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Sri Lanka: Kokosnuss für die Seele

09.04.2015 | 14:40 |  von Andrea Köhler-Ludescher (Die Presse - Schaufenster)

Ayurveda in Sri Lanka: ein Wohlfühl-Balanceakt zwischen Sesamölmassagen, Gedanken-Detox und Kaffeeverbot.

Bild: (c) BilderBox 

Under stress no free laugh is possible“, lautet die Diagnose als Auftakt zu zwei Wochen Ayurveda-Schönheitskur in Weligama. Nachsatz: „Genauso wie ein schmutziges Tuch beim Färben nicht die richtige Farbe annehmen wird, kann der Körper nicht von Verjüngungsmethoden profitieren, ehe er nicht von innen heraus gereinigt worden ist.“ Na gut, also zuerst Körper- und Gedanken-Detox, dann Stärkung der Energie und Herstellung der Dosha-Balance, ergänzt um Spezialbehandlungen.

Dass das Treatment hier mehr ist als entspannendes Wellnessen und alternatives Anti-Aging, wissen wir schon vom letzten Mal. Frei nach der Binsenweisheit: Schönheit kommt von innen – was hier, wie in den indischen Veden überliefert und in Tausenden von Jahren erforscht und perfektioniert, auch heute noch authentisch praktiziert wird – und im Westen immer mehr Anhänger findet. Also stehen beide Aspekte der Schönheit auf dem Tagesprogramm: der innere und der äußere. Auch die Hausschildkröte kennen wir schon.

Wir haben Glück. Unser üppiges Verjüngungsprogramm fällt in den Nachmittag, wir verfügen uns höchst erfreut vormittags in den Liegestuhl am salzwassergefüllten Pool mit Blick auf hügelsäumende Palmen, horizontquerende Containerschiffe und unablässig anbrandende Wellen am Sandstrand. Bilderbuchszenerie für die Bürocomputer-Augen. Und als krönende Draufgabe: frisch vom Baum geholte und fachgerecht geköpfte King Coconut – zum Trinken und Fruchtfleischknabbern. In Zeitlupe aus dem Strohhalm gezogene Genuss-Schlückchen des kostbaren Kokosnusswassers, Vitamin-E-Schübe und bedächtig ausgeschälte Häppchen des weichen Fruchtfleisches – man muss die Feste feiern, wie sie fallen.

Charme-Cleaning und Augenbad. Als eine der ersten Behandlungen nach dem Vasthi Karma, dem Cleaning – euphemistisch für einen Darmeinlauf, wie eine schönheitssuchende Ko-Kurende mit „Darm mit Charme“-Kenntnis bei der Tea Time feststellt –, folgt die Akshitharpana, die Augenbehandlung. Und danach: „No swim im pool, no sightseeing und no shirodhara-food.“ Das heißt im Klartext: keine Kokosnuss, weil diese den Körper kühlt, was behandlungstechnisch nicht erwünscht ist. Wusst ich’s doch, warum ich bei der Kokosnuss sofort zugeschlagen habe. Apropos Augen: Ausdrucksstarke Augen sind das Tor ins Herz, sagt der TCM-Arzt daheim. Und er verrät auch die Boulevard-Variante: dass Schaupielerinnen sich Atropin träufeln, um die Pupillen puppenhaft zu vergrößern. Die großen glänzenden Augen sind dem gesunden Kapha-Typ naturgegeben, während meine eher dezenten Vatha-Augen in geklärtem warmen Ghee (Butterschmalz) baden und rollen müssen, um gereinigt und gekräftigt zu werden.

Bei der Konstitutionstyp-Diagnose, die unserer Ayurveda-Behandlung vorausgegangen war, hatte die Ärztin bei mir Vatha- und Kapha-Überschuss festgestellt. Was sich nur leider nicht in vergrößerten Augen äußert, sondern in überschüssigen Wasserablagerungen im Körper – wie chic! Die ich allerdings dank Kräutersäften nach wenigen Tagen los bin, genauso wie die zugehörigen Kilos. Die Kur wirkte bereits – herrlich. Wieder in Wien, sollte ich, um gutes Wissen reicher, auch verstehen, woher sie gekommen sind: zu viel Schlaf, zu viel Hummus, zu wenig Bewegung. Unsere tägliche Tea-Time-Tratschrunde mutiert bald zu einem Befindlichkeitsbasar: Lucy aus Sydney klagt über das Kaffeeverbot und die vegetarische Kost, die sie nicht verträgt, sowie das magere Shopping-Angebot in der Gegend. „Never again!“, verflucht sie die Kur. Aiko aus Japan stellt fest, dass ihre Haut jeden Tag straffer und strahlender wird. Und sooo einen schönen Buddha hat sie erstanden. „Next year again“, grinst sie breit. Lucia aus St. Petersburg – bereits das fünfte Mal im Resort, nachdem sie viele Jahre lang die Schönheitswelt erkundet hat – vertraut mir ein russisches Sprichwort an: „Habt Angst vor euren Wünschen, denn sie werden in Erfüllung gehen.“

