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Fasten: Sehnsucht nach Verzicht

12.02.2015 | 16:05 |  von Cornelia Girardi (Die Presse - Schaufenster)

Nicht nur in der Fastenzeit steht Maßhalten hoch im Kurs. Der komfortablen Angebote gibt es nicht wenige.

Bild: (c) Hotel Post 

Wenn am Ende des Tages Twitter zum letzten Mal zwitschert, fühlen sich viele schon wie eine bis zum Rand mit Müll vollgestopfte Tonne. Davor ist das tägliche Menü, bestehend aus zuviel Zucker, Snacks und unbekömmlicher Nahrung, durchgekaut worden, begleitet von einer ordentlichen Portion Leistungsdruck, würziger Small-Talk-Pflicht und natürlich den piepsenden und blinkenden Displays, die den heutigen Menschen vom morgendlichen Badezimmer bis ins Schlafzimmer verfolgen.

Askese als Konsum: Fastenkuren

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In einem Alltag, der übervoll ist mit Reizen und Auf-
forderungen zum Konsum, wird in der Freizeit der Wunsch groß, diesen Ballast abzuwerfen: sowohl körperlich als auch geistig. Isabelle Jonveaux, Soziologin und Religionswissenschaftlerin an der Universität Graz, beforscht derzeit eine mögliche Antwort auf das gesellschaftliche Völlegefühl, nämlich die „moderne Askese“. „Wir waren lang in einer Konsumgesellschaft, jetzt leben wir in einer gesättigten Gesellschaft. Die Leute streben heute nach Maß und nach neuen Formen von Verzicht“, sagt sie. Das Fasten sei dabei in unserer heutigen Gesellschaft die wichtigste Variante der Askese. „Fasten wird nicht mehr als Selbstkasteiung betrachtet, man sagt sich vielmehr: Ich verzichte auf etwas, weil es mir gut tut.“

Beobachten lässt sich dieses neue Selbstverständnis vor allem an einem wahren Boom an Urlaubsangeboten zum Entschlacken und Entgiften. Wellnesshotels, Gesundheitsresorts, aber auch Klöster bewerben Fastenangebote mit dem Versprechen nach Ruhe, Freiheit und Selbstfindung: „Eine Reise zu sich selbst“, „Loslassen und frei sein“ oder „Entdecken Sie sich – neu“ lauten die
Slogans.

Fasten und Detox-Wochen in Wellnesshotels oder
Thermen sind zwar noch ein Nischenprodukt inmitten der aufstrebenden Gesundheitstourismus-Domäne. Doch allein, dass der Lanserhof in Tirol mit seinem Konzept als reines Fastenhotel (der Lanserhof ist auch bei Promis eine angesagte Adresse für die F.-X.-Mayr-Kur) neben Standorten bei Innsbruck, am Tegernsee und in Hamburg in Kürze ein weiteres Haus in London eröffnen wird, spricht Bände über das Bedürfnis einer gewissen Klientel nach mehr Angeboten dieser Form.

Fasten: Entgiftungshelfer

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Abgespeckt. Nicht zu vergessen ist natürlich auch der fastenzeitkompatible Hype um Detox als Quell der Schönheit und Vitalität. Detox ist eine Entgiftungskur, bei der durch Verzicht auf säurehaltige Lebensmittel schädliche Stoffe aus dem Körper gespült werden sollen, wobei im Gegensatz zum Fasten feste Nahrung gegessen wird.

