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Südtirol: In der Ruhe liegt die Überzeugungskraft

16.03.2018 | 14:10 |  von Madeleine Napetschnig (Die Presse)

Das Sarntal war nie touristisch überlaufen, ist aber gastronomisch hoch entwickelt und von Bozen aus schnell erreicht. Man wandert zwischen Latschen, wundert sich über rätselhafte Steingebilde und badet wie vor hundert Jahren.

Eines der beliebtesten Wanderziele in den Sarntaler Alpen: die Stoanernen Mandln. / Bild: Madeleine Napetschnig 

Die Welt macht es den Sarnern nicht ganz so leicht wie anderen Südtirolern, scheint es. Der eigenständige Dialekt, angereichert mit einigen aaas und einem Hauch langsameren Sprechtempos mach(t)en sie zum beliebten Objekt von Witzen, ein bisschen so wie unsere Burgenländer, damals. Auch die Lage in der Mitte des Landes half der Destination paradoxerweise weniger auf die Sprünge als anderen ihr weit abgelegeneres Setting inmitten der Dolomiten. Und die Straße vom nahen Bozen durch die Schlucht herauf in das schöne Tal wand sich lange, bis zum heutigen Ausbau, in schmalere, riskant zu schneidende Kurven, sodass sich die Sarner oder der Gast, war er einmal gelandet, schon gut überlegte, ob er wegen einer Kleinigkeit noch einmal ins Auto steigt und die vielen Kurven wieder aus dem Tal hinausfährt.

So eine vermeintliche Benachteiligung hat umgekehrt seine größeren Vorteile, und schließlich reift man an seinen Prüfungen: Die Phasen, in denen manches Alpental von hinten bis vorn und weit hinauf zugebaut und verdichtet worden ist, hat diese Gegend einfach ausgesetzt und sich erst dann in eine umfangreichere touristische Erschließung eingeklinkt, als man das Feld des Bauens in Südtirol nicht mehr dem schnöden Folklorismus überließ. Sprich: Die nicht allzu vielen Häuser im Sarntal sind ansehnlich. Sarnthein, der Hauptort zeigt sich als eine kompakte, lebendige Gemeinde mit schönen alten Häusern. Dort und da stehen im langen Tal und seinem Abzweiger, dem Durnholzertal, sorgfältig zusammengehalten alte Bauernhäuser. Die allermeisten werden noch als solche bewirtschaftet, weil es sich eben ausgeht mit den Tätigkeiten als Bauer, Zimmervermieter und etwas anderem Zuverdienst. Und vor allem, weil in Südtirol kein Bauernhof zu hoch liegt, als dass nicht längst eine Straße und Infrastruktur erreicht hätte. Hat zur Folge, dass manche Siedlungen, etwa Reinswald, Haus an Haus auf einer Höhenkante sitzen.

 Madeleine Napetschnig Lehrreich in Sachen Botanik: Am Latschen-Weg bei Reinswald. Lehrreich in Sachen Botanik: Am Latschen-Weg bei Reinswald. / Bild: Madeleine Napetschnig 

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Sterne, Moose, Latschen

Hat aber auch zur Folge, dass sich Gastronomen am Berg etwas trauen, was mancher anderswo im Tal nicht wagt. Personen wie Heinrich und Gisela Schneider, Bruder und Schwester, die den Betrieb ihrer Eltern in eine ganz neue Richtung ausgebaut haben. Sie betreiben den Auener Hof auf über 1600 Metern Höhe. Zwei Michelin Sterne locken weit gereiste Gäste auf den Berg hinauf, gefühlte 50 Kehren, die sich über den Alchemismus von Heinrich Schneider freuen, Druide nennen sie ihn, weil der Koch Tiefenkenntnis von Pilzen, Flechten und Moosen besitzt.

Das Restaurant „Terra“ im Auenerhof ist nicht der einzige hochdekorierte Betrieb im Sarntal: Einen Stern trägt das „Alpes“ im Bad Schörgau. Ebenso ein Ort, an dem – von Egon Heiss – vor allem verarbeitet wird, was die Region hergibt. Darunter das bekannteste Naturprodukt, die Sarner Latsche. Freilich kommt der auf 2000 Metern wachsende, niedrige Baum nicht in Rohform auf den Tisch, sondern als Öl der Destillat. Bad Schörgau überhaupt ist ein speziell anregender Ort im Sarntal: Lange existierte dort ein Bauernbadl. Diese Tradition hat Familie Wenter wiederaufgenommen und im Betrieb integriert. Stück für Stück entstand in der Idylle durch geschickte Sanierung und Upcycling, neue Architektur und die Handschrift von Gregor Wenter ein inspirierter Treffpunkt für Gäste, die offen sind für den Geist eines Ortes.

Mystischer Platz

Rätselhaft hingegen mutet dieser Geist in der Höhe an, bei den Stoanernen Mandln, unzähligen aufgeschichteten Steintürmen auf der Hohen Reisch. Angeblich sollen im Mittelalter hier Hexen zusammengetroffen sein, ein fatales Gerücht für die urkundlich bekannte „Pacher Zottl“. Steht man heute da droben, sieht man den Bogen, den die Sarntaler Alpen bilden. Und denkt man ihn weiter, geht's über einen Pass erst wieder hinaus – das steile Penser Joch. Insofern ist da hinten wirklich Sarntalschluss.

Essen und übernachten im Sarntal

„Terra“ im Auener Hof: zwei Michelin Sterne in ungewöhn- licher Lage. In dem modernen Bau befinden sich auch coole Zimmer und Suiten. Mitglied bei Relais & Chateaux, terra.place

„Alpes“ in Bad Schörgau, ein Michelin Stern. Der Ort ist inspirierend, ein altes Bad, erweitert um einen kleinen-feinen Hotelbetrieb, Outdoorsauna und ein originell ausgebautes altes Haus für Veranstaltungen. Großer idyllischer Garten. www.bad-schoergau.com

Infos: www.suedtirol.info

 Madeleine Napetschnig SarntalSarntal / Bild: Madeleine Napetschnig 

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.03.2018)

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