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Irland: Halbzeit auf dem Weg zur Ewigkeit

28.03.2018 | 17:50 |  Von Nicole Quint (Die Presse)

Wenn Bob Dylan recht hat und die Antwort tatsächlich im Wind weht, dann dürften im sturmumtosten Irland keine Fragen mehr offen sein, außer einer: Warum versteckt sich die Vergangenheit ausgerechnet auf einer Kuhweide?

Ballina im County Mayo / Bild: Mayo 

Es heißt ja, Irland sei voll von spirituellen Orten, die man nur finden müsse. Davon, dass man Reisenden die Suche extra schwermacht, ist hingegen nie die Rede. Aber eine der schönsten Klosterruinen des ganzen Landes entdeckt man nur mit sehr viel Glück. Zuerst darf man auf der kleinen Straße zwischen Killala und Ballina im County Mayo das Hinweisschild „Moyne Friary“ nicht übersehen – und sich dann auch nicht davon irritieren lassen, dass der Wegweiser einen schnurstracks zu einem Bauernhof führt.

Ab da ist der Weg zum Ziel nur noch 500 Meter lang. Eine 500 Meter lange Mutprobe. „Beware of the bull“ hat der freundliche Farmer an seinen Zaun geschrieben. Leider ist kein Baum da, auf den man klettern, keine Hecke, hinter der man sich verstecken könnte, nur ein weicher nasser Boden, in dem die Schuhe tief und schwer schmatzend einsinken. Ein Sprint ließe sich auf diesem Untergrund nicht hinlegen. Heute aber gehen keine hitzigen Bullen auf Touristenjagd. Eine friedlich grasende Herde Mutterkühe mit Kälbchen hat die Klosterwacht übernommen.

Zeitreise ins Jahr 1590

Schon beim Erreichen des Eingangs erfüllt einen das Gefühl, etwas Besonderes zu tun, und mit dem nächsten Schritt hinein ins Kirchenschiff ist es, als sei man im Jahr 1590 gelandet. Damals war das Kloster völlig niedergebrannt. Auch heute fehlen die Dächer, sonst ist alles noch da – Kirche, Kreuzgang, Sakristei und Küche, auch die Nische, in der zu den Mahlzeiten ein Vorleser gestanden ist, kann man in der Ostwand des Refektoriums noch erkennen.

Durch die Fensterhöhlen blitzt das Blau des Himmels und spielt Kontrast mit dem Schwarzgrau verwitterter Mauern. Den Arkadenbögen rund um den Klostergarten ist ein Moosfell gewachsen, von dem ein geisterhaft grellgrüner Schimmer ausgeht, und der Klosterturm wirft trotz abgebrochener Spitze einen langen Schatten auf uralte Grabplatten, denen der Frost tiefe Risse in den Stein gesprengt hat. Über Treppen erreicht man das Obergeschoß, in dem sich die Schlafräume der Mönche befunden haben. Von hier reicht der Blick weit in die Killala Bay, zur Mündung des Flusses Moy und auf die Bergkette der Ox Mountains.

„An rud a lionas an tsuil lionann sé an croi“ („Was das Auge füllt, erfüllt das Herz“), lautet eine gälische Redensart, und mit jedem Blick auf spätgotische Fenster, auf Kapitelle, Säulenstümpfe und Graffiti, die von den ersten Mönchen im 15. Jahrhundert in den Stein geritzt wurden, dringt die Mystik des Mittelalters in die Besucher ein. Aber nicht allein die Schönheit der Ruine, nicht ihre Besinnlichkeit macht den Zauber der Vergangenheit aus.

Die Magie des Ortes besteht darin, dass hier einmal Menschen gelebt haben und es einem überhaupt nicht schwerfällt, sich dieses Leben vorzustellen. Als hätten die Klostermauern alles gespeichert, was in ihnen gedacht, geträumt und gesagt wurde. Als hätten die Mönche ihre Erinnerungen zwischen diesen steinernen Kulissen zurückgelassen. Hier priesen sie Gott, verfluchten das irische Wetter, fischten Lachse im Moy River oder gingen auf der nahen Insel Bartragh auf Kaninchenjagd.

Zur Blütezeit des 1462 erbauten Klosters lebte hier eine Gemeinschaft von rund fünfzig Priestern, Professoren, Studenten und Laienbrüdern. Es gab eine wertvolle Bibliothek, eine Krankenstation, hervorragende Weidegründe, eine Wassermühle, Fischteiche, Obst-und Gemüsegärten, und der Wein kam als Fracht spanischer Handelsflotten direkt bis in den nahen Hafen von Killala. „Leben wie Gott in Irland“ könnte die Devise der Mönche damals gelautet haben.

