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Le Havre: Eine Stadt aus Licht, Luft und Beton

31.12.2017 | 11:58 |  Von Georg Renöckl (Die Presse)

Le Havre, seit 2005 Unesco-Weltkulturerbe, ist 500 Jahre alt, sieht aber weit jünger aus.

Baute nicht nur in Brasilia, sondern auch in Le Havre: Oscar Niemeyer schuf hier einen Vulkan aus Beton. / Bild: (c) imago/ZUMA Press 

Fünfhundert Jahre Geschichte, das ist die Gelegenheit, der Welt zu sagen, wer wir sind und was wir können.“ Selbstbewusst formulierte Le Havres ehemaliger Bürgermeister Edouard Philippe die Idee hinter den Jubiläumsfeierlichkeiten der Stadt an der Seine-Mündung, die im Jahr 1517 vom Renaissance-König Franz I. gegründet wurde. Zwanzig Millionen Euro ließen sich Stadt, Hafen, private Investoren und umliegende Gemeinden das runde Geburtstagsfest kosten. „Wir wollen das Image der Stadt nachhaltig korrigieren“, erklärte Thomas Malgras, Koordinator der Aktivitäten im Jubiläumsjahr, sein ungewöhnlich hohes Budget. Künstler von Weltrang wurden nach Le Havre eingeladen, um die Stadt, die sich als Tourismus- und Wirtschaftsstandort neu positionieren will, ins rechte Licht zu rücken. Gäste erlebten einen aufregenden Sommer. Was bleibt für den Besucher 2018?

In Trümmern

Tatsächlich gilt vielen Franzosen Le Havre nach wie vor als wenig einnehmend, gar trist, und etwas gewöhnungsbedürftig ist das Stadtbild tatsächlich: Der hochseetaugliche Hafen, dem die Stadt ihre Gründung verdankt, wurde ihr auch zum Verhängnis. Die Wehrmacht baute die als „Tor zu Frankreich“ geltende größte normannische Stadt zur Festung aus. 10.000 Tonnen Bomben warf die Royal Air Force im September 1944 über ihr ab. 5000Menschen starben in den Trümmern, vom historischen Zentrum blieb nur ein Teil der Notre-Dame-Kirche stehen. Die Geburtsstätte des Impressionismus, in der Monet sein berühmtes Bild „Impression, soleil levant“ malte, war ausgelöscht. Über 80.000 Menschen hatten ihre Wohnungen verloren.

Wohnung als Vorlage

Mit dem Wiederaufbau der 150 zerstörten Hektar des Stadtzentrums wurde Auguste Perret beauftragt, seit den 1920er-Jahren ein Pionier des Bauens mit Beton. „Das Dumme war nur: Der damalige Bürgermeister von Le Havre hasste Beton“, berichtet Françoise Gasté über eine der Schwierigkeiten, mit denen der Architekt konfrontiert war. Madame Gasté führt durch die „Zeugenwohnung“, eine mit Originalmöbeln ausgestattete typische Wohnung der Wiederaufbauzeit, wie sie zu Tausenden gebaut wurden. Was im Inneren – neben den heute todschicken Nachkriegsmöbeln – sofort auffällt: Es gibt keine dunklen Gänge, bodentiefe Fenster in zwei Himmelsrichtungen sorgen für viel Licht und Frischluft. „Das alte Le Havre war zwar eine schöne, aber auch schmutzige und enge Stadt“, erklärt Françoise Gasté, „Perret und seine Mitarbeiter haben die Wohnblocks so angelegt, dass ein Maximum an Licht in großzügige, ruhige Innenhöfe fallen konnte.“

2005 verlieh die Unesco dem von 60 Architekten mit viel „poetischem“ Beton wiederaufgebauten Stadtzentrum das Prädikat „Weltkulturerbe“ – nicht nur zum Stolz, sondern auch zum Erstaunen mancher Einheimischer: Françoise Gasté erzählt amüsiert von Besuchern der Zeugenwohnung, die sich angesichts der Möbel ihrer Kindheit daran erinnern, wie ihre Eltern die hochwertigen Vollholzstücke zu ofengerechten Scheiten zerhackten, als man sich endlich etwas Moderneres beim Möbeldiskonter leisten konnte.