Nur Öle und Pflanzen, weder Gold noch Chemie.
„Das Ayurveda-Wissen ist so alt und so bewährt, die Behandlungen können also gar nicht falsch sein“, ist Luzia, Trägerin eines Om-Anhängers aus Tibet und Expertin für Schönheits- und Gesundheitsreisen, überzeugt. „Ich fühle mich nach jedem Aufenthalt entspannt und energiegeladen. Klar lebe ich inzwischen bewusster und gesünder und versuche, die Ayurveda-Routinen im kalten Europa einzuhalten. Und es funktioniert.“ Was man ihr gern glaubt, wenn man sie so ansieht. Ihr schwarzes Haar schimmert, ihre wachen Augen strahlen, sie wirkt rundum zufrieden. „Ich habe in Österreich schon Schrothkuren ertragen, in Italien Thalasso probiert und war zur Zelltherapie in der Sha-Clinic in Alicante. Eine Impfung kostet dort 100 Euro, stell dir vor!“ Luzia extemporiert weiter: „Der letzte Beauty-Heuler war ein Professor aus Korea, der mit proteinstraffenden Kanülen ohne Operation die Gesichtshaut straffte, in China kostete das 15.000 Dollar. Der Erfolg hielt zwei Jahre lang, die Methode mit den goldenen Fäden ist aber wieder aus der Mode gekommen, als nach einiger Zeit den Damen die Fäden aus der Gesichtshaut ragten.“ Luzia senkt verschwörerisch den Blick, „glaub mir, ich habe schon einiges an Kurpfuscherei gesehen. Ayurveda-Ärzte hingegen verwenden nur Pflanzen, keine Chemikalien. Nur Öle und Pflanzen!“ Es sei zudem eine ganzheitliche Philosophie und Behandlungsform, die allerdings Eigenverantwortung und -initiative erfordere, schwärmt Luzia, tägliche Pflege- und Essensroutine, Yogapraxis und Meditation. „Das ist nichts für die faulen und nervösen Menschen, die sich ihr Fett lieber absaugen lassen, weil sie sich für ihren Körper nicht verantwortlich fühlen wollen.“ Aber diese Einstellung ändere sich zunehmend. „Die Leute wollen mehr zu sich kommen, und sie verstehen, dass Körper und Geist gesund sein müssen, damit sie gut aussehen. Schafft man das trotz allen Stresses, kommt ausdrucksvolle Schönheit eines Tages von allein . . .“

Schönheit durch spirituelles Wachstum. Mit hellgrünen und orangefarbenen kräutergetränkten, heiß-wohligen Wattestreifen belegt, liege ich mit geschlossenen Augen im Kräutergarten und ärgere mich über die Fliegen, die mich kitzeln. Leicht spüre ich noch den Druck der Hände der Ganzkörpersynchronmassage. Sesamöl für den Vatha-Typ. Oder Kokosnussöl für den Kapha-Typ. Auf den Oberschenkeln beginnt die Haut unter der Anti-Cellulite-Packung zu pulsieren. Wie effektiv! Ich kann den Geruch der heil- und schönheitsbringenden Essenzen auf meinem Hals nicht identifizieren. Wonach riecht das? Wie beschreibt man einen Geruch, den man nicht kennt? Im Gesicht schmecke ich Honig und Holz. Sandelholz, erfrage ich später.

