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Tunis: Stadterlebnis Baudenkmal

17.01.2018 | 15:44 |  von Madeleine Napetschnig (Die Presse - Schaufenster)

Mit zwei Stunden Flugzeit liegt Tunis eigentlich vor der Haustür. Reizvoll ist der Kontrast von orientalischem Weltkulturerbe, Art Deco und Modernismus.

Weltkulturerbe. Über Jahrhunderte verzahnten sich die Häuser der Altstadt. / Bild: (c) imago/blickwinkel 

Kann sein, dass die Medina von Tunis ihren Besucher erst einmal verwirrt: Wie soll man sich in diesem einmaligen Konglomerat aus weißen Kuben, Kuppeln, Gewölbetonnen und engen Straßen voller Menschen, Läden, Handwerksbetrieben gleich orientieren? Doch was soll’s, man hat Zeit, lässt sich treiben. Kommt von der Hauptachse weg, weiter hinein in leere, enge Seitengassen, immer tiefer in diese Vervielfältigung von weiß gekalkten Wänden und bunt gestrichenen Türen. Ein paar Mal um die Ecke, und weitere winkelige Durchgänge tun sich auf. Wenn sie denn nicht in Sackgassen versickern. Also wieder retour und einen neuen Weg durch dieses orientalische Architekturereignis bahnen. Kompakt verzahnen sich diese nach außen schlichten und hermetisch wirkenden, aber intern reich ausgestatteten und zum Patio geöffneten Häuser. Wie Schleichwege scheinen die Gassen, die sich aus den schmalen Zwischenräumen zwischen den historisch wertvollen Objekten ergeben.

Der Besucher wähnt sich in einem Labyrinth, in dem ihm, abgesehen vom Smartphone natürlich, mehr die Ware den genauen Stadtort anzeigt als ein arabischer Straßenname: Wie früher in einer mittelalterlichen europäischen Stadt konzentrieren sich heute noch die Gewerke in bestimmten Teilen der Medina: Dort die Stoffhändler mit ihrem mehr oder weniger feinen Tuch. Da die Schmiede, Arbeiter über Gefäße, Metallpaneele und Kunsthandwerkliches vertieft. Weiter hinten wiederum eine Gasse mit Friseuren, akkurat an Männerhaaren und -bärten herumschneidend. Die Medina ist ein in sich gewachsener Organismus, in dem Jahrhunderte überdauerte, was anderswo vielleicht längst abgetragen, aufgegeben oder stark umgebaut worden wäre.

(c) imago/Chokri Mahjoub  Neustadt. Die alte Markthalle wurde vor einigen Jahren schön saniert.Neustadt. Die alte Markthalle wurde vor einigen Jahren schön saniert. / Bild: (c) imago/Chokri Mahjoub  

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Besondere Struktur. Der Blick von den Dächern zeigt eine klarere, abgegrenztere, weit weniger verwirrende Struktur: Die Medina als kleinteiliges Ornament aus Vierecken und Linien innerhalb von 1500 mal 800 Metern, mittendrin die Ez-Zitouna-Moschee aus dem neunten Jahrhundert, eine der wichtigsten in der islamischen Welt. Rundherum ein Kranz aus großzügigeren Bauten sowie die breite Avenue Habib Bourguiba als Hauptachse der Neustadt mit ihren Hochhäusern, Cafés und Geschäften. Hier in der Neustadt stehen und standen Schauobjekte einer Moderne auf dem Testfeld Nordafrika und originelle Beispiele des Brutalismus wie das umgekehrte Dreieck des Hotel du Lac (Bild Mitte). Im Hintergrund der Belvedere-Hügel, das berühmte Bardo-Museum im einstigen Villenvorort Le Bardo und dem noch früher von den türkischen Beys angelegten Palastbezirk. Weiter hinten Wohnbau, Arbeiterquartiere, Banlieu. Noch weiter draußen: die noblen Wohnadressen, umgeben von Grün. Und dann, versammelt auf einem Fleck, die Zone mit den großen Hotels.

Ein Stadt-Überblick vom Dach aus bietet sich hier zum Glück recht oft: In den vergangenen Jahrzehnten sind viele Häuser in der Altstadt saniert, und davon manche zu kleinen, stilvollen Boutiquehotels adaptiert worden. Einige Flachdächer mutierten zu Terrassen mit aufgemauerten Bänken und Sitznischen, mit Arrangements aus Teppichen, Pölstern und niedrigen Teetischchen, auf denen dann auch Aperitifs Platz haben. Alles nicht ganz so streng.