Zum Beton Auguste Perrets gesellt sich in der Stadtmitte der Beton Oscar Niemeyers: Le Volcan heißt das emblematische Kulturzentrum des brasilianischen Meisterarchitekten am alten Hafen, das mit seinen runden Formen einen spannungsreichen Kontrast zu Perrets rechtwinkeliger Architektur darstellt. Heute sind eines der wichtigsten Nationaltheater Frankreichs sowie die neue städtische Bibliothek, ein Musterbeispiel für gleichermaßen spektakuläre wie benutzerfreundliche Innenarchitektur, darin untergebracht.

Vier Kunstspaziergänge empfehlen sich durch die Stadt, alle beginnen sie bei Niemeyers Volcan sowie Stéphane Thidets Installation, einer Brücke aus zwei Wasserstrahlen, die – sofern kein allzu starker Wind weht – genau in der Mitte des Hafenbeckens aufeinandertreffen und dabei eine stets in Bewegung bleibende Wolke aus Wasserstaub bilden

Blick in die Vergangenheit

Nur ein Katzensprung ist es zum Rathaus, einem der Wahrzeichen der Stadt. Dort lädt ein entfernt an ein Münzfernrohr erinnerndes Gerät zum Blick in die Vergangenheit ein: „Timescope“ nennt sich diese von einem Pariser Start-up entwickelte Zeitmaschine, die ihre Benützer dank Virtual Reality ins Le Havre des Jahres 1944 versetzt – eine beeindruckende Reise in die Ruinenlandschaft nach den Bombardements, die einen den Rathausplatz und die Avenue Foch, Le Havres Prachtstraße, in einem noch viel freundlicheren Licht sehen lässt. Die großzügige Avenue – breiter als die Champs Élysées, wie Einheimische gern betonen – endet in der dem Meer zugewandten Porte Océane, bei symmetrischen Gebäuden, die eine Art Torsituation zum Meer erzeugen.

Farbcode am Strand

Am Stadtstrand zeigen sich die traditionell weißen Strandhäuschen seit diesem Jubiläumsjahr mittlerweile bunt: Der Schwede Karl Martens ließ die Gründungsurkunde der Stadt durch Mathematiker in einen Farbcode übertragen und malte diesen auf die Strandkabanen. Das markanteste Gebäude der Stadt ist die an einen Leuchtturm erinnernde Kirche Saint-Joseph, die im Gedenken an die Opfer von 1944 errichtet wurde. Dabei wartet am Hafen das 1961 gebaute Museum Moderner Kunst (Musée d'art moderne André Malraux – MuMa) mit einem großen Bestand an impressionistischen Arbeiten.

Am Hafen hat mit Vincent Ganivets Catène de Containers eine temporäre Installation kurz Wurzeln geschlagen, die das Zeug zum künftigen Wahrzeichen Le Havres hatte: Zwei Bögen aus bunt gestrichenen Containern, wie sie zu Zigtausenden tagtäglich hier auf- und abgeladen werden, als neues Eingangstor in die Stadt. Deren Prachtstraße, die Rue de Paris, führt an der zur Kathedrale erhobenen Notre-Dame-Kirche aus dem 16.Jahrhundert zurück ins Zentrum und zu Niemeyers Volcan. Wer Lust hat, kann von dort zu weiteren Touren aufbrechen, etwa zu den alten Hafenbecken, wo sich einst bretonische Arbeiter angesiedelt haben und man heute noch hervorragend Crêpes essen kann. Oder doch besser in Richtung der alten Docks, einen weiteren Kunstpfad entlang, und dort einen Sprung in Jean Nouvels neues Schwimmbad machen?

Neuer Kontext

Die Stadt mit der schwierigen Geschichte ist heute eine energiegeladene Kulturmetropole mit viel Initiative im öffentlichen Raum. Aber auch in Richtung neuer Zusammenhänge, die sich durch Kunst und Installationen im architektonischen Bestand ergeben, wie etwa in der berühmten Kirche aus den 1960er-Jahren, Saint Joseph: Viele Besucher kamen auch, um das Werk Chiharu Shiotas zu sehen. „Und dabei nahmen sie die Kirche ganz neu wahr und beginnen, sich mit der Geschichte der Stadt auseinanderzusetzen“, erklärt Thomas Malgras, der bedauert, dass manches, das im Jubiläumssommer aufgebaut wurde, nach wenigen Monaten wieder verschwunden ist. Vor dem Containertor am Hafen lächelt Malgras verschmitzt: „Die Bögen waren wie viele andere Kunstwerke so gebaut, dass sie eigentlich auch stehen bleiben könnten. Aber wissen Sie, was es heißt, in einem denkmalgeschützten Ensemble eine Genehmigung dafür zu beantragen?“ Den Jubiläumsorganisatoren sei früh klar geworden, dass sie ihr Programm nur dann würden umsetzen können, wenn es sich um Interventionen im öffentlichen Raum handelt. Dass so eine Taktik aufgehen kann, weiß man in Frankreich nur zu genau: Für die Pariser Weltausstellung von 1889 baute ein gewisser Gustave Eiffel einen ebenfalls nur als Provisorium gedachten Turm.

