Artikel drucken Artikel versenden Artikel kommentieren

Hohe Tauern: Wissen, wo der Bartgeier fliegt

03.01.2018 | 12:12 |  Von Georg Weindl (Die Presse)

Die Zeiten ändern sich auch im Nationalpark Hohe Tauern. Die Besucher werden selbstständiger, haben andere Interessen, und das hat weitreichende Folgen.

Stille Berge im Nationalparks Hohe Tauern / Bild: TVB Osttirol 

Lea ist gerade einmal zwei Jahre alt und schon ein Medienstar. Bei der Feier zum 25-Jahr-Jubiläum des Nationalparks Hohe Tauern Tirol heuer in Kals stand der junge Bartgeier im Mittelpunkt. 2015 wurde Lea, der trotz des weiblichen Namens männlich ist, schon einmal freigelassen, dann vergangenen Winter im italienischen Sondrio verletzt aufgefunden. Nach einem mehrmonatigen Kuraufenthalt in der Eulen-und-Greifvogel-Station Haringsee schwang sich der Bartgeier bei der Feier in Kals wieder in die Lüfte, begeisterte das Publikum mit eleganten Flugbewegungen.

Die Bartgeier sind neben den Steinadlern die Stars unter den tierischen Bewohnern des Nationalparks Hohe Tauern. Allein der Anblick der mächtigen Greifvögel mit bis zu drei Metern Spannweite begeistert die Nationalparkbesucher. Bergregionen oberhalb der Baumgrenze sind das bevorzugte Revier der Bartgeier, die sich überwiegend von Aas und hier vor allem von den Knochen ernähren. Boanbrüchl nennen ihn deshalb die Tiroler. Seit 1986 werden im Nationalpark Hohe Tauern Bartgeier freigesetzt, werden jedes Jahr weitere Tiere freigelassen. Die Präsenz der Bartgeier sorgt immer für großes Interesse. Manchmal hat es auch größere Auswirkungen.

„Im Krumltal in Rauris war einmal ein Bartgeier zu sehen“, erzählt Wolfgang Urban, Direktor des Nationalparks Hohe Tauern Salzburg, „während ein Ranger dort mit 15 Besuchern eine geführte Tour unternahm. Und im gleichen Zeitraum kamen gut 300 Leute zu einem Praktikanten, der in der Nähe war, und ließen sich von ihm über den Bartgeier informieren.“ Für die Verantwortlichen im Nationalpark ein Hinweis, das etablierte System der geführten Touren mit Rangern doch zu überdenken. „Von den insgesamt gut drei Millionen Besuchern im Nationalpark 2016 waren zwei Millionen in den Tälern unterwegs, aber nur 12.000 Leute nahmen an geführten Touren teil“, bilanziert Urban. Keine wirklich zufriedenstellende Zahl, weshalb man im Salzburger Teil des Nationalparks 2017 erstmals auf die geführten Touren verzichtete.

TVB Osttirol Mit Respekt bewegt sich der Besucher durch die sensiblen Zonen im Nationalpark Hohe Tauern – oft allein, mitunter auch mit einem Ranger.Mit Respekt bewegt sich der Besucher durch die sensiblen Zonen im Nationalpark Hohe Tauern – oft allein, mitunter auch mit einem Ranger. / Bild: TVB Osttirol 

+ Bild vergrößern

Individuelles Verhalten

Die Besucher verhalten sich heute anders als in den frühen Jahren des Nationalparks, zeigt sich Salzburg-Nationalpark-Direktor Urban überzeugt. Sie sind selbstständiger geworden, sie wollen sich individuell und flexibel auf dem Terrain bewegen und nicht an starre Termine und Programmabläufe gebunden sein. Früher war es Standard, dass die Gäste sich im Gebirge den Berg- und Wanderführern anvertrauten, weil sie selbst nur wenige Informationen hatten. Heute hat jeder Zugriff auf viele Informationsquellen von digitalen Guides über Onlineplattformen bis zu den verschiedensten Apps. Die Konsequenz daraus war, dass die Salzburger ihr Angebot komplett umstellten.

Spontaner Kontakt

Jetzt sind in allen 13 Tälern des Salzburger Nationalparks am Eingang Infostationen aufgestellt. Dort werden sie entweder vom Ranger empfangen, der ihnen Tipps gibt, wo es an diesem Tag etwas Besonderes zu sehen gibt, oder sie finden Hinweise, wo der Ranger unterwegs ist und wo man auf ihn treffen kann. „Das kann zum Beispiel sein, dass an diesem Tag ein Bartgeier im Tal ist und die Besucher Tipps bekommen, wo sie den Ranger treffen und dem Geier begegnen können“, erklärt Werner Schuh, Nationalpark-Ranger und Bergführer, der im Obersulzbachtal bei Neukirchen am Großvenediger stationiert ist.

