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Donaufestival: Mach mir was vor

18.04.2017 | 16:09 |  Magdalena Mayer (Die Presse - Schaufenster)

Das Donaufestival als TCM-Komposition: der neue künstlerische Leiter, Thomas Edlinger, und die diesjährige Performance-Kuratorin, Bettina Kogler, über ihr Programm.

Neubesetzung. Thomas Edlinger und Bettina Kogler haben frische Ideen für Krems. / Bild: Ingo Pertramer 

Krems ist eine Insel: Dann, wenn das Donaufestival für einige Tage mit seiner dichten Mischung aus Musik, Performance und bildender Kunst eine Parallelwelt erschaffen will. Weil man hier, abseits des Stadttrubels, ohne Ablenkung und Spartentrennung eine Zeit lang Dingen schlichtweg ausgesetzt ist, für die man im Alltag vielleicht nicht so empfänglich wäre, schätzt Thomas Edlinger: Konzertbesucher treffen auch auf darstellende Kunst, man stößt auf dem Weg zu Live-Acts möglicherweise auf Installationen. "Auch die Reibung zwischen dem Ländlich-Idyllischen und den teilweise sehr herausfordernden Formaten, die präsentiert werden, hat mir immer gut gefallen", ergänzt der Wiener, der ob dieser Atmosphäre stets selbst gern Besucher in Krems war. Nun hat Edlinger, der bisher insbesondere als Radiomacher, Kurator und Autor in Erscheinung getreten ist, die Seiten gewechselt und leitet das Festival ab diesem Jahr als Nachfolger von Tomas Zierhofer-Kin. Für die erste Ausgabe unter seiner Intendanz hat er mit Bettina Kogler auch eine neue Kuratorin für Performance an Bord geholt. Zu zweit haben sie an einem Programm getüftelt, das den Titel "Du steckst mich an" trägt und mit diesem verknüpft einem Leitmotiv folgt: der Empathie.

Dorothea Tuch Futurismen. Ashbels Performance "The Empire Strikes Back" ist technisch ausgefeilt.Futurismen. Ashbels Performance "The Empire Strikes Back" ist technisch ausgefeilt. / Bild: Dorothea Tuch 

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Neubeginn mit Geheimnissen. Die Tradition des Donaufestivals liege im Traditionsbruch, so Edlinger: Die Künste und deren Beziehung würden sich ja auch ständig ändern. Mit Bewährtem brechen will er aber nicht, die Spartendurchmischung soll beibehalten, idealerweise noch forciert werden. "Das Festival als TCM-Komposition", so beschreibt Kogler den ganzheitlichen Ansatz, der den beiden während der Planung vorgeschwebt ist. Kogler, die lang im Brut und dann im WUK für Tanz und Performance zuständig war und nächstes Jahr die Leitung des Tanzquartiers übernimmt, hat viel Zeit mit Edlinger verbracht und mit ihm die unterschiedlichen Schwerpunkte zusammengedacht, damit diese nicht nebeneinander fließen, sondern sich verschränken. "Dabei haben wir an drei Ebenen auch neu angesetzt: Wir haben Orte, Formate und Inhalte neu hinterfragt", so Kogler.

Ein örtlicher Neubeginn wird etwa in der Dominikanerkirche gemacht, wo Choreografin Doris Uhlich bei "Habitat" zwei Tage nackte Performer auftreten lässt. "Ich bin gespannt, wie sich das auf den Stadtraum auswirkt", meint Edlinger. Eine Innovation bei den Formaten nennt sich "Stockholm-Syndrom", Künstler und Ort bleiben hier bis zuletzt geheim: "Das ist in gewisser Weise eine ironische Reaktion darauf, dass man alles googeln kann, was manchmal die Einmaligkeit eines Erlebnisses verunmöglicht", erklärt Edlinger, dem es zudem wichtig war, die Theorieformate zu vertiefen, gar einen Reader zum Mitnehmen zu bieten: "Weil das einfach unserer beider Arbeitsweise entspricht und vor allem, weil wir abseits einer Leistungsschau versuchen wollen, eine substanzielle Aussage zur Gegenwart zu treffen."

