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Glasgow: Der fesche Mister Mackintosh

09.11.2017 | 10:19 |  von Martin Amanshauser (Die Presse - Schaufenster)

Plötzlich fahren alle nach Glasgow. Das ist einem Wunder zu verdanken. Doch es stehen Menschen hinter dem Wunder.

Kaderschmiede. Die Glasgow School of Art (Anbau: Steven Holl) bringt Größen hervor. / Bild: (c) Imago/Keith Hunter 

Glasgow hatte lange Zeit nicht gerade den tollsten Ruf. Allzu unwillkürlich kam das Gespräch auf Edinburgh. Die Glaswegians trugen ihren Edinburgh-Komplex mit sich rum, der da hieß: schmutzigeres Ambiente, weniger Kulturangebot, null mittelalterlicher Charme. Dann folgte der Boom, das „Glasgow Miracle“, und mit ihm kamen Investitionen. Gegenwärtig überflutet sogar, als wäre Image ohnehin egal, der sinnleere Slogan „We make Glasgow“ die Stadt. Man muss ihn offenbar auf der letzten Silbe betonen, damit der banale Doppelsinn hervortritt. Sprachbewusstere Menschen könnte er glatt nach Edinburgh jagen. Doch auch das wird Glasgow, das Stehaufmännchen unter Europas Städten, überstehen.

Schon vor einem Jahrhundert versuchten die Stadtväter, vom Ruf als wenig reizvolles Industriezentrum (620.000 Einwohner, Stichwörter: Schiffe, Züge, oder anders gesagt Stahl, Kohle, Öl und die damit verbundenen Krisen) abzulenken. Die Glasgow International Exhibition von 1888 sollte die Leistungsfähigkeit schottischer Unternehmen darstellen und war mit fünf bis zwölf Millionen Besuchern die erste von vier Veranstaltungen dieser Art im Kelvingrove Park. Noch heute zeugen breite Gehwege von den Bemühungen, Vertreter des Königshauses in Kutschen den Pavillons zuzuführen. Nicht weit davon erstreckten sich die schlimmsten Slums Europas, befand sich der aktivste Nährboden für sozialistische Ideen.

(c) James Craig Annan Held. Der schottische Otto Wagner? Charles Rennie Mackintosh.Held. Der schottische Otto Wagner? Charles Rennie Mackintosh. / Bild: (c) James Craig Annan 

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Second City. Die Geschichte des als „dunkel“ verschrienen Glasgow ist ein Auf und Ab. In der Neuzeit galt sie als „Second City of the British Empire“, eine glänzende Tabak- und Handelsstadt, basierend auf kolonialem Reichtum. Später machte sie als Industriemetropole Fabrikanten reich und beließ Arbeiter bettelarm. Ende des 19. Jahrhunderts standen am Clyde die größten, profitabelsten Werften des Kontinents. Durch die Weltkriege endete auch diese Periode mit einem Crash, die Werften schlossen, mit ihr ein Großteil der Industrie. Im 20. Jahrhundert kam ein rätselhaftes Phänomen auf, der „Glasgow-Effekt“, der sich in der extrem niedrigen Lebenserwartung ausdrückte, auch und vor allem im Vergleich zu anderen deprivierten Städten Großbritanniens – bei Männern 54 Jahre. Oft wurde sie auf Vitamin-D-Mangel zurückgeführt.

Mittlerweile ist dieser Effekt verpufft und Glasgow trotz seiner hartnäckigen Wolkendecken wieder die zweitbeliebteste Destination der Insel. Die Erneuerungen rund um 1990 (Europäische Kulturhauptstadt) markierten den Beginn des Wunders. Heute denkt man bei Glasgow nicht mehr nur an die Fußballvereine Celtic und Rangers und das mit dem als „Old Firm“ bezeichneten Duell verbundene Gewaltversprechen, sondern an Architektur wie etwa jener des Riverside Museums von Zaha Hadid oder des Clyde Auditorium, der Konzerthalle mit Schuppen (genannt „Armadillo“, also Gürteltier), und an das Zentrum, die Merchant City mit dem George Square und den Statuen von James Watt, Robert Burns und Sir Walter Scott. Edinburgh mit seinem Sommerfestival mag mehr Kultur bieten – aber Glasgow ist cooler.

(c) Culture and Sport Glasgow Landeplatz. Das Riverside Museum  (Zaha Hadid Architects) gehört zu den Fixpunkten einer Citytour.Landeplatz. Das Riverside Museum (Zaha Hadid Architects) gehört zu den Fixpunkten einer Citytour. / Bild: (c) Culture and Sport Glasgow 

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Glasgow Style. Dass man der Zeit voraus war, liegt unter anderem an Charles Rennie Mackintosh (1868–1928). So etwas wie der schottische Otto Wagner, neben architektonischen Werken jedoch stark akzentuiert bei Inneneinrichtung und Design, gilt er für viele als der weltweit einflussreichste Designer seiner Zeit. Um den feschen Mackintosh – inzwischen Nationalhero, Touristenattraktion – und drei Personen aus seinem Umfeld dreht sich in Glasgow bis heute alles. Wo sonst hätten sie sich Mitte der vorletzten Neunzigerjahre treffen können als in der Glasgow School of Art?

