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Burgenland: Beim Trockenrasen rauf, beim Vulkan runter

31.10.2017 | 10:18 |  von Madeleine Napetschnig (Die Presse)

Zwischen Alpenausläufern und pannonischer Tiefebene wächst, wohnt und steht vieles, was man gehend sehen sollte. Drei Erkundungen quer durch die Botanik von Nationalpark und Naturparks.

Ruine Landsee, Namenspate für den Naturpark Landseer Berge. / Bild: (c) ARGE Naturparke Burgenland 

Der Wind bläst immer kräftiger über die landwirtschaftlichen Flächen, die Bewahrungs- und die Naturzonen im brettelebenen Seewinkel. Wie leergefegt wirkt das sonst so anheimelnde Ensemble aus kleinen Weingemeinden, Trockenrasen, Hutweiden, Schilfgürtel, Rebzeilen, Gemüsefeldern und Salzlacken, zwischen denen sonst Graurinder herumziehen, man Büffel, weiße Esel oder Zackelschafe sichten kann, wenn sich schon keine Silberreiher, Graugänse oder Großtrappen blicken lassen. Manche Vögel im Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel haben sich in andere Weltgegenden verabschiedet, manche formieren sich zum Abflug. Andere wiederum zur Landung, und einige bleiben überhaupt ganz da, sehr zur Freude der Ornithologen.

Ein paar Radfahrer treten mit waagrechten Haaren, aber voller Enthusiasmus von Aussichtsplattform zu Beobachtungspunkt, um das große Verkehrsaufkommen in der Luft zu verfolgen. Spannend sind auch vergleichende Überprüfungsfahrten kreuz und quer durch die Gegend, ob die seichten salzigen Wasserstellen (Zicklacken) wieder gefüllt oder noch staubtrocken, ausblühend oder in Schollen aufgebrochen daliegen. Und wenn sich nach Martini, wo eher gastronomisch motivierte Bewegung in das Weinbaugebiet kommt, die Farbe immer mehr aus der Natur des Seewinkels ausschleicht, tritt sein außergewöhnlicher Charakter noch einmal stärker zutage: Diese Landschaft ist den Steppen Zentralasiens näher als den Alpen, die auf der westlichen Neusiedler See-Seite eine letzte Bodenwelle schlagen. Sprich: auf eine puristische Art reizvoll. Sogar im Winter, wenn der Schnee für Verwehungen auf den schottrigen, sandigen Güterwegen sorgt oder der Wasserspiegel des Neusiedler Sees im Wind fast seitlich zu kippen scheint.

Sechs Naturparks

Naturgemäß bündelt und erfüllt der international so bekannte Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel die Interessen naturbegeisterter Wanderer, Radfahrer, Ausflügler mit privaten Erlebnissen wie geführten Exkursionen und Expertise. Doch das Burgenland beherbergt überdies sechs weitere gar nicht so kleine deklarierte Naturräume. Zwischen Leithagebirge im Norden und der Raab im Süden liegen sechs ziemlich unterschiedliche Naturparks. Exemplarisch werden hier zwei vorgestellt, die von Wiens Süden aus recht schnell erreichbar sind:

Naturpark Rosalia-Kogelberg

Die freie Stelle auf der Wasseroberfläche ist nicht mehr sehr groß. Das Schilf rückt von allen Seiten nach. Irgendwann wohl wird die nasse Senke unter einem Teppich aus Röhricht verschwunden sein. Das tut der Rohrweihe oder dem Tüpfelsumpfhuhn noch keinen Abbruch. Das Wasser auf den Rohrbacher Teichwiesen mutet wie der Neusiedler See in einem viel kleinerem Format an. „Hier befindet sich eine der größten Schilfflächen des Burgenlandes“, erklärt Renate Roth vom Naturpark Rosalia-Kogelberg diesen besonderen Lebensraum. Vogelkundler und -beobachter kennen das verschilfte Gewässer und die sumpfigen Überschwemmungswiesen in dieser Mulde vor dem Rohrbacher Kogel. Es kann auch vorkommen, dass internationale Ornithologen Stellung auf der Aussichtsplattform beziehen, um in dem Schutzgebiet, das nicht betreten werden darf, Zwergrohrdommeln, Weißstörche oder Nachtreiher mit dem Feldstecher zu studieren. Sonst aber ist es vor allem der orts- beziehungsweise regionskundige Wanderer, Spaziergänger oder Läufer aus den umliegenden nord- und mittelburgenländischen Gemeinden, der um diesen atmosphärischen Platz weiß.