Seespinnen gefragt

Dem Charme der Stadt kann man aber auch weitab der Hochkultur erliegen: etwa auf dem Fischmarkt, wo neben Seezungen, Makrelen und ganzen Haien unzählige Hummer und Taschenkrebse auf den Tischen der Fischer liegen, die hier vormittags ihren Fang verkaufen. Vor allem Seespinnen sind bei den Einheimischen beliebt: „Sie schmecken ganz anders als Taschenkrebse, ungleich feiner“, erklärt ein Herr, der sich gerade fünf imposante Tiere hat einpacken lassen. „Aber man kann Pech haben: Manche sind innen fast hohl!“ – eine Frage des Vertrauens zum Händler, der die zappelnden Tiere mit der Hand abwägt. „Wenn Sie kleine Krabben nehmen, sind Sie auf der sicheren Seite“, fährt der Kenner fort. „Sie sind immer voll, dafür machen sie beim Essen mehr Arbeit.“

Spaziert man immer weiter am Meer entlang, vorbei an den bunten Kabanen, erreicht man irgendwann das „Ende der Welt“, wie der äußerste Strandabschnitt heißt. Er gehört bereits zur Gemeinde Sainte-Adresse, deren Strand nicht nur einem weiteren berühmten Bild Monets den Namen gibt, sondern auch für seine ganz eigene melancholische Poesie bekannt ist: Nach dem Bombenhagel von 1944 wurde hier der Schutt ins Meer gekippt. Über die Jahre schliffen die Gezeiten die Reste der alten Häuser rund, sodass man immer wieder Strandkiesel findet, in denen noch eine alte Wandfliese oder ein Mauerrest erkennbar ist – heute sind diese Erinnerungsstücke des alten Le Havre bei Sammlern beliebt, auch wenn die „neue“ Stadt ihren Stolz längst wiedergefunden hat.

Compliance-Hinweis: Die Reisen wurden von IDM Südtirol, Atout France sowie Thai Airways, The
Peninsula Bangkok und Amanpuri
unterstützt.

Tipps

Anreisen: Air France bietet sechsmal täglich Direktflüge Wien–Paris. Weiterreise per Bahn vom Bahnhof Paris Saint-Lazare: Züge alle ein bis zwei Stunden, Fahrtdauer etwa zwei Stunden.

Übernachten in Hotels mit originaler 1950er-Jahre-Einrichtung: Hotel Oscar, 106, Rue Voltaire. www.hotel-oscar.fr

Ibis Styles Le Havre, 121, Rue de Paris.
www.hotellehavre.fr

Essen: La Colombe Niemeyer: Restaurant im Volcan. 8, Espace Oscar Niemeyer. www.lacolombe-niemeyer.fr

La Taverne Paillette: Originelle Mischung aus Elsässer und normannischer Brasserie, besteht seit 1596. 22, Rue Georges Braque. T: +33/(0)2/354 131 50

Le Lyonnais: Fischrestaurant am alten Hafen. 7, Rue de Bretagne. T: +33/(0)2/ 352 207 31

Trinken: L'Abri côtier: beliebte Bar mit Meerblick. 24, Boulevard Albert 1er.
T: +33/(0)2/354 251 20

L'Eau tarie: Fußgängerzonentreff: 86, Rue Victor Hugo. T: +33/(0)9/673 639 83

Au Bout du Monde: Cap de la Hève, 76310 Sainte-Adresse

Anschauen: Von 1945 bis 1954 nach nach Plänen des Architekten Auguste Perret wiederaufgebauter Stadtkern, der 2005 Unesco-Welterbe wurde.

http://unesco.lehavre.fr/de, www.lehavretourisme.com

Informieren: at.france.fr

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.12.2017)

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