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Stille Nächte im Luxusdesign-Rettungsboot

02.11.2017 | 16:18 |  Von Milda Drüke (Die Presse)

Ein Liebhaber von Rettungsbooten erwarb ein ausgedientes britisches Life Boat und baute es in ein Designhotel für nur zwei Personen um: mit allem Drum und Dran – von Philippe-Starck-Toilette bis zu Arne-Jacobsen-Egg-Chairs.

Schwimmendes Zwei-Gäste-Hotel: das Boot Lilla-Marras / Bild: beigestellt 

Der Himmel über der niederländischen Provinz Friesland spiegelt sich in Harlingens Grachten. Er lacht. Seevögel rufen und kreisen über raschelnden Bäumen, den Masten von Plattbodenbooten, Jachten und kurven vor dem blattgoldenen Erzengel Michael im Rathausgiebel. Von dort sieht der Schutzpatron aller 15.763 Harlinger auf das Rettungsboot Lilla Marras, wo Kapitän Willem vor einem Paar um die dreißig an Bord geht und ins Steuerhaus steigt. Das Pärchen geht weiter über das blendend weiße Deck aufs Vorschiff. Gedämpft hören sie 70-PS-Motoren anspringen: Ihr Designhotel läuft aus, das Zwei-Gäste-Hotel Lilla-Marras. Vierzehn Meter und neunundzwanzig Zentimeter Watson-Class-Life-Boat steuern auf die Prinz Hendrikbrug zu. Vom Bug aus sehen die Gäste den Brückenwärter in sein Glashaus treten und die kleine Brücke einen Schwenk in die Höhen nehmen. Sie gleiten unter ihr hindurch, winken winkenden Harlingern zu, fahren aus dem Binnen- in den Außenhafen und aus dem Hafenmund hinein ins Wattenmeer. Vor ihren Augen dehnt sich der Horizont. In fernem Dunst ahnen sie die Inseln Vlieland und Terschelling.

Von 1955 bis 1979 war das Boot im Einsatz für die Royal National Lifeboat Institution. Bis dann dieser niederländische Liebhaber von Rettungsbooten vorbeikommt und die außer Betrieb gestellte Lilla Marras nach Harlingen holt und ein Designhotel für zwei aus ihr macht. Kapitän Willem hat sie restauriert. Schalter und Hebel, die er jetzt im Steuerhaus schiebt und drückt und den Gästen erklärt, sind eben jene, mit denen seine Kollegen die Lilla Marras vor den britischen Küsten manövriert haben, um Leben zu retten. Nach zwei Stunden steuert er das Boot zurück unter die Augen von Erzengel Michael, übergibt den Gästen Schlüssel und wünscht ihnen einen vergnügten Aufenthalt unter Deck, wo „nichts mehr so ist, wie damals, als die Lilla Marras noch aktives Rettungsboot war“. Sie klappen die blaue Tür zur Achterkabine auf: glatte Wände in gebrochenem Weiß. Bullaugen steuerbord, backbords und oben im Deck. Zwei blaue Arne-Jacobsen-Egg-Chairs, ein runder Tisch aus Glas. Linoleumboden wie Bakelit.

Enten schnattern, Vögel jubilieren

Kochen ist auf der Lilla Marras nicht vorgesehen. Sie gehen von Bord, schlendern vorbei an Restaurants mit Tafeln, die von fangfrischen Garnelen, Seezungen und Kabeljau künden. Die Ebbe hat ihren tiefsten Stand erreicht, als sie die Gangway zur Lilla Marras hinunterlaufen. Sie setzen sich aufs Vorschiff, ziehen die Knie an und hören auf die Ruhe im Ort. Es ist ein Abend mitten in der Woche. Erleuchtete Fenster und Menschen sehen sie nur auf zwei der Jachten, die sich sanft schaukelnd vor Patrizierhäusern aneinanderreihen. Sie hören Enten schnattern, Vögel jubilieren. Die hohen Fenster einstiger Speicherhäuser spiegeln vom Wind bewegte Baumwipfel.

Die zwei steigen durch die Luke sieben schwarze Aluminiumstege hinunter in die Schlafkabine mit Bad und stehen Schulter an Schulter aufrecht vor dem Doppelbett in Form eines Wasserlilienblattes. Ein Viertelgrätschschritt seitwärts nach Steuerbord endet an der Bordwand und der Stange mit Kleiderbügeln. Ein Achtelgrätschschritt seitwärts nach Backbord vor der Philippe-Stark-Toilette mit schwarzem Deckel. Eine 180°-Drehung eröffnet den Blick auf die Badewanne für zwei aus rotem Zedernholz mit hohen Rückenlehnen. Zum Zähneputzen beugen sie sich über den schwarzen Deckel der Philippe-Starck-Toilette hin zur weißen Waschschale auf schwarzem Granit dahinter. Der Linkshänder stützt seine rechte Hand auf das Bett und spürt den seidigen Glanz Schweizer Bettwäsche.

Mitternacht. Sie verschließen den schweren Lukendeckel, treten auf das Fußbänkchen vor dem Bett und steigen hinauf. Am Kajütenrand nehmen sie DVD und CD-Anlage wahr, und mehr noch das außerordentliche Gefühl, die Welt hebe und senke sich ganz sachte unter ihren Rücken, als würde sie atmen. Von draußen kommt gerade so viel Licht herein, dass sie, sollten sie wach werden, sogleich wüssten, wo sie sich befinden. Die einsetzende Flut plätschert am Rumpf. Das Letzte, was sie hören, ist das zarte Glockenspiel der Rathauskirche.

Das Erste, was sie sehen, als sie morgens die Luke hochstemmen: Schwalben schwirren vor blauem Himmel und über den Masten der Jachten. Im Steuerhaus finden sie das Tablett mit Frühstück, steigen damit in die tiefer liegende Achterkabine. Der Schranksäule aus rotem Zedernholz entnehmen sie Gläser für Orangensaft und Kaffeebecher, halten sie unter die Philippe-Starck-Armatur neben dem weißen Wasserbecken, drücken darauf: Siedendes Wasser brüht Tee und löst Pulverkaffee auf. Mit dampfenden Bechern setzen sie sich in die Arne-Jacobsen-Egg-Chairs, drehen sich zur offenen Tür im Heck und sehen Harlingen erwachen. Erzengel Michael funkelt. Auf dem Frühstückstablett leuchten neben Croissants Brötchen mit Schoko- und rosa Streuseln. Die Lilla-Marras-Gäste machen sich noch einen Kaffee, drehen sich mit ihren Egg Chairs zum runden Glastisch und lesen sich die Einträge aus dem Gästebuch vor. Um elf kommt lachend die „Rettungsbootfrau“ über die Gangway, nimmt die Bootsschlüssel an sich und macht klar Schiff.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.10.2017)

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