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Das Leben und die Ästhetik des Todes

14.04.2017 | 14:02 |  Barbara Petsch  (Die Presse - Schaufenster)

Die Ausstellung „Natura Morta“ in der Akademiegalerie und im Naturhistorischen Museum.

Duett. Direktorin Julia M. Nauhaus und Direktor Christian Köberl. / Bild: (c) Katharina Roßboth 

Natura Morta, ein wichtiger Begriff in der Kunstgeschichte. Maler verewigten Früchte, Blumen und Jagdbeute und brachten, speziell seit der Barockzeit, die wilde Natur in Schlösser und Salons. Die Wiener Akademiegalerie und das Naturhistorische Museum (NHM) verbinden nun in der Ausstellung „Natura Morta“ Kunst und Natur. Das NHM gibt mit dieser Schau zugleich ein Signal, dass es künftig mehr mit der Kunst arbeiten will. Ein weiterer Aspekt ist der Hinweis auf ausgestorbene oder aussterbende Arten und den Raubbau, den der Mensch an der Natur betreibt, wenn Touristen zum Beispiel Schlangenlederstiefel, Elfenbein oder Korallen kaufen. Das Thema hat traurige Aktualität, zum Beispiel im Zusammenhang mit Nashornpulver, das angeblich potenzfördernd wirken soll. Anfang März erschossen Unbekannte in einem Zoo nahe Paris ein Nashorn, dessen Horn angeblich im Schwarzhandel 40.000 Euro und mehr einbringt.

(c) Oliver Mark (c) Oliver Mark

Kern der Schau von Akademiegalerie und NHM sind Aufnahmen von Oliver Mark, der in der Asservatenkammer des deutschen Zolls in Bonn Fotos verbotener Einfuhren bzw. Präparate gemacht und sie in kunstvollen, historisch stilisierten Rahmen platziert hat. In der Asservatenkammer werden beim Zoll beschlagnahmte Objekte aufbewahrt. Auch das NHM hat damit zu tun, es erstellt Gutachten bei verbotenen Importen und lagert die ausgestopften Schlangen oder Tinkturen mit Schlangen oder Vögeln, die geschützt sind, in den teils schmucken, teils unheimlichen unterirdischen Depots des Gebäudes am Ring. Hier ist die „heiße Ware“ von heute neben Beutestücken von einst untergebracht. Ob die alten Eulen und Ibisse sich nachts mit den in Schlangenbeschwörer-Pose erstarrten Kobras von heute unterhalten? Das bleibt der Fantasie von Fans des Blockbusters „Nachts im Museum“ überlassen. Im sogenannten Schlangenschnaps ist übrigens tatsächlich – allerdings vom Alkohol denaturiertes – Schlangengift bzw. das Gallensekret, in Asien gilt der Drink als Heilmittel gegen viele Krankheiten: „Natura Morta“, ein weites Feld.

(c) Oliver Mark (c) Oliver Mark

Schönheit und Schrecken. Mit rund 30 Millionen Sammlungsobjekten zählt das 1889 eröffnete NHM – das zum Teil schon lang vorher angelegte oder erworbene naturkundliche Sammlungen der Habsburger beherbergt – zu den bedeutendsten Naturmuseen der Welt. Das Haus spiegelt die Begeisterung, den Pioniergeist von Generationen, aber auch das sich wandelnde Interesse des Menschen an der Natur wider. Was mit Forschungsexpeditionen im Zuge der Kolonisierung begann, ist heute von mehr Achtsamkeit gegenüber schrumpfenden Ressourcen und zerstörter Natur bestimmt. Was bewegt das NHM, sich der Kunst zuzuwenden?

Noch bis 19. Juni läuft die Ausstellung „Al Hansen/Venus, Venus, Venus“. Der 1995 verstorbene US-Fluxuskünstler umkreiste hier eines der zentralen Objekte des NHM, die Venus von Willendorf. Ende April folgt „Natura Morta“. NHM-Generaldirektor Christian Köberl: „Wir machen aus zwei Gründen Ausstellungen mit Kunstbezug. Einerseits, weil wir Menschen breite Interessen pflegen, weil man nicht alles immer nur durch eine Brille sehen soll. Es gibt Künstler, die eine naturwissenschaftliche Herangehensweise an Themen haben – und Naturwissenschaftler, die sich für Kunst interessieren.“ Andererseits, meint er: „Wenn wir etwas Künstlerisches im Haus machen, dann muss es eine Beziehung zu unseren Museums- und Ausstellungsobjekten haben.“ Bei der Venus von Willendorf sei der Bezug eindeutig gegeben. „Bei ,Natura Morta‘ ist es ähnlich. Wir haben Tiere in unserer Sammlung, die von Menschen ausgerottet wurden. Zum Beispiel den tasmanischen Beuteltiger, der letzte starb im Zoo von Hobart 1936. Wir haben hier aber auch ausgerottete flugunfähige Vögel wie Dodo oder Dronte.“

Aberglauben. Die Idee, dass pulverisiertes Nashorn-Horn die Potenz fördert, hält Köberl für gefährlichen Humbug: „In Afrika ist innerhalb weniger Jahrzehnte fast die gesamte Nashornpopulation verschwunden. Wenn man schon so einen Unsinn glaubt, dass Nashorn-Horn die Fruchtbarkeit steigert, könnte man das Nashorn rasieren, denn das Horn ist aus demselben Material wie die Haare: Keratin. Es gibt ja auch den Glauben, dass Tigerknochen Krebs heilen, noch so ein Unsinn. Wenigstens hat China jetzt endlich dem Handel mit Elfenbein einen Riegel vorgeschoben.“

Wie ist die Ausstellung strukturiert? Oliver Marks Spezialität sind inszenierte Porträts, etwa von Angela Merkel, Anthony Hopkins oder Papst Benedikt XVI. Insofern ist er mit dem Verfahren der Ästhetisierung vertraut. „Mark hat 50 Fotografien gemacht und zeigt sie in altmeisterlichem Stil und ebensolchen Rahmen“, erläutert Akademie-Galerie-Direktorin Julia M. Nauhaus. „Wir stellen 30 Fotos bei uns aus, gemeinsam mit Gemälden aus der Akademie-Galerie, und 15 im NHM. Während bei uns der Schwerpunkt auf Stillleben liegt, wird es im NHM mehr der Artenschutz sein.“ 

Tipp

"Natura Morta". Im Zentrum der Ausstellung in der Akademiegalerie und im Naturhistorischen Museum stehen die Bilder des deutschen Fotografen Oliver Mark, 27. April bis 16. Juli 2017. Lektüre: „Natura morta: Eine römische Novelle“ v. Josef Winkler (Suhrkamp-Verlag)

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