Der andere hieß James Herbert McNair (1868–1955) und arbeitete ebenfalls für das Architekturbüro Honeyman and Keppie. Im Studium begegneten sie zwei jungen Schwestern, Margaret und Frances MacDonald (1864–1933 beziehungsweise 1873–1921). Mackintosh verliebte sich in die ältere, die er kurz darauf heiratete, McNair in die jüngere, die als Kunststudentin damals schon ihre ersten Preise errang. Charles sollte in späteren Jahren seine Margaret oft als talentierter bezeichnen als sich selbst; so blieb das Lob in der Familie. „The four“, wie sie sich nannten, zeichneten verantwortlich für den geometrischen Glasgow Style, der später Klimt und Hoffmann beeinflusste.

Wenigen Menschen bleibt vorbehalten, die Institution, an der sie studiert haben, neu zu errichten. Kein Problem für Mackintosh. Via Honeyman and Keppie gewannen seine Entwürfe den Wettbewerb für die Glasgow School of Art, erbaut zwischen 1896 und 1909. Es wurde das berühmteste Gebäude der Stadt. Erstaunlich, dass es direkt an einem Abhang liegt. Fotos fangen das Terrain schlecht ein, man braucht das Modell oder den Fußweg rundherum. Von jeder Seite zeigt sich eine andere klare, funktionelle Form des frühen 20. Jahrhunderts. Gegenwärtig ist die Kunstschule komplett mit Baugerüsten versehen. Nach einem Brand im Jahr 2014 entschloss man sich, so richtig zu investieren und sie in ihren Ursprungszustand zu versetzen.

(c) Macintosh House Gesamtkunstwerke. Vom Raum bis zum Kleinmöbel: Gestaltungswille reicht bis ins Detail.Gesamtkunstwerke. Vom Raum bis zum Kleinmöbel: Gestaltungswille reicht bis ins Detail. / Bild: (c) Macintosh House 

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Irgendwo hier muss auch „Sir Roger“ mit seinen vier dicken Beinen herumgestapft sein. Er lebte im Zoo, der sich damals im Zentrum befand, und er wurde in den Zehnerjahren gelegentlich zur Kunstschule geführt, um den jungen Kreativen der Epoche Modell zu stehen. Sir Roger kann man heute noch begegnen, allerdings im ausgestopften Zustand im Kelvingrove Museum.

Gespenstische Wohnfiktion. Die Art Nouveau prägt das Straßenbild – nicht zu vergessen ist dabei, dass zur selben Zeit vorwiegend traditionalistisch gebaut wurde. Die City Chambers (1882–88) stellen etwa ein viktorianisches Rathaus dar, das wie ein entfernter Großcousin des Wiener Rathauses wirkt, erwähnenswert ist auch das Kelvingrove Museum aus rotem Sandstein, historisierend in spanischem Barock.

Etwas gespenstisch hingegen das Andenken an die private Welt des berühmtesten Sohns: Das Mackintosh House am Uni-Campus, eine Wohnung, in der Mobiliar aus jener anderen Mackintosh-Bleibe (1906–14) in 78 Southpark Avenue, ein paar Hundert Meter weiter, versammelt wurde, war doch das Ursprungshaus in den Sechzigern niedergerissen worden. Interessanterweise lebten sie, jedenfalls dieser liebevollen Fiktion (1981) nach, inmitten von Mackintosh-Interieur, was aufgrund des Erfolgs der Art Nouveau nicht undenkbar scheint. Die Bücherstellagen sind mit Werken gefüllt, die damals hätten drinstehen können – sie wirken trotzdem (oder dadurch?) recht unglaubwürdig. Greifbarer sind die Schreibtische, das weiße Himmelbett und der dunkle Dining Room mit den frühen Mackintosh-Stühlen mit ihren hoch nach oben schießenden Rückenlehnen, eines der Merkmale des Glasgow Style. Hoffentlich hat diese Familie ihre Gäste nicht derart spartanisch empfangen: Mackintosh-Möbel sehen ja grandios aus, erwecken aber gelegentlich den Verdacht, man könnte vielleicht bequemer sitzen.

(c) Jean-Pierre Dalbéra Form. Mitten in Glasgow: Mackintoshs „House for an Art Lover“.Form. Mitten in Glasgow: Mackintoshs „House for an Art Lover“. / Bild: (c) Jean-Pierre Dalbéra 

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Zweifellos bequem saß man hingegen in den Teesalons der Jahrhundertwende. Auftraggeberin war Kate Cranston (1849–1934), eine der ersten Unternehmerinnen Schottlands, glänzende Dame der hohen Gesellschaft, die sich gern in Gewändern früherer Epochen zeigte. Von ihrem Bruder, einem Teehändler, kaufte sie die Grundware. Ihre populären Etablissements waren endlich jene lang ersehnten Orte, an denen sich bürgerliche Frauen in der Öffentlichkeit zeigen konnten, ohne Anstoß zu erregen. Tee galt als zeitgemäße Alternative zu Alkohol, Frauen waren die Zielgruppe. Teetrinken wurde zu einer sozialen Kunstform.