Plonk, plonk. Ich höre ein klopfendes Klingen am Ohr. Was ist das? Wohl Wassertropfen, die in eine Metalldose fallen. Wie würde das gezeichnet aussehen, dieser Klang und unregelmäßige Rhythmus? Langsam verlieren meine Gedanken ihre Kontur und beginnen zu fließen . . . Heute habe ich das Yoga um sechs Uhr geschafft, bin müde. Sekundenlang treten meine Gedanken ab . . . In den Tontöpfen kochen bereits meine Kräuter fürs Svedana-Schwitzbad . . . „Schönheit ist Gesundheit und Gesundheit ist spirituelles Wachstum, das heißt, den höheren Zweck unseres Daseins erkennen, unsere wahre Natur und die Verwirklichung von Glücksseligkeit, die Anerkennung der All-Einheit“, hatte der Mönch bei der Meditation gestern nachmittag gepredigt . . . Schritte an meiner Seite. Shanti beendet die Behandlung: „Madame 28? Finish. Buddha bless you, you and your family, o. k.? Have a nice afternoon, see you tomorrow.“ Bei der Tea Time erzählt mir Malik, eine supernette Tratsche aus der Modebranche, völlig zusammenhanglos, dass er auf Facebook gelesen hat, dass sich jemand eine lebende Motte aus dem Ohr gezogen hat. Es gibt Ingwercookies und Iramusu-Tee. Tags darauf, bei der Abschlussbesprechung, empfiehlt mir die Ärztin Kalmuswurzel und Koriander. „Wichtig ist nicht, was man isst, sondern was man verdaut“, erklärt sie. „Daher muss das Agni, der Stoffwechsel, gestärkt werden. Die Schönheit resultiert aus Ojas, der vitalen Energie, das feinstoffliche Stoffwechselprodukt, das als letztes Glied der Kette aus der Gewebserneuerung entsteht. Das erste Körpergewebe, das sich bildet, ist die Haut. Sie ist der Spiegel der Seele. Der Geist ist der Motor der Schönheit. Wer nicht glücklich ist, kann nicht wirklich schön sein.“

Auf dem Heimflug blättere ich in einer Frauenzeitschrift. Da lese ich einen Artikel über Charlotte Casiraghi, aus ihrem Tagebuch wird zitiert: „Ich denke, jeder hat sein eigenes spezielles Schönheitsgeheimnis, aber das wichtigste ist das Leuchten in den Augen, wenn man glücklich ist.“ Sicherheitshalber hab ich eine ayurvedische Faltencreme im Gepäck: auf Gotu-Kola-Basis. Empfehlung vom Tea-Time-Treff.

Tipp

Federvieh. Holzmaske „Inner Harmony“ mit Pfauen.
Mitbringsel. Fein duftende Kräuterseife.
Ruhephase. Buddha in ruhender Pose, Kopf nach rechts geneigt.

Ayurveda, das „Wissen vom Leben“, die traditionelle indische Heilkunst, hat seine Wurzeln in der altindischen Hochkultur der Veden. Die konstitutionsgerechten Behandlungen beruhen auf drei Typen, sog. Doshas (Bioenergien auf grob- und feinstofflicher Ebene), die sich aus den fünf Elementen bilden: Vatha, das, was bläst (Akasha/Äther und Vayu/Luft), Pitha, das, was kocht (Agni/Feuer und Jala/Wasser) und Kapha, das, was haftet (Japa/Wasser und Prithivi/Erde). Die Panchakarma-Behandlung zielt auf das Ausleiten der Amas („nicht gekocht“) der körperlichen und geistigen Schlacken, um die natürliche, aber meist gestörte Balance der Doshas wiederherzustellen und das Agni, das Stoffwechselfeuer, zu stärken.

Die schlechte Nachricht. Kein Alkohol, kein Fleisch, kein Nikotin, kein Kaffee, oftmals keine Sonnenbäder und kein Luftzug. Internet gibt es in manchen Resorts nur eingeschränkt.
Die gute Nachricht. In vielen Resorts gibt es keine lauten Klimaanlagen und TV-Geräte. Teil der Behandlung sind in der Regel Rasayanas: . vitalisierende und zellerneuernde Verjüngungspasten, die man bei der Abreise mitbekommt. Oft sind Schneider, Bibliothek und Souvenirshop im Haus, diverse Ausflüge und Vorträge werden organisiert.


Resorts. Auf das Thema spezialisierte Reiseanbieter sind FIT-Reisen und Neue Wege.

Aida, Bentota. Renommiertes großes Resort mit kreativem Design und luxuriösem Ambiete.
aidaayurveda.com

Ayurveda Paragon, Unawatuna. Gehört zu den größten Anlagen des Landes. Alt-Bundeskanzler Kohl war während des Tsunami hier.
paragonsrilanka.com

Barberyn Beach Ayurveda Resort, Weligama. Authentisches Ayurveda-Resort mit dem Charme eines Designhotels, Meerwasserschwimmbad. barberynresorts.com

Centauria Ayurveda Lake Resort, Embilipitya. Landschaftlich schöne Lage am See, zehntägige Programme mit Schwerpunkt auf Kräutern. centauriahotel.com

Eva Lanka Hotel, Tangalle. Schönes Resort in Hanglage mit fantastischem Meerblick, bewährtes Ärzte- und Therapeutenteam. eva.lk

Greystone-Villa, Diyatalawa. Von deutschem Arzt gegründet, zählt zu ersten Anbietern von Pamachakarma-Kuren, Kolonialvilla mit familiärer Atmosphäre auf 1400 Metern.
greystones-villa.de

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