Theresa Rauter Besetzt. Doris Uhlichs Performance verwandelt die Dominikanerkirche in ein "Habitat".Besetzt. Doris Uhlichs Performance verwandelt die Dominikanerkirche in ein "Habitat". / Bild: Theresa Rauter 

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Ambivalente Gefühle. Edlinger und Kogler reflektierten, was sie beide umtreibt. Dabei kamen sie schnell zum Leitmotiv der Empathie, das die Festivalinhalte wie ein roter Faden durchzieht. "Das ist ein gesellschaftspolitisches Thema, das uns in unserem Alltag und den täglichen Wahrnehmungen, in Medien und so weiter, betrifft. Eine Frage, die Politik oder Zivilgesellschaft häufig stellt, ist: Brauchen wir mehr Empathie?", so Edlinger. Sicher würde man, etwa angesichts der Flüchtlingsfrage, gleich bejahen wollen. Doch wenn man länger nachdenkt, sei das Thema sehr ambivalent: "Wie echt sind Mitgefühle? Wie werden Gefühle ins-trumentalisiert und von wem? Wohin kann es führen, wenn man sie auf die Spitze treibt?", stellt Kogler nur einige der Fragen, die die beiden beschäftigt haben. Dabei haben sie viele Facetten entdeckt: von essenzieller Einfühlungsgabe bis zur politischen Inanspruchnahme der Empathie durch Populisten. "Wir sind immer wieder über den Begriff gestolpert, haben Beweise bekommen, dass es unterschwellig ein wichtiges Thema ist, aber niemand beschäftigt sich explizit damit", sagt Kogler.

Mote Sinabel Namhaft. Die Einstürzenden Neubauten spielen auf, wie viele andere Musik-Acts.Namhaft. Die Einstürzenden Neubauten spielen auf, wie viele andere Musik-Acts. / Bild: Mote Sinabel 

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Das haben sie geändert und ihr Programm mit Fragen der Empathie zusammengedacht. Bei Kris Verdoncks Maschinenrevue "In Void" könne man beispielsweise einen typischen "animistischen Übergriff" von Menschen auf Dinge beobachten, schildert Kogler, da wir doch stets gern Maschinen beseelen, etwa Autos Namen geben. In der Performance stürzt ein Roboter zu Boden, empfinden wir Mitleid? Wie Medien und Technik auf Gefühle wirken, scheint eine drängende Frage zu sein, mehrere Arbeiten beschäftigen sich damit. Zum Beispiel auch Vika Kirchenbauers Installation "Seeing Difficulties", bei der Infrarotbilder Körper in intimen Momenten zeigen, einer Kamera gelingt es, den Personen ganz nahe zu kommen. Edlinger findet es spannend, dass "Kameras und Mikrofone uns vorgaukeln, die mühselige Arbeit an der Empathie ersetzen zu können.

Zudem wissen Algorithmen heute oft besser über unsere geheimen Wünsche Bescheid als wir selbst." Technisch ausgefeilt ist auch Ariel Efraim Ashbels Performance "The Empire Strikes Back: Kingdom of the Synthetic", die eine mögliche Zukunft zeigt. Warum kann Artifizielles Mitgefühl auslösen? Diese Spannung beschäftigt Edlinger, er beobachtet sie auch in der Musik: Nicht nur würden uns mechanisch entfremdete Töne ja trotzdem nahegehen, auch vermutet er, dass wir uns in Kunstfiguren man denke an David Bowie besonders gut einfühlen können. Bei den Acts des Festivals (im Musiksegment sind neben Altbekannten wie den Einstürzenden Neubauten neue Namen wie Moor Mother dabei) lässt sich die Vermutung gut selbst nachprüfen.

 

Tipp

Donaufestival. 28. April bis 6. Mai in Krems. Musik, Performance, bildende Kunst. www.donaufestival.at 

("Kultur Magazin", Print-Ausgabe, 14.4.2017)

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