„Salon de Luxe“. Auch ihr Bruder betrieb Teehäuser, doch vor allem jene von Kate (offiziell Catherine) Cranston wurden populär. Bei ihrem vierten, den Willow Tea Rooms auf der Einkaufsmeile Buchanan Street, eröffnet am 29. Oktober 1903, zeichneten Margaret und Charles Mackintosh für Innenarchitektur und Design (1896–1917) verantwortlich. Sie bekamen freie Hand von der Fassadengestaltung bis zum Entwurf der Kellnerinnen-Livree. In vier Stockwerken gab es noch den dunkleren Billardraum und einen Raucherraum mit Holzdekor für die Herren, einen Dining Room für beide Geschlechter und eine Art Business-Lounge („Salon de Luxe“) für wohlhabende Frauen, in edlem Grau und mit Teppichboden, dazu ohne die strengen geometrischen Formen. Cranstons Salons gelten als die komplettesten, wichtigsten Beispiele der Art Nouveau.

Dieser Tea Room, von dem nur noch ein kleiner Teil in Betrieb war, schloss vor einigen Jahren. Der Geschäftsfrau Celia Sinclair verdankt Glasgow, dass er – 1930 bis 1974 in Daly’s Department Store integriert – nach einer Generalsanierung am 7. Juni 2018 zum 150. Mackintosh-Geburtstag als „Mackintosh at the Willow“ mit 10.316 Quadratmetern neu eröffnet werden soll. Celia war genau die Richtige, um sich eines solchen Tea Rooms anzunehmen, gründete den „Willow Tea Rooms Trust“. Sie strebt eine nachhaltige Restauration an, auch möchte sie das Engagement von Kate Cranston nicht als Fußnote der Geschichte sehen. „Ich konnte diesen Ort nicht verloren gehen lassen“, erzählt Sinclair, „er wäre ja für immer fort gewesen, und jeder hätte gesagt, oh dear, wieso ist er fort? I simply couldn’t let that happen!“

Trip-Info

Alle Infos zu Glasgow:
https://peoplemakeglasgow.com/

Anreise und Unterkunft:
Flug: mit Lufthansa/Austrian über Düsseldorf oder Amsterdam nach Glasgow. Hotel: ABode Glasgow,
angenehmes
Innenstadthotel nahe
der Buchanan Street,
129 Bath St,
www.abodeglasgow.co.uk

Lokale:
Alchemilla, 1126 Argyle Street.
The Gannet, 1155 Argyle Street.
Singl-end, 265 Renfrew Street.
The Doocot Café, in The ­Lighthouse, 5. Etage,
11 Mitchell Lane.

Museen:
Kelvingrove Art Gallery and Museum: Überblick über die schottische Kunst, hat auch Mackintosh-Säle; gegenüber Kelvin Hall, Argyle Street, mit einem großen Museumslager und einem Fitnessstudio im Haus; www.glasgowmuseums.com

The Mackintosh House, Hunterian Art Gallery, auf dem Uni-Campus am West End, University Avenue, Glasgow.

Riverside Museum, Architektur von Zaha Hadid, Transportmuseum vom Auto über das
Schiff bis zur Lokomotive,
100 Pointhouse Rd.

Kunstschule:
Glasgow School of Art, die Kunstschule der Stadt, existiert seit 1845, in den ersten acht Jahren als Glasgow Government School of Design; das aktuelle Mackintosh-Gebäude seit der Jahrhundertwende, wird zurzeit renoviert; 167 Renfrew St, www.gsa.ac.uk

Teesalon:
Mackintosh at the Willow, wird wiederbelebt vom Willow Tea Rooms Trust, Vorsitzende Celia Sinclair; ihr Ziel ist, ein soziales Unternehmen zu gründen, das sich selbst trägt, den Tourismus anzieht und Kindern die Möglichkeit zur Partizipation gibt; 215-17 Sauchiehall Street, www.willowtearoomstrust.org, noch in Bau, eröffnet 2018.

Technik:
Wunderhübsch ist das 121-jährige „Clockwork Orange“: So nennen sie Glasgows orangefarbige U-Bahn, die seit damals, ursprünglich als Kabelbahn, mit einer 13-jährigen Unterbrechung vor 1935, die der Elektrifizierung diente, die gleiche Strecke im Kreis fährt; www.spt.co.uk/subway

Design:
Paulin Concept Store ist ein schottischer Uhrendesigner, der sich auf die Produktion hochqualitativer Quarzuhren spezialisiert hat, unter Verwendung lokaler und nachhaltiger Materialien. Drei Schwestern, „die Paulins“, führen den Laden; 407 Great Western Road, www.paulinwatches.com

Bluebellgray: Besitzerin Fi Douglas besuchte die Glasgow School of Art, ihr Laden ist einer der bekanntesten schottischen Textilexport-Anbieter, voll im floralen Trend; 17, Park Circus, www.bluebellgray.com


Compliance-Hinweis: Der Autor war Gast von Glasgow Life.

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