Vom Rockzwang und Beinkleid

24.04.2012 11:54 |  Jacqueline Nowikovsky

Röcke tragen oder nicht - das ist hier die Frage

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Was hat man der Frau nicht alles wegen ihrer Kleidung schon nachgesagt. Ist sie zu züchtig gekleidet, wird sie als verhärmte Jungfer abgestempelt. Trägt sie wenig und das Bisschen ist auch noch sexy, gilt sie als leichtes Mädchen. Ob in Birkenstock-Sandalen oder High Heels, ob im Unisex Overall oder im „damen-haften“ Zweiteiler – jedes stereotype Frauenklischee findet im Kleiderstil seine Entsprechung. Weibliche Ansinnen und selbstbestimmten Wünsche drücken sich natürlich auch durch die Kleiderwahl aus. Jedoch: Egal ob BHs verbrannt oder Hosen angezogen werden, eine ideologische Weiterverwertung lässt meist nicht lange auf sich warten.

Eine gefühlte Ewigkeit dauerte es dennoch, bis Frauen in Hosen gesellschaftlich akzeptiert wurden. Der Kampf gegen den Rockzwang war unmittelbar mit einer ersten Emanzipationsbewegung verbunden. Zwar ist das Bild Marlene Dietrichs im Hosenanzug heute ein Vorbild modebewusster, zeitloser Eleganz. Dass es eine Frau in Hose als „unanständig“ galt, daran konnten  weder Vorreiterinnen der Gleichberechtigung wie Amelia Bloomer, noch nötigende Arbeitsbedingungen während des Ersten Weltkrieges, noch die Dietrich lange nichts ändern. Noch in den späten 1960er Jahren wurde Frauen in Designer-Hosen der Zutritt zu Luxusrestaurants mit dem Satz verwehrt „Gehen Sie bitte und ziehen Sie sich weibliche Kleidung an“. 

 

Kleider machen bessere Leute

Die Art sich zu kleiden drückt eine soziale und geschichtliche Ordnung aus. Zum Teil sind dies von Außenstehenden zugeschriebene Hierarchien. Zum Teil aber ermöglichen eben diese Ordnungen auch der Trägerin bewusst und für die eigenen Zwecke mit Assoziationen zu spielen. Das zeigt auch die Ausstellung mit dem Titel „Röcke tragen“ im Museum der Moderne Salzburg. Dabei befragen 76 KünstlerInnen eben jene Aspekte der Identität, die wir durch unsere Kleidung ausdrücken. 

Das kapitalistische Konsumsystem lebt vom Versprechen, man könne durch den Kauf von Produkten den eigenen Charakters aus- und umgestalten. Mit der Verheißung attraktiver und begehrenswerter zu erscheinen, lockt die textile Warenwelt, wir mögen uns zur immer weiter optimierten Version unserer selbst verwandeln. Frei nach dem Motto: Kleider machen bessere Leute. 

Dass geglaubte Individualität nicht minder fragwürdig ist als Uniformierung, zeigen die Arbeiten von Eva Schlegel. Sie fotografiert bewusst verschwommen langbeinige Frauensilhouetten – und verweist durch diese Unschärfe, wie austauschbar  das jugendliches Alter oder die Idealmaße doch sind. 

 

 

Muss man daraus ableiten, die Macht des Einzelnen bestünde nur noch darin, mit Stereotypen zu brechen? Immerhin: weil Kleidung die Spezifizität der Geschlechterrolle festschreibt, führt gerade die Störung unserer Sehgewohnheiten dazu, festgefahrene Erwartungshaltungen zu überdenken. Die Arbeiten von Matthias Herrmann, Ilse Haider und Jacob Lena Knebl suchen daher eben das Nonkonformistische, um mit den gesellschaftlich aufoktroyierten Motiven zu brechen. Ganz anders der Zugang  von Birgit Jürgenssen,  die mit ihrer „Hausfrauen-Küchenschürze“ die Frau aus der Perspektive des chauvinistischen Machos darstellt. 

 

 

Weil man sich gerade durch den Blick des anderen selbst erfährt, hat Cindy Sherman ihre Kunst dem nicht endenden Rollenspiel gewidmet: Aus allen möglichen Blickwinkeln inszeniert sie sich, mal als Society Lady, mal als Clown, mal als Heilige und mal als Obdachlose. Auch sie ist mit ihrer Arbeit in Salzburg vertreten. Richtig deutlich werden Shermans Identitäts-Metamorphosen in der großen Retrospektive im New Yorker MoMA. Man beobachtet dabei, wie sie von einem Charakter in den nächsten schlüpft. Ein Persönlichkeitswechsel, erschaffen durch Kostüm und Make-Up. Ist unsere Person also nur ein aufgeschminktes Accessoire? Shermans Verkleidungen zeigen zumindest, wie schnell das Urteil des Gegenübers getroffen ist, wenn eine Pose eingenommen ist und Frisur oder Schmuck den Rest erzählen. 

 

Bekleidung um die Seele zu entblößen

Besonders mit ihren „Centerfold“ Bildern legt Cindy Sherman offen, wie viel Voyeurismus im Blick des Anderen liegt. Der Name der Serie leitet sich vom aufklappbaren Bild in der Mitte der Playboy Hefte ab. Da liegt die Frau, räkelt sich als Objekt der Begierde. Nur dass in echten Männermagazinen die Frauenbilder lediglich existieren, damit die Blicke der Betrachter sich daran zu schaffen machen. Ihr Abbild gehört der hübschen Nackten dann schon lange nicht mehr.

