Max stolpert über den Koffer, der an der Wohnzimmertür lehnt. "Verflucht, was steht da herum?" Er reibt die schmerzende Stelle an der Wade.
"Mein Koffer", sagt Liane. "Ich fahre …"
"Ach richtig, die Sommerfrische."
"Kur!", sagt Liane. "Willst du nicht doch mitkommen?"
"Geht nicht und du weißt es. Leg dir halt keinen Kurschatten zu."
"Kurschatten? Du spinnst doch!" Liane, im weißen Kleid, mit Hut, als führe sie nach Ascot zum Galopp, schnappt den Koffer.
Max geht ins Musikzimmer, den einzigen Raum, den er vor ihrem Wegwerf- und Aufräumfuror bewahren kann. Er geht zum Schrank, holt sie heraus. Sein Blick gleitet über ihren Hals hinunter zu ihrem Körper. Seine Finger streichen über die Schnecke, berühren die Saiten. "Schon so alt und doch so schön", sagt er. "Ich spiele nicht gut genug für dich. Ein anderer müsste den Bogen führen. Lange dachte ich, Maxim Vengerov wäre der Richtige, aber seit ich ihn gesehen habe: Nein! Zu ungestüm, zu rasend ist sein Spiel. Er drängt den Bogen, statt die Saiten zu umschmeicheln." Also doch Gidon Kremer. "Kremer ist älter, verstehst du? Erfahrener. Er kennt die Liebe."
Max holt sie aus ihrem samtenen Bett. Sie muss gespielt werden. Du möchtest Corelli, Beethoven? Max schüttelt den Kopf. "Heute nicht", sagt er. "Heute ist Penderecki dran! Er wird dir gefallen, wenn du dich darauf einlässt." Eigentlich hätte das Capriccio auf dem Stapel neben der Geige liegen sollen. Da war es nicht. Auch nicht in dem Stapel auf dem Klavier. Nicht in dem auf der Bank, nicht auf dem Klavierhocker, nicht im Regal, nicht in der Bananenschachtel vor dem Regal, nicht in der Bananenschachtel neben dem Regal.
Liane wüsste, wo es ist. Er hätte sie nicht gehen lassen sollen. "Komm", sagt er und packt den Geigenkasten. Er steigt ins Auto, legt sie neben sich auf den Sitz.
Im Hotel fragt er nach ihrem Zimmer. Es geht zur Straße hinaus. Max stellt sich unters Fenster zwischen die Stiefmütterchen der Rabatte. Vivaldis Violinsonaten. Er spielt die erste, die zweite, die dritte … Lianes Fenster bleibt geschlossen.
Jahrgang 1964
Veröffentlichungen: (ein Auszug)
2007 - "Fuchsgeister – Historischer Kriminalroman", Addita Verlag, Neuauflage 2011, unter dem Titel: Der Schatten des Mandarin, Edition Hochfeld)
2010 - "In der Schleife", in: Die Form der Zeit, Anthologie, Achter Verlag
2011 - "Karl Marx kauft sich Zigarillos und geht mit mir essen", in: Kühner Kosmos, Anthologie



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