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Diamante: Murales schärfen den Blick, Schoten reizen den Gaumen

11.01.2018 | 13:36 |  Von Klaudia Blasl (DiePresse.com)

Monumentale Murales schärfen den Blick, scharfe Schoten reizen den Gaumen.

Unzählige Murales zieren die Mauern der Stadt. / Bild: Imago 

Augen auf im Straßenverkehr! Ein wichtiger Rat, den man in Diamante auf Schritt und Tritt befolgen sollte. Selbst wenn in der Altstadt gar keine Autos oder Fahrräder verkehren. Aber da man in diesem atmosphärischen Küstenort nördlich von Cosenza nahezu automatisch zum Hans-Guck-in-die-Luft mutiert, stellen auch Pflastersteine, Blumenstöcke oder schlafende Katzen ein ernst zu nehmendes Hindernis dar.

Auf dem Boden gibt es allerdings auch wenig zu sehen, während beinahe auf allen Hausmauern dieses mittelalterlichen Badeorts Kunstwerke prangen. Der ganze historische Stadtkern gleicht einer einzigen Leinwand. Kein einziger weißer Fleck weit und breit, denn die wenigen nicht bemalten Stellen werden von gigantischen Peperoncino-Ketten okkupiert. Immerhin ist Diamante nicht nur berühmt für seine Street-Art, sondern auch dafür, Hochburg der Chilischote zu sein.

Wobei die intestinalen Flammenwerfer vor mehr als 35 Jahren auch als Geburtshelfer der Wandmalerei fungiert haben. Damals hatte der italienische Künstler Nani Razzetti die fruchtbare Idee, dem alljährlichen Fest des Peperoncino einen – im wahrsten Sinn des Wortes – malerischen Anstrich zu verleihen. Und 83 Meister der großformatigen Pinselführung reisten aus dem In- und Ausland an, um das Straßenbild von Diamante auf einen Str(e)ich aufzuhübschen.

Mosaike und Fotopixel

Seit damals ist viel Farbe die Wand hinuntergeflossen, denn mittlerweile verzieren an die 150 Werke den Ort sowie die zugehörige Insel Cirella. Angiolina und Michele Sposito aus Ferrara fertigten ein gewaltiges Mosaik auf der Fassade der Chiesa Madre (Via Alfieri), die Akademie der Schönen Künste von Rom erstellten einen pointillistischen Druck eines Fotos aus den 1940er-Jahren, Luther Blisset aus Tokio und Francesco Cirillo verliehen dem „großen Bruder“ ein weithin sichtbares Antlitz, und die Ungarin Marghareta Krump verewigte das „Objekt“ Frau. 2017 fand dann erstmalig ein eigenes Street-Art-Festival, OSA! (Operazione Street Art), statt, das unter dem Motto „Immigration“ stand. Ein aktuelles wie traditionelles Thema in Kalabrien.

„Früher zogen wir Italiener in Richtung Norden, um Arbeit zu finden“, erinnert sich Peppina, während sie in ihrer kleinen Bottega Caciocavallo-Kugeln (einen birnenförmigen Käse von der Kuh- oder Schafmilch aus dem Silasgebirge) zu schlichten sucht, „heute kommen die Menschen übers Meer und suchen bei uns ihr Glück.“ Nachdenklich schichtet sie auch Ricottakegel (Ricotta affumicata, also geräucherten Ricotta von Schaf oder Ziege) darüber. „Aber meiner Ansicht nach würden doch alle lieber daheim bleiben, wenn sie nur Nahrung und Frieden hätten.“ Eine sehr weise Einsicht, für die man Peppina gern noch ein paar Zitronatzitronen und ein Flascherl Lakritzlikör abnimmt.

Star ist die Zitronatzitrone

Diamante, die Perle am tyrrhenischen Meer, sorgt allerdings nicht nur für ein Übermaß an Augenschmaus, sondern auch die Gaumenfreuden kommen keinesfalls zu kurz. Zwar mag Uneingeweihten die legendäre Cedro di Diamante (Zitronatzitrone) anfänglich leicht sauer aufstoßen, doch gelten diese seltenen Früchte aus Diamante innerhalb des Judentums als nahezu heilige Objekte, unverzichtbar für den Etrog beim Laubhüttenfest. Oder für die Mehlspeisenküche der Einheimischen. Aber selbst wenn der Ort durchaus süße Seiten hat, die wahren Protagonisten am heimischen Herd sind Chili, Fisch und Krustentiere. Im direkt am Sandstrand gelegenen Ristorante Sabbia d'Oro stellt sich allein beim Anblick der gastronomischen Kreationen unbändiger Appetit ein.

Vorausgesetzt, man ist nicht gerade auf Diät oder zur Gänze unscharf unterwegs. Das Lokal, dessen Wände – ganz im Stil der Umgebung – flächendeckend mit Cartoons verziert sind, verhält sich sonst als Paradebeispiel für Understatement. Keine silbernen Löffel, kein vergoldetes Porzellangeschirr, keine stilvolle Bestuhlung, keine gerahmten Speisekarten. Stattdessen Arte povera und etwas Kitsch, einmal abgesehen von den witzigen Zeichnungen im kleinen Saal. Anna und Palmino Raffo vergeuden ihre Zeit nicht mit Nebensächlichkeiten. „Eine schöne Einrichtung macht niemanden satt“, sagt Anna, die Köchin.

Nicht ohne meinen Hummer

Und wo sie recht hat, hat sie recht. Unvergleichlich die Gnocchetti mit Krabben, Radicchio und der perfekten Dosis Schärfe, einzigartig der Schwertfisch mit Chilikruste und nahezu sündhaft gut die Tagliolini mit Hummer – einem ganzen Hummer, denn gespart wird hier tatsächlich am Mobiliar, nicht an den Zutaten. Und schon gar nicht am Peperoncino. Selbst die teuflische Torte zum Dessert verbirgt hinter ihrer Mürbteigfassade eine Füllung aus Chilimarmelade. Allein der abschließende – für den Süden obligatorische – Limoncello (Zitronenlikör) kommt ganz ohne süße Schärfe aus.

KUNST UND KÜSTE

Diamante liegt an der Zedernküste (Provinz Cosenza) und hat mit seinen Murales nicht nur das größte Freilichtmuseum Italiens, sondern eines der weltgrößten.

Essen: Lido Sabbia d'Oro Via Piano delle Donne 7, Belvedere Marittimo, info@ ristorantesabbiadoro.it

Café Niní: Nusscafé und Peperoncinoeis Via Santa Lucia 42, Diamante, www.caffenini.com.

Einkaufen: Peccati di Gola, Piazza XI Febbraio 17, Diamante. Museo del peperoncino. Palazzo Ducale, 1, Maierà.

Infos: Enit – italienische Tourismuszentrale, www.enit.at.

(05.01.2018)

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