 

 

Der Körper auf der Hochglanzseite ist ein gehandeltes Gut, das von seinem Besitzer völlig entfremdet zur Projektionsfläche männlicher Gelüste wird. Was treibt eine Frau dazu, sich für die Hefte auszuziehen? Wir alle wissen natürlich längst, die prominenteren Damen unter ihnen tun es nur,  weil „es sehr ästhetische Bilder sind“ und wenn sie mal alt sind, werden sie sich über die schönen Jugenderinnerungen freuen. Gewiss. Doch ist die publizierte Fotografie kein reines Andenken, es ist vielmehr ein Instrument in der Ökonomie der Aufmerksamkeit. 

Wie wesentlich ist doch der Wunsch, im Blickfeld des Anderen aufzutauchen. Dieses Bedürfnis überhaupt wahrgenommen zu werden, liegt dem be- oder entkleideten Auftritt ebenso zugrunde, wie die Bestrebung durch den Blick des Anderen aufgewertet zu werden. Was die amerikanische Theoretikerin Naomi Wolf noch vor der Facebook-Ära als „Schönheitspornographie“ bezeichnete, begleitet die ständigen Entscheidungen, die wir treffen um unser Selbst zu gestalten.  „Alles umsonst!“, möchte man resigniert schließen, wenn man die kopflosen Skulpturen Erwin Wurms oder Anselm Kiefers betrachtet. Hier stehen enthauptete Anzugsträger bzw. trägerlose Kleider, als wollten sie die Vergeblichkeit aller persönlichen Bemühungen behaupten. 

 

 

Die Schau in Salzburg zeigt dieses Kräftemessen dieser Gegensätze auf: Auf der einen Seite, die Versuche die Zeichensprache der Kleidung für eigene Aussagen zu nützen. Alles für die Differenzierung einer Individualität. Und auf der anderen Seite reihen sich Bildnisse, die belegen, wie sinnlos jeder Versuch ist, aus einer uniformierten, gesichtslosen Masse ausbrechen zu wollen. Dass Mode eine historische und gesellschaftliche Variable ist, bedarf keiner Argumentation. Dass die Deutung des Modischen aber mit der Zeit variiert, verdeutlicht der geschichtliche Wandel in der Interpretation eines besonderen Kleidungsstücks: Des Keuschheitsgürtels. 

Die Geschichte des Florentiner Gürtels legt offen, wie sehr die Phantasie eine wirkliche Gegebenheit verzerrt: Schließlich impliziert bereits das Wort „Keuschheitsgürtel“, besagtes Metallhöschen wäre zur Bändigung der weiblichen Umtriebigkeit erfunden worden. Mittlerweile scheiden sich jedoch die Geister, ob es sich tatsächlich um eine Vorsorgemaßnahme ausgebüchster Kreuzritter handelte. Noch eher solle es als erotisches Spielzeug gedient haben. Wahrscheinlicher sei sogar die Verwendung des Eisenslips aus Steuergründen, um Prostituierte, die ihre Abgaben nicht zahlten, von der Berufsausübung abzuhalten. Jedenfalls sei es erst nachträglich zum Zwangsinstrument der Keuschheit stilisiert worden, nämlich just als freudenbejahende Zeitgenossen des Barock sich bemühten, das Mittelalter als Ära finsterster Barbarei zu mythisieren.

Die Geschichte dieses "Unterrocks" ähnelt in einem den Röcken und Hosen von heute: Wer sie trägt, mag sich von ihren festgeschriebenen Funktionen gebrauchen lassen oder sie als Requisiten des eigenen Vergnügens oder der Selbstdarstellung verwenden. Doch endgültig gehören sie uns nie, die Bilder vom Gebrauch abgeben werden: Ein jeder, der sie betrachtet, befrachtet sie mit neuem Sinn. Es gilt über die Bilder in unseren digitalen Fotoalben ebenso, was Schiller in seinen Überlegungen zur weiblichen Gelehrten in „Die berühmte Frau“ schrieb: 

„Dich schmerzt, daß sich in deine Rechte

Ein zweiter teilt? - Beneidenswerter Mann!

Mein Weib gehört dem ganzen menschlichen Geschlechte.“

 

 

BILDRECHTE

Diane Arbus, Identical Twins, Roselle, N.J., s/w Silbergelatineprint 1967, 60x50 cm, Sammlung FOTOGRAFIS Bank Austria im Museum der Moderne Salzburg

Eva Schlegel, o. T., Farbfotografie, 210x105 cm, 2003, ©VBK 2012, Eva Schlegel,  Österreichische Fotogalerie, Museum der Moderne Salzburg

Matthias Herrmann, TP 4 (Selbstporträt im Abendkleid), C-Print auf Forex, 100x80 cm, 1999, ©Matthias Herrmann, Österreichische Fotogalerie, Museum der Moderne Salzburg

Cindy Sherman. Untitled Film Still #6. 1977. Gelatin silver print, 9 7/16 x 6 1/2″ (24 x 16.5 cm). The Museum of Modern Art, New York. Acquired through the generosity of Jo Carole and Ronald S. Lauder in memory of Eugene M. Schwartz © 2012 Cindy Sherman

Erwin Wurm, Suit, Acryl und Leinenanzug, 55x31x20 cm, 2012 ©VBK 2012, Erwin Wurm, Museum der Moderne Salzburg 

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