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F. Scott Fitzgerald: Untrüglicher Sinn für sinnliche Details

02.03.2016 | 14:21 |  von Anne-Catherine Simon (Die Presse - Schaufenster)

F. Scott Fitzgerald in Südfrankreich: Ein neues Buch erzählt vom Great-Gatsby-Erfinder.

Spritztour. Fitzgerald mit Tochter Scottie im Automobil, damals rar und ein Luxus. / Bild: (c) Beigestellt 

Kann man einen Menschen entzweisägen? Bei dieser Frage landen zwei Amerikaner, die sich eines lauen Abends in einer Bar an der Côte d’Azur unterhalten. Da sie sich nicht einig sind, beschließen sie, die Probe aufs Exempel zu machen. Sie überreden einen Kellner, sich auf ein paar Sessel zu legen und fesseln zu lassen. Panisches Geschrei beendet den Versuch – als einer der beiden Touristen sich auf die Suche nach einer Säge macht und der gefesselte Kellner merkt, dass die Amerikaner es offenbar ernst meinen. Einer der zwei Verrückten war der 29-jährige F. Scott Fitzgerald – und der Sommer, in dem sich diese Szene abspielte und von dem das Buch mit dem launigen Titel „Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte“, ein wesentlicher in seinem Leben. An einem Herbsttag vor 120 Jahren wurde Fitzgerald geboren, der berühmte Autor des „Great Gatsby“, der wie kein anderer für die Roaring Twenties, die Goldenen Zwanziger, stand. Das Gold der frühen Jahre war bald abgekratzt: Mit nur 44 Jahren starb Fitzgerald in Hollywood, schwer trunksüchtig und als Schriftsteller fast vergessen. Seine Frau Zelda, mit der er einst ein exzentrisches, glanzvolles Paar gebildet hatte, war damals längst schon in einer psychiatrischen Anstalt. Ihren Tod bei einem Spitalsbrand hat Fitzgerald nicht mehr miterlebt.

(c) Beigestellt Flüchtiges Familienglück. Fitzgerald beim Spazieren mit Frau Zelda und Klein-Scottie.(c) Beigestellt Flüchtiges Familienglück. Fitzgerald beim Spazieren mit Frau Zelda und Klein-Scottie.

Schillernde Seifenblase. Im Sommer 1926, von dem die Literaturwissenschaftlerin Emily Walton in „Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte“ erzählt, konnte man dieses düstere Ende höchstens erahnen. Er atmete noch die am Abgrund balancierende Leichtigkeit, die Fitzgeralds Romane prägt, von „Diesseits des Paradieses“ bis zu „Zärtlich ist die Nacht“, ebenso wie seine vielen Kurzgeschichten. Heute entfalten diese Texte vielleicht gerade deswegen wieder einen neuen Reiz, weil diese unbeschwerte Welt so weit entfernt scheint, und eine beklemmende Faszination, weil man das schlimme Ende kennt. Fitzgeralds Protagonisten muten wie ahnungslose Kinder an, die in einer schillernden Seifenblase leben und glauben, es wird sie ewig geben; ob in New York, Paris – oder in Südfrankreich. Weit entfernt war diese Welt allerdings schon 1934, als der Autor seinen Roman „Zärtlich ist die Nacht“ veröffentlichte. Dieses Buch war es, das Fitzgerald im Sommer 1926 mit den größten Hoffnungen begann – es sollte seinen Autor nach dem Erfolg von „The Great Gatsby“ endgültig zum größten amerikanischen Gegenwartsschriftsteller machen. Daraus wurde nichts, als „Zärtlich ist die Nacht“ endlich nach neun Jahren krisenerfüllter und Gin-getränkter Arbeit veröffentlicht wurde, hatte es sich selbst überlebt. Der Börsencrash von 1929 hatte die Goldenen Zwanziger hinweggefegt, in der Fitzgeraldschen frivolen Leichtigkeit fand sich die stürmische Gegenwart nicht wieder, es waren Worte aus einer vergangenen Ära. Wenn in Wilhelm Genazinos Roman „Außer uns spricht niemand von uns“, der im Sommer bei Hanser erscheinen wird, ausgerechnet der Roman „Zärtlich ist die Nacht“ auf dem Boden unter dem Bücherregal verstaubt, sagt das nicht nur etwas über Genazinos tristen Helden aus, sondern auch über das triste Schicksal Fitzgeralds und seines letzten Romans.

(c) Beigestellt Hôtel Belles Rives. In Juan-les-Pins erhoffte sich Fitzgerald Ruhe für das Schreiben.(c) Beigestellt Hôtel Belles Rives. In Juan-les-Pins erhoffte sich Fitzgerald Ruhe für das Schreiben.

Sommerfrische. Was bleibt heute von Fitzgerald? Am ehesten sein 1925 veröffentlichtes Meisterwerk „The Great Gatsby“, die Geschichte vom geheimnisvollen jungen Millionär Jay Gatsby, der seine Jugendliebe Daisy zurückgewinnen will. Das Buch wurde zweimal verfilmt, 1973 mit Robert Redford und Mia Farrow und 2013 mit Leonardo DiCaprio und Carey Mulligan, wobei Baz Lurman die Lovestory in einen Kampf zwischen „neuem“ und „altem“ Geld einbettete. T. S. Eliot, in den Augen Fitzgeralds der größte zeitgenössische Dichter, schrieb seinem Kollegen, er habe den Roman drei Mal gelesen. Eliot hielt ihn für einen Meilenstein in der Entwicklung der amerikanischen Literatur. Er war nicht der Einzige. Noch 1998 platzierte die US-amerikanische „Modern Library“ das Buch auf Platz zwei der 100 besten englischsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts – direkt hinter James Joyces‘ Roman „Ulysses“. Wie es nach der Veröffentlichung dieses Romans mit Fitzgerald weiterging, lässt die 1984 geborene, in Wien aufgewachsene Emily Walton die Leser in ihrem Buch „Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte“ nacherleben. Sie beschreibt in der Gegenwartsform jene kostbaren, aber zunehmend überschatteten Monate, die Fitzgerald mit seiner Frau Zelda und der kleinen Tochter Scottie in Juan-les-Pins bei Antibes an der Côte d’Azur verbrachte – empathisch und akribisch zugleich, mit Sinn für sinnliche Details. „Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte“ ist mehr als nur ein Sommerbuch für Riviera-Urlaube oder ein Nostalgiebuch für Fitzgerald-Fans; Walton lässt in diesen kleinen, aber wichtigen Ausschnitt aus Fitzgeralds Leben eine große Portion Kulturgeschichte hineinrieseln. Denn in dieses südfranzösische Fischerdorf und das angrenzende Antibes zog es damals einige berühmte Künstler und Künstlerinnen, was sich vor allem zwei Menschen verdankte: Gerald und Sara Murphy, einem kunstinteressierten wohlhabenden Ehepaar, das sich dort eine Villa zugelegt hatte. Die beiden gelten als die Erfinder der Sommerfrische an der Côte d’Azur, die damals noch höchstens in der kalten Jahreszeit von Touristen besucht wurde, und auch nur die etablierten Touristenzentren Cannes, Nizza oder Monte-Carlo.

(c) Beigestellt Das Hôtel Belles Rives heute, früher war es die Villa der Fitzgeralds.(c) Beigestellt Das Hôtel Belles Rives heute, früher war es die Villa der Fitzgeralds.

Zu heiß und unschick. