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Ramsau: Ein ganzes Skigebiet für die Kleinen

25.01.2018 | 14:40 |  Von Jupp Suttner (DiePresse.com)

In Ramsau am Dachstein macht der Skinachwuchs schnell Fortschritte. Zumal er eine ganze Reihe von auf ihn abgestimmten Pisten und Lifte für sich hat.

Skifahren, ein Kinderspiel: vom Herumkugeln zum Herumkurven. / Bild: Reuters 

Vincent, drei Jahre alt, lebt in einer Großstadt auf dem flachen Land. Er besitzt nicht die geringste Ahnung, was „Ski fahren“ bedeutet. Doch er möchte es unbedingt-unbedingt-unbedingt erproben. Denn: Der fünf Jahre alte Bruder, Marcell, hat es bereits einen Winter zuvor mit diesem Skifahren versucht. Und alles, was der große Bruder treibt, treibt den kleinen Bruder an. Im Moment jedoch liegt Vincent auf dem Boden eines Sportshops. Und weint und schreit und kreischt – ist außer sich. Grund des lauthalsen Auftritts: Eben haben sie ihm coole Schuhe verpasst, die er zum Skifahren benötigt. Und schon zogen sie ihm einen davon wieder vom Fuß. Um ihn mit der Skibindung abzustimmen. Vincent versteht das nicht. Er versteht nur: Verlust! Eines Skischuhs!

Naheliegende Strategie

Erst als die geraubte Ware wieder an seiner Wade landet, ist der Noch-nicht-Skifahrer zu beruhigen. Im Laden lächeln sie. Derlei Auftritte registrieren sie hier jeden Tag. Denn es handelt sich um ein Sportgeschäft in Ramsau am Dachstein in der Steiermark. Und dieses Ramsau hat sich – als vielleicht einziger Skiort der Welt – zu hundert Prozent dem Kinderskilauf verschrieben. Logischer Grund: Das alpine Skigebiet mit seinen nur zwölf Liften und 25 Pistenkilometern (davon 14 Kilometer in der Kategorie blau/leicht) ist ganz nett. Aber kein erwachsener Skifreak würde ausschließlich dieses Angebots wegen nach Ramsau reisen. Wo doch nur zehn Autominuten entfernt die Vier-Berge-Skischaukel Schladming-Hochwurzen-Haus-Reiteralm mit 123 zusammenhängenden Pistenkilometern lockt. Also entschlossen sich die Ramsauer Fremdenverkehrsstrategen: Wir machen aus unserer Alpinschwäche – ein echtes Alpinparadies, für Kinder eben.

Eltern üben selbst

Als sozusagen ideale Ergänzung zum Status, bereits als Skilanglaufdorado zu figurieren – 1999 fanden hier nordische Skiweltmeisterschaften statt (so wie in besagt nahem Schladming schon zwei Mal Alpin-WMs stiegen). Auf alle Fälle: Das mit den Kindern – eine aus Marketingsicht bemerkenswerte Idee. Denn Eltern fühlen sich hier sicher, was ihre kleinen Lieblinge betrifft. Da auf diesen Hängen keine Rowdys rasen wie vielerorts sonst – sondern nur vorsichtig die Eltern jener Kinder herumkurven, die sich gerade an der Talstation in Kalis Schneeland (Slogan: „Größte Winterspielwiese in der Region“) vergnügen.

Ach ja, die Eltern. „Am liebsten“, seufzt Skilehrerin Kathrin, „ist es uns, wenn sie gar nicht ihren Kindern zuschauen. Dramen gibt es immer nur, wenn die Kleinen Papa und Mama oder Oma und Opa irgendwo erblicken.“ Also werden die Erziehungsberechtigten während des Unterrichts rigoros weggeschickt. Nicht in die Wüste, sondern in den Schnee – beispielsweise zu Kursen wie „Easy Learning für erwachsene Skianfänger“ oder „Skifahren wieder lernen an einem halben Tag“.

Kalis Schneeland ist benannt nach dem Maskottchen Kali, welches die Kids bei sämtlichen Vorhaben begleitet. Es handelt sich dabei um einen Ramsaurier, der gerade etwas erstaunt Vincents Treiben verfolgt. Denn dessen Aufgabe lautet: mit dem Zauberteppich den kleinen Hang emporzufahren (das kann er schon ganz allein), sich dort bei der Kinderschar anzustellen, bis er an der Reihe ist, um einen Hula-Hoop-Reifen zu ergreifen, den die Skilehrerin ihm entgegenstreckt, und schließlich auf diese verbundene Weise von der „Tante“ ins „Tal“ gebracht zu werden. Wo es dann erneut mit dem Zauberteppich . . . – und so weiter, und so fort.

Acht Spezialstrecken

Vincent jedoch fährt hinauf, biegt beim Ausstieg sofort in Richtung Abfahrt ab (Anstehen bei der Gruppe scheint ihm zu zeitraubend) – und düst im Schuss hinunter. Bis er stürzt. Ein ums andere Mal. Sein Talent scheint eher im stringenten Downhill- denn im hula-hoopischen Slalommetier angesiedelt. Kathrin und Kali erklären ihm, dass Kurven beim Skifahren aber notwendig seien. Und verweisen auf den Bruder auf dem Hang nebenan, der dies bereits super beherrsche. Weshalb Marcell, der Große, nachmittags dann auch auf die Märchenpiste darf. Diese ist eine von acht Kali-Kinder-Spezialstrecken, wie es sie in dieser gehäuften Form vermutlich nirgendwo sonst noch in der weißen Welt gibt. Was wiederum den Unterschied zu zahllosen anderen Kinderskiarenen der Alpen ausmacht. Die meisten von ihnen sind prächtig geraten und verbessern sich Jahr um Jahr.

Denn Touristiker wissen: Wo der Mensch als Kind Ski fährt, dorthin wird er auch als Erwachsener immer wieder zurückkehren. Minis sind die Kunden von morgen. Und Eltern werden deshalb mit Kindersonderaktionen und Spezialtarifen ohne Ende verwöhnt – so sie im Internet ein wenig recherchieren. Aber dass ein gesamtes Skigebiet im Alpinbereich sich fast ausschließlich um die Pistenzwerge kümmert wie eben Ramsau am Dachstein, darf als absolutes Novum betrachtet werden. Irgendwann beherrscht auch Vincent die Kurven und muss man bei Marcells kühnen Fahrten bereits darauf achten, dass er es mit der Geschwindigkeit nicht übertreibt. Eines eint die Brüder jedoch auf alle Fälle. Zu Hause wieder, in ihrer Großstadt auf dem flachen Lande, müssen die bisherigen Schlaftiere der Kids einem neuen Favoriten weichen: Kali. Der Ramsaurier hat es aus dem Schnee- ins Daunenbett geschafft.

Infos: www.ramsau.comwww.schladming-dachstein.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.1.2018)

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