Körperarbeit: Luiza Margan

28.04.2011 | 14:33 |  von Johanna Hofleitner (Die Presse - Schaufenster)

Die Künstlerin Luiza Margan legt sich in ihrer Arbeit auch schon einmal mit widerspenstigen Betonpfeilern an.

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Ein Raum: weiße Wände, grauer Fußboden, hohe Decke, leere Flächen. Ein typischer Ausstellungsraum, der so, wie er sich darstellt, ganz dem White Cube entspricht, den die Moderne als verbindlichen Standard für die Präsentation von Kunst festgeschrieben hat. Eine Besonderheit des Raums ist ein Pfeiler in seiner Mitte. Dieses an sich unauffällige Merkmal hat Luiza Margan, 1983 in Rijeka geborene, seit 2006 mit Unterbrechungen in Wien lebende Künstlerin, zum Ausgangspunkt ihres jüngsten Projektes genommen und ihm in ihrer Video-Performance „Moving Pillar“ eine zentrale Rolle zugewiesen.

Kopf durch die Wand. Wenn man unvermittelt und unvorbereitet vor „Moving Pillar“ zu stehen kommt, etwa bei der aktuellen Gruppenausstellung „Extreme“ im Kunstraum Niederösterreich, könnte man meinen, hier sei ein Kampf dokumentiert. Immer wieder wirft sich die Protagonistin in diesem Filmloop von beiden Seiten gegen dieses zentral ins Bild gesetzte Stück Architektur. Bald stemmt sie den Kopf gegen den Pfeiler, bald tritt sie ihn mit den Füßen, ein drittes Mal versucht sie ihn über dem Kopf mit bloßen Händen wegzudrücken. Die Tonspur des Videos unterstreicht die extreme Angespanntheit der Situation, transportiert deren konzentrierte Stille, die nur ab und zu unterbrochen wird von angestrengten Atemzügen der Protagonistin oder dem Klackern ihrer hohen Absätze.
„Ich habe in dem Video versucht, die Wand zu verschieben“, sagt Luiza Margan, wohl wissend, dass sie damit ein Paradoxon ausspricht. „Immer wenn ich an diese Wand dachte, musste ich an körperliche Phänomene wie Zerbrechlichkeit, Müdigkeit und Erschöpfung denken.“ Kein Zufall, dass sie das Video nun just auf jene Wand projiziert hat, um die es in dem Loop geht: die Darbietungsform gleichsam als Rache der Künstlerin an der Tücke des Objekts.

Mit und ohne Worte. Der Körper in seiner Zerbrechlichkeit und in seiner Position in der Gesellschaft ist ein Leitthema von Margans Kunst. Damit stellt sie auch die Sprache, die Kommunikation und deren Konventionen auf den Prüfstand. Dafür steht auch das Inventar ihres Studioateliers, in dem der Schreibtisch mit dem Laptop den meisten Platz einnimmt: Da finden sich einige riesige Glasplatten, ein an einem Nagel fixiertes Springseil, etliche Holzverstrebungen, eine Gruppe unzeitgemäß kleinformatiger Fotoprints von einer Performance, in der neben der Hauptakteurin auch der Flakturm im Augarten und ein in das „Sprachorgan“ Mund geschossener Schneeball wichtige Rollen innehatten: Also wird eine historisch aufgeladene Situation zur Kulisse eines ausgelassenen Spiels, bei dem das Sprechen unterdrückt wird. (c) Julia Stix
„Der Körper ist als etwas Zerbrechliches, ebenso Teil meiner Arbeit wie die Sprache, die sich ihrerseits durch die Geschichte entwickelt hat und durch sie geprägt ist. Es geht dabei immer um Möglichkeit und Unmöglichkeit, was ich in verschiedenen Medien zu artikulieren versuche.“ Video wird für Luiza Margan immer mehr zur bevorzugten Möglichkeit, diese Fragen gesellschaftlich zu positionieren – auch indem sie sie ad absurdum führt. So verfremdete sie 2010 bei einer Einzelausstellung im Wiener „Weißen Haus“ das  dort bei jeder Ausstellung eingesetzte Kunstvermittlungsformat „Video-Interview“, für das die ausgestellten Künstler eine Reihe standardisierter Fragen beantworten: Was ist der Schwerpunkt deiner Arbeit? Mit welchen Themen setzt du dich in deiner Arbeit auseinander? Mit welchen Materialien und Medien arbeitest du vorwiegend?
Margan wechselte die Seite und stellte die Fragen einer „Icefisherwoman“, die von der akuten Sorge berichtete, beim Angeln in ein Eisloch zu fallen oder die Fische mit lauten Geräuschen zu verschrecken. „Eigentlich muss ich meistens schweigen. Außerdem versuche ich, den Eisbären auszuweichen, weil sie immer hungrig sind und versuchen, mir die Fische wegzunehmen.“ Die Absurdität dieser Antworten entfaltet im Kontext der Ausstellung durch die poetische Geste der Verschiebung auch einen allgemeinen, gesellschaftlichen Anspruch.

Übersetzertätigkeit. „Ich suche in meiner Umgebung Dinge, die ich in eine künstlerische Sprache übersetzen kann“, sagt Margan, „sei es im historischen Zusammenhang oder im Alltag. Die Frage ist immer: Wie positioniere ich mich? Auf die Kunst bezogen heißt das für mich: ,Wie extrem kann man in der Kunst sein? Wie weit kann man gehen?‘ Und um auf die Kunstraum-Ausstellung zurückzukommen, lautet die Antwort daher für mich eigentlich: ,Extrem oder auch nicht‘.“

TIPP
Kunstraum Niederösterreich, „Extrem“noch bis 14. 5. www.kunstraum.net

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