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Swinemünde: Das polnische Rimini auf Usedom

18.03.2018 | 14:18 |  DIETER WARNICK (Die Presse)

In der Hochsaison ist der Strand der Hafenstadt dicht belegt, in der Nebensaison ist das internationale Flair fast noch stärker zu spüren: In Swinemünde an der ostdeutschen Grenze nimmt der Ostseetourismus Fahrt auf.

Das Ostseeband Ahlbeck mit seiner berühmten Seebrücke im Winter / Bild: Imago (Christian Grube) 

Wenn man es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, man würde es kaum glauben. Dieses Ambiente würde man nicht mit einem Ostseebad in Polen verbinden. Eher mit der Adriaküste, Mallorca oder Gran Canaria. Ein Strand, so breit wie eine zehnspurige Autobahn und so lang wie eine Marathonstrecke (Auflösung weiter unten). Ein Himmel so azurblau wie das Trikot der italienischen Fußball-Nationalmannschaft, das Wasser so kühl wie ein Glas prickelnder Champagner und der Sand so hell und fein wie bestes Weizenmehl – Herz, was willst du mehr.

Swinemünde – Świnoujście – heißt dieser Flecken Erde, und er befindet sich auf der polnischen Seite der deutschen Ostsee-Insel Usedom. „Unsere Stadt“, berichtet Piotr in fast akzentfreiem Deutsch, „hat sich in den vergangenen Jahren ganz toll entwickelt. Das hat sich wohl herumgesprochen, nicht nur bei unseren polnischen Landsleuten.“ Gerade in der Vor- und Nebensaison zeigen insbesondere deutsche Touristen, dass das „polnische Rimini auf Usedom“ internationales Flair hat. Und es hat sich in den vergangenen Jahren herausgeputzt. Auch die Promenade, an der wir Piotr treffen, beeindruckt. „Schauen Sie sich nur die vielen alten Villen aus der Gründerzeit an. Wie schön sie geworden sind.“

Imago Das Ostseebad Zinnowitz im WinterDas Ostseebad Zinnowitz im Winter / Bild: Imago 

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In der Tat ist Swinemünde mit seinen 41.000 Einwohnern zu einem Vorzeigeobjekt des polnischen Tourismus geworden. Der Ort blüht, wächst und gedeiht. Historische Bäderarchitektur trifft auf Promenadenleben, das sich unbegrenzt mit dem der drei deutschen Kaiserbäder Bansin, Ahlbeck und Heringsdorf vermischt.

Zur Mittagszeit an einem sonnendurchfluteten Wochentag während der Hochsaison gibt es, so hat es den Anschein, kaum mehr ein freies Platzerl am Strand. Viel vom Sand ist nicht zu sehen, dafür ein farbenprächtiges Treiben: Caps als Kopfschutz in allen Farben, noch bunter sind die mitgebrachten Wind- und Sichtschutzutensilien. Auch in der Ostsee tummeln sich Hartgesottene, vorwiegend Kinder und Jugendliche. Für diese Unerschrockenen sind Wassertemperaturen um 17 Grad gerade angenehm genug. Wind- und Kitesurfer haben damit ohnehin kein Problem, sie schützen sich mit Neoprenanzügen.

Kaiser und Entourage

Schon Anfang des 19. Jahrhunderts genoss Swinemünde den Status einer vor allem vom Hochadel gern besuchten Sommerdestination. Der Leibarzt von Theodor Fontane, der von 1827 bis 1832 hier lebte, förderte das erste Ostseebad Preußens. Eigentlich ist Swinemünde sogar das erste Kaiserbad (die Ortschaften Bansin, Ahlbeck und Heringsdorf nennen sich offiziell Kaiserbäder), denn hierher kam Kaiser Wilhelm II. auf seinen Nordlandfahrten, wenn er seine Flotte besuchte. Hundert Jahre später wurden die ersten Kureinrichtungen gebaut.

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Menschen in Swinemünde ohne Hoffnung: Ihre Stadt war am 12. März 1945 durch einen alliierten Bombenangriff mit 671 Flugzeugen und 1600 Tonnen Bombenlast völlig zerstört worden. Rund 4500 Menschen starben, die meisten Opfer wurden auf dem Golm, der höchsten Erhebung der Insel Usedom, in Massengräbern beigesetzt. Sechs Schiffe wurden im Hafen versenkt. Anfang Mai marschierten russische Truppen ein, am 6. Oktober wurde die Stadt unter polnische Verwaltung gestellt. Auf der Potsdamer Konferenz im selben Jahr wurde die Westgrenze Polens festgelegt, die Ahlbeck von Swinemünde trennt. Aus Swinemünde wurde Świnoujście.

Fünf Jahre nach Kriegsende lebten 5000 Polen und nur noch 500 bis 600 Deutsche in Swinemünde, das Seebad war zur Domäne der Sowjets geworden. 1952 kamen wieder erste Urlauber, und zehn Jahre später wurden Fährverbindungen nach Schweden, Dänemark und zur Insel Bornholm aufgenommen. Am 24. Dezember 1992 verließen die letzten sowjetischen Soldaten die Stadt.

Offene Grenze seit 2007

Von da an nahm der Tourismus Fahrt auf. Hotelzimmer und Ferienwohnungen wurden modernisiert, viele neue Unterkünfte entstanden, erste (Nobel-)Hotels begannen um die Gunst der Urlauber zu werben. Swinemündes Wunden sind endgültig verheilt, die Stadt stieg neben Kołobrzeg (Kolberg) und Sopot (Zoppot) zu einem der bekanntsten Bäder Polens auf.

Aber noch trennte ein Schlagbaum die Nachbarländer. Im Dezember 2007 wurde endlich die Grenze zwischen Polen und Deutschland für den freien Verkehr geöffnet – nach 62 Jahren. Wo früher Menschenmassen am Grenzübergang auf die Abfertigungsmodalitäten warten mussten, reist man heute zu Fuß am Strand oder per Rad auf der Uferpromenade ein. Das bequemste Reisemittel ist allerdings die Usedomer Bäderbahn (UBB). Sie startet im 42 Kilometer entfernten Peenemünde, also im Abstand einer Marathonstrecke, und führt über Zinnowitz, Ückeritz und die Kaiserbäder bis Swinemünde.

Ein großer Teil der Swinemünder Bevölkerung lebt vom boomenden Fremdenverkehr – rund 1,5 Millionen Übernachtungen sprechen eine deutliche Sprache, auch der günstige Preis lockt so manchen Gast – und, wie eh und je, von der Hafenwirtschaft. Der Seehafen von Swinemünde ist einer der bedeutendsten Umschlagplätze in Polen und an der Ostseeküste.

Das Küstenviertel ist geprägt von Bürgerhäusern aus dem 19. und 20. Jahrhundert, die Fußgängerzone mit ihren einladenden Plätzen, Restaurants und Cafés ist großzügig gestaltet. Das mit Abstand originellste Café heißt Wieza (Turm). Es befindet sich im Eingangsbereich der Martin-Luther-Kirche, von der nur noch der Turm erhalten ist. Auch das muss man mit eigenen Augen gesehen haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2018)

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