Sich an diese Menschen zu erinnern heißt, sie Gegenwart werden zu lassen. Physisch im Jetzt, psychisch im Gestern: Das gelingt in der Moyne Abbey besonders gut, weil man sich den Ort fast nie mit anderen Reisenden teilen muss, die das Kloster mit moderner Gegenwart kontaminieren würden. Bei anderen Tourismuszielen hätte man längst die Kühe verscheucht, einen Zaun um die Anlage gezogen, vielleicht ein Besucherzentrum samt Souvenirshop und Kinosaal errichtet, in dem stündlich Filme zur Klostergeschichte vorgeführt würden. In Mayo kann sich eine der imposantesten Klosterruinen Irlands auf einer Kuhweide verstecken, weil die Grafschaft im Nordwesten keine Massen anlockt.

Makabre Wette

Mayo, durch Moore und Bergketten vom Rest des Landes abgeschieden, war schon immer die am wenigsten besuchte Gegend Irlands und gilt vielen Urlaubern als unbereisbar. Zu viel stinkendes Moor, zu wenig Sonnenschein, keine Museen, Boutiquen und Banken, eine Gegend ohne Robinson Club eben. In Mayo gibt es nur Wiesen, Himmel und Meer – eine touristische Sackgasse.

Sogar Ortsnamen riechen nach Schaf, Guinness und Einöde: Shrule, Brackloon, Carrowteige. Eine imposante Ruine kann da mit ihren scharfen Silhouetten auf die Leere der Landschaft enorm belebend wirken und Stoff für Sagen und Legenden liefern. In den Pubs von Killala überbieten sie sich jedenfalls mit Geschichten vom Moyne-Kloster. Von spukenden Mönchen, die ihre Seele dem Teufel verkauft haben, Intrigen, verbotenen Lieben und vom Dorfjungen Peter Cumming. Um eine Wette zu gewinnen, musste Peter nachts Gebeine aus dem Kloster holen, erwischte aber ausgerechnet den Schädel des eigenen Großvaters, der prompt aus der Totenruhe erwachte und dem Enkel eine kräftige Standpauke hielt.

Großartige Geschichten sind zeitlos, großartige Bauwerke leider nicht. Ihnen droht das Vergehen und uns das Verschwinden einer alten Welt. Die Vergangenheit als Ziel einer Reise nach Mayo ist aber noch lang nicht verloren. Diese Gewissheit ist Jorges Luis Borges zu verdanken. Der Schriftsteller hat geraten, sich die Ewigkeit als einen Engel vorzustellen, der mit seinen Flügeln über einen Marmorbrocken streicht – so lang, bis dieser vollkommen verschwunden ist. Über die Mauern der Moyne Abbey streichen Wind und Wetter seit über 500 Jahren. Der Weg zur Ewigkeit hat hier noch nicht einmal die Halbzeit erreicht.

Die Beschaulichkeit von Mayo

Das County Mayo: Liegt im Nordwesten Irlands, ist zum Teil gebirgig, mit bis über 800 Meter hohen Bergen. Manche Teile sind sehr karg und extrem dünn besiedelt. Viele Seen und eine kleinteilige Küstenlinie mit vielen vorgelagerten Inseln.

Hinkommen: Air Lingus und British
Airways fliegen Irland von Wien aus direkt an. Reiseveranstalter und Fluggesellschaften bieten günstige Fly&Drive-Angebote an. Eine direkte Fährverbindung besteht mit den Irish Ferries von Cherbourg nach Rosslareund Dublin, über Großbritannien gibt es unterschiedliche Routen.

Übernachten: Creevagh Heights B&B:
Auf einer Anhöhe über dem Atlantik gelegen überzeugt das von Harry und Carol geführte Bed & Breakfast mit grandiosen Aussichten auf den Ozean, einem exzellenten Frühstück und gemütlichen Zimmern. Doppelzimmer ab 85 Euro. www.creevaghheights.com

Belleek Castle: Umgeben von Wäldern und direkt am Ufer des River Moy nächtigt man im mittelalterlichen Ambiente des stilvoll renovierten Schlosses. Doppelzimmer ab 100 Euro. www.belleekcastle.com

Feriencottages: Große Auswahl an Häuschen unter www.cottage-irland.de und www.shamrockcottages.co.uk.

Anschauen: Unweit der Moyne Abbey halten noch zwei weitere Klosterruinenschönheiten ihren Dornröschenschlaf: das Dominikanerkloster Rathfran und das Franziskanerkloster Rosserk. Alle drei sind über die Küstenstraße zwischen Ballycastle und Ballinaerreichbar.

Info: www.ireland.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.03.2018)

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