Authentisches Ensemble. 1979 wurde die Altstadt von Tunis unter den Schutz der Unesco gestellt. Die Substanz erschien der Kommission einzigartig, weil in dieser Dimension wie nirgendwo noch so erhalten, und dabei recht authentisch, weil sich darin eine über Jahrhunderte alte Handelskultur städtebaulich konserviert hat. Freilich liegt der Fokus der Händler mittlerweile stark auf den Touristen, Wochenendbesuchern, Kreuzfahrtpassagieren. In den Boomjahren hatten sie manche Souks, Marktgassen, regelrecht geflutet. Daher wird dort ein Sortiment angeboten, das ein moderner tunesischer Haushalt nicht wirklich braucht, zumindest nicht oft, aber dem Gast als Souvenir zu gefallen scheint: Patschen, Dschellabas, gefakte Sonnenbrillen, Hammamtücher in allen Farben.

(c) imago/robertharding  Prachtbauten. In einigen noblen „Dars“ befinden sich Lokale.Prachtbauten. In einigen noblen „Dars“ befinden sich Lokale. / Bild: (c) imago/robertharding  

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Dennoch ist der älteste Teil der 700.000-Einwohner-Stadt (mit den Siedlungen rundherum: zwei Millionen) ein Ort der Einheimischen, an die 20.000 leben dort. Beten in Moscheen, die in die frühe Zeit der Verbreitung des Islam zurückreichen, arbeiten und wohnen in restaurierten Häusern, bringen ihre Kinder in den Kindergarten, besuchen Schulen, kochen und essen in einem der zahlreichen Lokale. Fahren mit dem Rad durch die Gassen. Tragen Kopftuch, oder auch keines. Präsentieren sich westlich, oder auch nicht. Die Atmosphäre: durchaus entspannt.

An die 700 Baudenkmäler hatte die Unesco in der Stadt festgemacht. An die 200 wurden mehr oder weniger aufwändig saniert. Dass mancher Bau kaum zu retten ist, liegt freilich am Kapital einer Nation, die nach so massiven Ereignissen wie dem arabischen Frühling, aber auch den Attentaten im Jahr 2015 und dem Rückgang des Tourismus, mit anderen Dingen beschäftigt ist, als mit dem Denkmalschutz.

Lange Hochphasen. Tunis hatte viele große Tage: Im 9. Jahrhundert, unter den Aghlabiden, war sie eine der prosperierendsten islamischen Städte. Und vom 13. bis zum 16. Jahrhundert erfuhr sie, dann unter den Hafsiden, eine Hochphase, von der die Architektur zeugt. In dieser Zeit füllten Paläste, Moscheen und Medresen mit ihrer stilistischen Finesse und hoch entwickelten Ornamentik die Zwischenräume in der bereits 100.000 Einwohner zählenden Stadt auf.

Tritt man aus ihr heraus, marschiert über den Platz des Sieges (Place de Victoire) und durch den Bogen des Bab el Bhar, empfindet man das Umfeld als deutlichen Kontrast: Die Neustadt, in der das moderne Leben von Tunis pulsiert, ist das Werk des französisch-kolonialen Urbanismus im 19. Jahrhundert, mit schachbrettartig angelegten Straßen, großformatigeren, nach außen orientierten Häusern, floralem und geometrischem Fassadendekor. Diese Fin-de-siecle-Architektur ist heute oft schwer reparaturbedürftig, und manches verwittert, verfällt, doch ihre Wirkung beim nostalgischen Betrachter verfehlt auch dieses reiche architektonische Erbe nicht. Mancher Bau ist immerhin für die Nachwelt gerettet, saniert, in Betrieb: Die Großmarkthalle (Marché Central) etwa, wo man über das große frische Angebot an Obst, Gemüse, Fleisch und Fisch staunt. Die Halle wurde vor einigen Jahren restauriert. Auch das „Grand Hotel de France“ stammt aus der Zeit um die Wende zum 20. Jahrhundert, August Macke hatte sich hier im Jahr 1914 eingemietet.