Flaumeichen, Streuobstwiesen

Wertvoller Trockenrasen befindet sich am Gelände des Kogelbergs, der zum Teil auch von Flaumeichen-Buschwald bewachsen ist. Am Fuß der für burgenländische Verhältnisse – 388 Meter – doch ordentlichen Erhebung liegen Streuobstwiesen, wie sie für die hiesige Kulturlandschaft noch charakteristisch sind: Dort wächst das Obst quasi wie gemischter Satz gemeinsam, der Baumbestand ist älter. Der Status als Naturpark bedeutet keineswegs das Unterglassturz-Stellen von Vegetation und Tierwelt oder die Aussparung der Zivilisation. Ein Naturpark integriert auch „Kulturlandschaft, deren Nutzung erlaubt und erwünscht ist“, erklärt die Biologin Roth. Damit etwa der Trockenrasen auf dem sandigen, lehmigen Boden überhaupt existiert, braucht es die Beweidung durch Tiere. Ohne sie wurde der Trockenrasen zudem verbuschen. Die Böden sind „sehr trocken, sehr karg, sehr nährstoffarm“, erläutert Roth. „Dies ist ein Ort für Überlebenskünstler“. Gut für Pflanzen, die sich arrangieren.

„Diptam, Brennender Busch“, deutet Roth auf ein hohes, rosafarbenes Gewächs, „riecht intensiv nach Zitrone“. Wo das Zusammenleben des Arten sensibel ist, betreten schnell einmal Konkurrenten das Feld. Robinien wachsen sich hier zu einem Problem für den Trockenrasen aus, würde man sie nicht immer wieder ausreißen. Zudem braucht es der Rasen rundherum, dass man ihn etappenweise mäht.

Barrierefrei unterwegs

Im Frühling wird man hier viele Blumen neben dem Weg finden können – Orchideen unter anderem. „Der Herbst bringt vor allem violette Blüten“, erklärt die Biologin, die im Naturpark Rosalia-Kogelberg auch einen Bildungsauftrag zu erfüllen hat. Dementsprechend gibt es in den umliegenden Gemeinden Naturparkschulen, in denen die Kinder oft Zeit in und mit der Natur vor ihrer Haustür verbringen. Mit etwas Aufmerksamkeit und einem Pflanzenbestimmungsbuch wird die Wanderung durch das diverse Gelände jedenfalls zu einem spannenden „Parcours des Kleinen“.

Aber auch ganz ohne Unterlage springt einem der Reiz der Gegend ins Auge: Kleinteilige Landschaftsformen fügen sich harmonisch ineinander, gemütlich (und auf barrierefreien und infotafelbeschilderten Wegen) durchwandert man einen Fleckerlteppich aus kleinen Lebensräumen – Mäh- und Streuobstwiesen, Trockenrasen, lichten Wäldchen, verschilften Teichen, Weingärten. Den Höhenzug des Rosaliengebirges zur einen, das Ödenburger Gebirge zur anderen, dazwischen das Wulkatal. Vor allem auf der Spitze des Kogels macht man eine geologische Entdeckung: Gestein beißt aus der Erde – ein Rest Korallenriff aus der Zeit, als sich Tethysmeer über unsere Breiten schwappte.

Monumentale Burg

Gegründet wurde der jüngste der sechs burgenländischen Naturparks 2006, auf seinen Flächen liegt auch das Vogelschutzgebiet „Mattersburger Hügelland“, wo die seltenen Zwergohreulen leben, und ebenso das Europaschutzgebiet „Hangwiesen Rohrbach-Loipersbach-Schattendorf“. Anders als viele österreichische Naturparks erstreckt sich der Naturpark Rosalia-Kogelberg nicht über ein zusammenhängendes Gebiet, sondern umfasst mehrere. 13 Gemeinden im Bezirk Mattersburg (wie etwa Sieggraben und Bad Sauerbrunn, Pöttsching und Pöttelsdorf) haben daran Anteil, manche Orte sind bekannter, manche harren noch der Entdeckung des Ausflüglers. Das berühmteste Bauwerk der Gegend kennt dieser allerdings gewiss: die überragende Burg Forchtenstein, das Arsenal und die Schatzkammer der Esterházys.

Naturpark Landseer Berge

Ganz im Unterschied zu dem monumentalen Bau in Forchtenstein ist die Ruine Landsee (1158 erstmals erwähnt und nach mehreren Besitzerwechseln ab 1612 in den Händen der Esterházys) schon lange keine intakte Burg mehr. Seit mehr als 200 Jahren steht die markante Anlage im bunten Herbstmischwald sich selbst überlassen. Freilich werden dort und da die großen Fensterbögen befestigt und die historischen Wände gestützt. Die romantische Kulisse dient mitunter auch Kulturveranstaltungen, wenn nicht internationalen Filmaufnahmen („Die drei Musketiere“). Heute gibt die Ruine Landsee dem Naturpark rund um Markt St. Martin, Kobersdorf, Kaisersdorf, Weingraben und Schwarzenbach zumindest ihren Namen. Und sie imponiert dem Wanderer ihrer Dimensionen wegen: Ein wuchtiges System an Befestigungs- und Mauerringen umgibt diese Anlage, die zu den größten Burgen Mitteleuropas gehört. Dazu zwei Burggräben, eine Zugbrücke, mehrere Höfe und Einbauten sowie ein hoher Wohnturm, den man über 115 Stufen besteigen kann. Bis zu zehn Meter dick sind die sich verjüngenden Mauern dieses Burgfrieds alias „Don Jon“. Oben schweift der Blick dann über die hügelige, grenzüberschreitende Landschaft der Buckligen Welt, über dichte Wälder voller Eichen und Kiefern etwa am Heidriegel und ein Gebiet, in dem Kelten gesiedelt hatten – wovon die Fundstücke und Ausgrabungen im Freilichtmuseum im niederösterreichischen Schwarzenbach zeugen.

