felsnase. Beide Stagiras werben emsig mit dem Großphilosophen. Dabei existiert das an der Küste eigentlich gar nicht mehr so richtig. Das andere in den Bergen hingegen schon, aber es hat genau genommen nichts mit Aristoteles zu tun. Wer das nun als Besucher begreifen will, hört jetzt möglicherweise die Stimme des Very Important Philosophers aus dem Jenseits: „Denken und Sein werden vom Widerspruch bestimmt.“ Wo nun anfangen, um diese Geschichte der zwei Stagiras und des einen Philosophen zu entwirren? Am besten bei Dimitris Sarris im kleinen Ort Olympiada, gleich neben dem Küsten-Stagira. Beim Hotelier und seiner Schwester Loulou Alexiadis – ebenfalls Hotelbesitzerin – weht Aristoteles meist im Frühjahr als guter Geist durch Bar und Speiseraum: In Vorträgen lassen eingeladene Universitätsprofessoren den antiken Vordenker mit dem vollbärtigen Grüblergesicht auferstehen, und Köche servieren dazu Menüs aus der Zeit von 350 vor Christus.

Imago Stagira Stagira / Bild: Imago 

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Fisch mit Marillen

Nanu, hat der VIP etwa auch seine Lieblingsspeisenfolge hinterlassen? „Nein“, sagt Dimitris Sarris, „aber wir wissen ja, die Menschen damals aßen Fisch und hatten keinen Zucker, also süßten sie ihre Speisen mit Obst. Deshalb servieren wir heute Oktopus an Marille.“ „Es gibt kein großes Genie ohne Verrücktheit“, glauben wir die Philosophenstimme das kommentieren hören.

Doch Dimitris Sarris lässt sich nicht beirren. Er spricht fast akzentfreies Deutsch, hat mehr als zehn Jahre in Dortmund gelebt und eine gute Dosis deutsche Beharrlichkeit und Zielstrebigkeit mit ins griechische Hinterland gebracht. Passend dazu auch der Name: Hotel Germany. So hat er sein Haus an der Minipromenade schließlich umgetauft, weil Gäste es schon jahrelang so nannten, sich am griechischen Namen Akroyiali immer fast verschluckten. Ihnen zeigt Dimitris gern sein Küsten-Stagira.

Oder besser, was davon übrig ist: Reste der sich durch das hügelige Gelände oberhalb Olympiadas ziehenden, bis zu zwei Meter dicken Stadtmauer aus Kalkstein und Marmor mit Turmruinen. Restauriertes, antikes Straßenpflaster, Brunnen und tönerne Wasserleitungen sowie Grundrisse von Häusern mit ins Erdreich eingegrabenen Amphoren in Weinfassgröße – antike Kühlschränke für Trockenfrüchte und Wein. Die Agora, der antike Fest- und Versammlungsplatz, ist erkennbar, mit Relikten der Stoa, einer damals vielerorts üblichen überdachten Säulenhalle. Atemberaubend schön das Panorama von hier oben, mit gleich zwei Küstenabschnitten. Da mag dem Philosophen manch weitreichender Gedanke gekommen sein: „In der Muße scheint das Glück zu liegen. Es gehört denen, die sich selbst genügen.“ Apropos Aristoteles: Wo sind denn nun seine Devotionalien, Gedenksteine oder Heldenstatuen?

Soweit sei man noch nicht, sagt Dimitris Sarris leicht zerknirscht, „Probleme mit der Finanzierung dieser historischen Stätte“ murmelt er, „Finanzkrise, Sie wissen schon.“ Und biegt rasch ab in einen historischen Exkurs: 384 vor Christus sei Aristoteles hier geboren – und nicht da oben, das hätten Historiker zweifelsfrei festgestellt. Da oben? „In diesem Bergdorf“, raunt Sarris nur, ohne dessen Namen zu nennen. Nein, Stagira kommt ihm nur für seinen Küstenort über die Lippen.

Stagria

Allgemeine Infos unter www.visit-halkidiki.gr sowie www.discovergreece.com

Übernachten: Hotel Germany, 17 kürzlich rundum renovierte Zimmer, Terrasse mit direktem Zugang zum Strand. DZ/F 53 – 67 Euro. www.hotel-germany.gr. 

Hotel Lioptopi, 16 ebenfalls geschmackvoll eingerichtete Zimmer, verwunschener Garten, einmal pro Woche ein Kochkurs. Preise wie im Germany. www.hotel-liotopi.gr.

Skites, schönes Bungalowhotel der Deutschgriechin Karin Bohn. Postkarten-Panoramablick übers Meer, Diner auf der Terrasse! www.skites.gr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.10.2017)

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