Die Bilanz der Salzburger ist jedenfalls eine Bestätigung. „2017 haben wir im Vergleich zum Vorjahr in nur neun Wochen das Zehnfache an Personen erreicht“, freut sich Nationalpark-Direktor Urban. Ranger wie Werner Schuh sind nunmehr im ganzen Tal unterwegs, suchen besonders attraktive Aussichtspunkte, geben den Wanderern Tipps zu reizvollen Wegen und Informationen zu Tieren und Pflanzen im Nationalpark. Anstelle von starren Programmen vermittelt man durch individuelle Dialoge mit den Besuchern und aktuelle, tagesbezogene Tipps. Im Salzburger Teil des Nationalparks ist man überzeugt von dem neuen Konzept. Bei den Kollegen in Tirol und Kärnten gibt es ebenfalls Überlegungen, das Salzburger Modell zu übernehmen.

Neue Chancen

Der Zugang der Besucher zum Nationalpark Hohe Tauern hat sich seit den Achtzigerjahren, seit dessen Gründung, deutlich verändert. Anfangs gab es vor allem bei Einheimischen noch viele Ressentiments wegen potenzieller Beeinträchtigungen der touristischen Entwicklung, sagt Wolfgang Urban. Mittlerweile aber haben sich die Wahrnehmung und Wertschätzung der Naturlandschaft in der Öffentlichkeit deutlich geändert. Auch sehen immer mehr Menschen die Einschränkungen beim Ausbau von Skigebieten positiver als früher. Für Urban ist dies ein Generationenthema: „Die Menschen, die mit dem Nationalpark aufgewachsen sind, sehen mehr die Chancen, die damit verbunden sind.“ Dafür pflegen die Nationalparkverwaltungen auch Kooperationen mit Partnerschulen, bieten entsprechende Themen und Aktivitäten wie das neue Wildniscamp in der Hofrat-Keller-Hütte im Obersulzbachtal an, wo Jugendliche unter Anleitung der Nationalpark-Ranger lernen, sich in der alpinen Natur selbst zurechtzufinden und mit Nahrungsmitteln zu versorgen.

Authentisches Erlebnis

Gerade das Interesse an der authentischen Naturlandschaft ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Das betrifft auch das Erleben von Tieren in freier Wildbahn, sagt Peter Rupitsch, der Direktor des Nationalparks Hohe Tauern Kärnten. Das gilt ganz besonders für Orte, an denen diese Begegnungen leicht machbar sind, beispielsweise auf der Kaiser-Franz-Josefs-Höhe auf dem Großglockner, wo vor allem Steinwild zu sehen ist.

Für die Kärntner ist seit Jahren das Wildtiermanagement in ihrem Anteil am Nationalpark ein zentrales Thema, so gibt es seit dem Jahr 2000 ein Abkommen mit der Jägerschaft. Ein Jahr später wurden vom Nationalparkfonds die Jagdrechte für über 21.000 Hektar und damit drei Viertel der Kernzone gepachtet, 2013 kamen weitere Jagdrechte im Maltatal hinzu. Es wurden großflächige Ruhezonen eingerichtet, Abschüsse sollen nur bei wirklichem Bedarf durchgeführt werden. „Wir versuchen, das alles gemeinsam zu machen“, erklärt Rupitsch, „wir müssen uns mit den Jägern arrangieren, weil wir es im Kärntner Teil des Nationalparks nur mit privaten Grundbesitzern zu tun haben.“

Das wachsende Interesse an den Bartgeiern, den Steinadlern und dem Steinwild ist nur ein Aspekt im sich verändernden Zugang der Menschen zum Nationalpark. Die Nachfrage nach authentischen Lebensmitteln aus alpinen Regionen ist ein anderer. Das in den vergangenen Jahren deutlich gestiegene Bewusstsein in der Bevölkerung über die Qualität und die Herkunft heimischer Lebensmittel macht auch vor den Angeboten im Nationalpark nicht halt. Im Tiroler Teil des Nationalparks beispielsweise, im Gschlösstal nördlich von Matrei, wurde in diesem Sommer die Almsennerei Tauer nach 70 Jahren wiedereröffnet. Dahinter steht die Genossenschaft der 40 Milchbauern aus dem Gschlösstal in Osttirol.