Elementares Ereignis

Obwohl mit Höhenlagen von 760 Metern schon fast am Dach des Burgenlands, wirkt das Gelände des Naturparks Landseer Berge sanft. Allerdings nicht sanftmütig, denn die Erde bewies hier in der Vergangenheit ein ziemlich heftiges Temperament: Der zwischen Landsee und Kobersdorf befindliche Pauliberg spuckte vor elf Millionen Jahren noch Lava. Profitiert von diesem elementaren Ereignis hat vor allem das große Basaltwerk, das sich oben auf dem jüngsten, aber längst erloschenen Vulkan Österreichs befindet und dessen Basaltkugeln ein originelles Relikt sind.

Orchideen und Quellen

Wachen Augen werden in der Botanik vielleicht die Orchideen nicht entgehen: Sogenannte Weiße und Rote Waldvöglein wachsen hier im trockenen Laubwald. Auch viel Johanniskraut überzieht die Abhänge und Böschungen. Und wenn es dazwischen raschelt, steckt oft ein Feuersalamander dahinter. An einem Herbstwandertag macht man sich die Geräuschkulisse allerdings selbst, schiebt die bunten Blätter vor sich her und überlegt, was nach ein paar gemütlichen Kilometern durch den Wald als nächstes ansteht. Das Renaissance-Schloss Kobersdorf mit seinen auffälligen Kegeldächern, der Schauplatz von sommerlichem Theater? Vielleicht etwas später. Zuvor gibt's aber noch einen Schluck Mineralwasser von der „Waldquelle“, die in Kobersdorf abgefüllt wird.

ZUM WANDERTAG

Tipp: Eine detailreiche Übersicht über die Naturparks des Burgenlands sowie den Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel gibt der Band „Naturerlebnis Burgenland“, bestellbar bei Burgenland Tourismus, www.burgenland.info

Allgemeine Infos: Weitere Naturparks im Burgenland: In der Weinidylle, Raab-Örség-Goricko, Geschriebenstein-Írottkö, Neusiedler See-Leithagebirge.

Österreichische Naturparks und Übersicht der Naturpark-Erlebnisse: www.naturparke.at. Im Burgenland gibt es überdies eine ARGE der sechs Naturparks.

Nationalpark Neusiedler See

Seewinkel: 1993 gegründet, mit dem seit 1991 existierenden Fertö-Hanság Nemzeti Park heute insgesamt rund 300km? großes Schutzgebiet. Nationalparkzentrum in Illmitz. Auch im Herbst und Winter starten hier Exkursionen: etwa zum „Gänsestrich“, weil der Seewinkel Rastplatz und Vorwinterquartier tausender Bläß- und Graugänse ist. Oder zum Thema Waldohreule und ihren Schlafplätzen. Info: www.nationalpark-neusiedlersee-seewinkel.at

Naturpark Rosalia-Kogelberg: umfasst die Gemeinden Bad Sauerbrunn, Baumgarten, Draßburg, Forchtenstein, Loipersbach, Marz, Pöttelsdorf, Pött- sching, Rohrbach, Schattendorf, Sigleß, Sieggraben sowie Zemendorf-Stöttera. Die Landschaft ist geprägt von Streuobst- und Magerwiesen, Wäldern und Trockenrasen. Kulturelles Highlight ist Burg Forchtenstein. www.esterhazy.at

Tipp: „Eulenweg“, 75 km langer Rundweg durch den Naturpark. Barrierefrei und mit elf Naturerlebnisstationen, ein Abschnitt für Sehbehinderte und Blinde adaptiert („Seelenweg“). Geführte Wanderungen in Sachen Natur, Kultur, Kräuter, Streuobst. Info: www.rosalia-kogelberg.at

Naturpark Landseer Berge: umfasst die Gemeinden Kaisersdorf, Kobersdorf, Markt St. Martin, Schwarzenbach (NÖ), Weingraben. Die Landschaft ist geprägt von Hecken und Feldern, Wäldern und Lichtungen und Streuobstwiesen.

Tipp: Rundwanderweg Landseer Berge: 15 Kilometer, 3,5 bis 4 Stunden. Start und Ziel ist Neudorf, Ziel die Ruine Landesee. Info: www.landseer-berge.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.10.2017)

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