(c) FVA Tunesien/bc Villenvorort. Sidi Bou Said, ein Ausflugsziel für Tunesier und Gäste. Villenvorort. Sidi Bou Said, ein Ausflugsziel für Tunesier und Gäste. / Bild: (c) FVA Tunesien/bc 

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Leuchtende Orientbegeisterung. Für diese Bauwerke begeisterten sich der deutsche Maler und seine beiden berühmten Begleiter auf dieser Reise kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, die Maler Louis Moilliet und der berühmte Paul Klee allerdings weit weniger: Sie hatten sich, angesteckt von der allgemeinen Begeisterung der Kunstwelt für alles Orientalische, vor allem des Exotischen wegen auf diese Tunesienreise begeben. Nur zwei Wochen verbrachten sie in Tunis, ein paar Tage auch in Hammamet und Kairouan, lieferten der Nachwelt jedoch viel Material: Sie fingen das besondere Licht ein, die orientalische Architektur, die exotischen Szenerien und verwandelten sie in überzeitliche Kunstwerke, die bis heute das Tunesien-Bild prägen.

Um einen Abgleich zwischen den Architekturskizzen, Lichtstudien und Alltagsszenen, vor allem von Klee und Macke, zu finden, muss man hinaus Richtung Meer fahren. Hier hatten die drei Malerfreunde den Arzt Ernst Jäggi besucht, der sich hier mit seiner Familie angesiedelt hatte. Man versteht, warum er diese Gegend ausgesucht hatte: In den heutigen Vororten von Tunis stehen Villen im Grünen, Tunis‘ Hietzing und Döbling in einem, Partys, dicke Autos, schicke Kleider, das gehört dazu. Schon vor über hundert Jahren war man schnell da draußen im legeren Teil der Stadt – mit Tunesiens erster Eisenbahn (TGM). Es sind auch die Küstenvororte im Norden, die die meisten aufsuchen: La Marsa und Sidi Bou Said, ein Vorzeigedorf in weiß und blau, ein Klischee im besten Sinne. Dazu Karthago (Carthage), die phönizische, später römische Siedlung, an der Tunis seinen eigentlichen Ausgang hatte. Ein riesenhaftes archäologisches Feld, aus dem von der antiken Stadt bei weitem nicht alles an die Erdoberfläche befördert ist.

Zu den größten baulichen Eingriffen im 19. Jahrhundert gehörten aber der Hafen La Goulette und der See von Tunis (der im übrigen Umfeld des Shootings der Modestrecke auf den Seiten 8 bis 12 war). Der El Bahira war eigentlich eine Lagune und nur einen Meter tief. Sie versandete, also wurde ein zehn Kilometer langer Kanal gegraben, um den Stadthafen mit dem Meer zu verbinden, dazu ein Damm aufgeschüttet. Auf diesem bewegt sich Tunis heute hin und her. Zwischen der alten und der neuen Stadt, zwischen traditionellem und modernem Leben.

Tipps

Hinkommen. Dreimal wöchentlich fliegt Tunisair Wien–Tunis. www.tunisair.com


Bleiben. Hotel Tunisia Palace: Av. Bourghuiba, Art Deco, eines der ältesten (1911) Hotels, www.tunisiapalace.com

Dar El Medina: in der Medina, ehemaliger Familienpalast aus dem 19. Jahrhundert, Boutiquehotel. www.darelmedina.com

Hotel The Residence Tunis: an der Küste Karthagos, Fünfstern -Haus, tolle Lage bei Strand, Salzseen, Golf und Thalasso, www.residencetunis.com

Hotel Four Seasons Tunis Gammarth: ganz neu, Luxus. www.fourseasons.com/tunis

Villa Bleue: „Hôtel de charme“, individuelle Zimmer, in Toplage von Sidi Bou Said, sehr beliebt bei Paaren. www.lavillableuesidibousaid.com


Essen. Dar El Jeld: in der Medina, eines der besten Restaurants mit traditioneller Küche. www.dareljeld.com

Le Comptoir de Tunis: coole Location mit mediterraner Küche, Tapas und Bar im Zen- trum. www.lecomptoirdetunis.com

Le Golfe: die besten Fische, www.le-golfe.com

Au Bon Vieux Temps: in Sidi Bou Said, stilvolles Ambiente, feine französische Küche.
www.aubonvieuxtemps.net

Dar Zarrouk: Restaurant des Boutiquehotels Dar Said in Sidi Bou Said, Aussicht auf die Bucht von Tunis, Cocktail-Bar. www.darzarrouk.com

Café Verde: originell, günstig, Grill, in La Goulette.


Buchen. u. a. bei TUI, FTI, Thomas Cook, Columbus-Reisen und in den Reisebüros


Tipps/Infos. FVA Tunesien, T 01/ 585 34 80, office @tunesieninfo.at, www.discovertunisia.at

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