Regionale Produkte

„Wir haben hier im Gschlösstal, das ja immer schon ein Besuchermagnet war, durch den Nationalpark noch mehr Nachfrage und mehr Besucher bekommen“, erklärt Friedrich Schneeberger, der nicht nur einer der Almbauern ist, sondern auch Obmann der Grundbesitzer im Nationalpark, Bauern-Obmann und Bezirkskammer-Obmann war. Früher haben, schildert Schneeberger, sich die Bauern über die Talfahrt der Milchpreise geärgert, heute bringe das gewachsene Interesse für regionale Produkte eine echte Belebung. Jetzt gibt es in der Sennerei, die sich nur wenige Meter hinter dem Matreier Tauernhaus am Gschlösser Taleingang befindet, Graukäse, Tauernkogel Schnittkäse, Almkäse Rainerhorn und Gschlösstaler Almbutter von der Milch direkt aus dem Tal. Zum Reifen wird der Käse in einen Felsenkeller in einen aufgelassenen Stollen südlich von Matrei gebracht.

Dass die Urlaubsgäste dann auch ganz traditionell speisen und dass sie am liebsten Zutaten direkt vom Bergbauern auf dem Teller haben wollen, das kennt Monika Resinger nur zu gut. Die Wirtin des Venedigerhauses ganz hinten im Gschlösstal auf knapp 1700 Metern Höhe erlebt das jeden Tag in der langen Wandersaison. Seit 24 Jahren führt sie zusammen mit ihrem Ehemann, Hansl, der gelernter Berg- und Skiführer und Leiter der Matreier Skischule ist, das Traditionswirtshaus mit bestem Blick auf den Großvenediger.

Einfaches Quartier

„Früher hat das die Leute kaum interessiert, aber in den letzten Jahren ist die Nachfrage nach Heimischem extrem gewachsen“, sagt sie. Graukäse und Gerstlsuppe sind die Renner im Venediger-haus. Aber auch die restliche Speisekarte versorgt hungrige Wanderer auf heimische Art mit Bauernwürsteln vom Lenznbauer mit Sauerkraut und Kren, Osttiroler Kasspatzln mit Röstzwiebeln oder Tiroler Knödeln in Gulaschsoße. Und dann sind da noch die Spezialitäten, die nicht auf der Speisekarte stehen, wie Graukasnocken oder die Ingsanten Niggelen, eine Süßspeise aus Germteig, die man früher bei Hochzeiten gegessen hat und die es bei der Wirtin auf Anfrage und an besonderen Tagen gibt. Je älter, desto besser, könnte man fast meinen. Da gibt es Leute, die legen nicht nur im Gasthaus Wert auf Tradition, sondern auch bei der Übernachtung. „Wir haben wieder viele Wanderer hier“, erzählt Resinger, „die wollen gar nicht im bequemeren Zimmer im Bett, sondern unbedingt im Lager im Schlafsack übernachten.“

Almzone bis hochalpines Terrain

Der Nationalpark Hohe Tauern ist das größte Schutzgebiet Mitteleuropas und verteilt sich auf Kärnten, Osttirol und Salzburg. Naturschutz ist hier im Einklang mit legitimen Bedürfnissen von Bewohnern und Besuchern. In der Außenzone gilt es, das almwirtschaftliche Landschaftsbild zu erhalten. Dreiviertel der Fläche (Kernzone) sind allerdings von jeglicher wirtschaftlicher Nutzung ausgeschlossen.

Touren. Auch im Winter lohnt der Be- such, individuell mit Tourenskiern und Schneeschuhen oder geführt von Ran- gern. So werden in Salzburg u. a. Wildtierbeobachtungen im Habachtal oder Schneeschuhwanderungen im Rauriser Urwald angeboten. In Osttirol gibt es „Mystische Nächte“ (Mondscheinwandern) in Matrei, Defereggen oder Kals.

In Kärnten: Schneeschuhschnuppertouren ins Tauerntal. www.hohetauern.info

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2017)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Artikel drucken Artikel versenden Artikel kommentieren Facebook Twitter Pinterest
Meistgelesen
    Als Gast kommentieren

    ...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

    *... Pflichtfelder

    Sicherheitscode

    >>>
    Schwer lesbar? Neuen Code generieren

    Verbleibende Zeichen

    Lesen Sie mehr

    • Tunis: Stadterlebnis Baudenkmal

      Mit zwei Stunden Flugzeit liegt Tunis eigentlich vor der Haustür. Reizvoll ist der Kontrast von orientalischem Weltkulturerbe, Art Deco und Modernismus.
    • Das Kitz-Quiz: Sind Sie fit für die Streif?

      Quiz Wie steil ist das berühmteste Gefälle, mit welchem Tier wird man belohnt, wenn man es bewältigt und womit überführt man einen Nicht-Mundart-Kitzbüheler beim eifrigen Daher-Tirolern?
    • Dolomiten: Forte am Helm, piano auf der Seiser Alm

      Mit dem Auto oder gar mit einem Hubschrauber? Braucht man nicht (mehr). Dank neuer Pisten, Bergbahnen und guter Zugverbindungen kann man die Dolomiten jetzt an einem Tag mit Skiern durchqueren. Und das, ohne wirklich zu hetzen.