Das Wellnesshotel Die Wasnerin etwa bietet Detox seit 2012 an. Knapp tausend Euro kostet eine fünftägige Detox-Kur inklusive ärztlicher Betreuung, individuellem Therapieplan und vier Zusatzbehandlungen im Doppelzimmer mit Dachsteinblick. Einzelzimmerzuschlag gibt es keinen: „Die Gäste reisen allein an, was wir auch
empfehlen. Der Entgiftungsprozess ist für den Körper sehr anstrengend, da sollte man sich die Erholung allein gönnen“, sagt Hoteldirektorin Petra Barta. Gewichts-
reduktion sei nur zum Teil der Beweggrund für eine Detox-Woche, so Barta. Hingegen sei heute für viele Leute der Urlaub „Zeit für Gesundheit“. „Der klassische Urlaub, wie es ihn früher gegeben hat, ist heute nicht mehr genug“, so Barta. „Das Leben wird immer mehr von Leistungsdruck geprägt, darum suchen viele Leute im Urlaub etwas, um ihren Körper wieder zu regenerieren und leistungsfähig zu bleiben.“

„Nichts leisten müssen“. Auch Soziologin Jonveaux bestätigt: „Der Körper rückt in unserer Gesellschaft immer mehr in den Mittelpunkt. Der Körper wird aber auch immer mehr ein Ort für Spiritualität.“ Viele Menschen, so Jonveaux, würden beim Fasten nicht nur körperliche Reinigung suchen: „Es sind oft Leute, die eine Lebenskrise erfahren, existenzielle Fragen haben und etwas für sich entscheiden wollen, einen Neuanfang suchen.“ So verwundert wenig, dass immer mehr gestresste Menschen Klöster aufsuchen, um zu fasten. Schließlich hat die Verbindung von Nahrungsverzicht und Spiritualität hier Tradition. Zu einem reinen Fastenkloster hat sich mittlerweile das Kloster Pernegg im Waldviertel etabliert. 300 Gäste jährlich zählte man dort im Jahr 2004, bis heute hat sich die Anzahl mit 1600 Gästen pro Jahr verfünffacht. Das Abnehmen sei für die meisten Gäste nicht der Hauptgrund, nach Pernegg zu kommen, unterstreicht Geschäftsführer Klaus Rebernig. „Rückzug, Besinnung, Stille, Nachdenken können über sich und sein Tun“ und „nichts leisten müssen“ zählt er als Beweggründe seiner Gäste auf.

Auf die steigende Nachfrage hat das Kloster längst reagiert und bietet nicht mehr nur harte Betten und karge Kost gegen ein bisschen Ruhe und Frieden an: In Pernegg gibt es neben Kloster- und Hildegard-Fasten zum Beispiel auch Ayurveda- und Basenfasten. In den Paketen inkludiert sind je nach Kurs unterschiedliche Massagen, auch Saunalandschaft und Fitnessbereich stehen zur Verfügung.

„Während des Fastenurlaubs verzichten die Menschen zwar auf das Essen – aber nicht auf Komfort“, sagt Isabelle Jonveaux, das würde eigentlich der Askese widersprechen – diese verlange ein Leben in Einfachheit. Zugespitzt könne man sogar sagen: „Fasten ist so etwas wie der neue Konsum.“

Des Wenigen zuviel. Eine Form des Fastens, die laut
Jonveaux noch am ehesten der Definition vom „einfachen Leben der Askese“ entspreche, sei das sogenannte Fastenwandern. Wie der Name schon sagt, wird zusätzlich zum Nahrungsverzicht bis zu viereinhalb Stunden täglich in der Gruppe gewandert. Christine Hochreiter, die schon seit zwölf Jahren Fastenwandern im Mühlviertel anbietet, sieht den persönlichen Kontakt zu ihren Fastengästen als Plus dieser Variante. Einige Teilnehmer kommen etwa, so Hochreiter, wenn sie vor einer großen Entscheidung stehen und den Kopf frei bekommen wollen. Bei manchen Fastenwanderwochen sei auch eine Form des Verzichts, möglichst wenige Sachen bei sich zu tragen, bei manchen Angeboten wird während des Wanderns nicht einmal gesprochen. Vielen Menschen könnte das zuviel vom Wenigen sein: Allein der Versuch, eine Fastenwoche auch mit einem Digital Detox zu verbinden, also auf Handy und Internet zu verzichten, sei für manche eine Herausforderung. Jonveaux: „Es ist für viele Leute schwieriger, nicht ins Internet zu gehen, als nichts zu essen.“

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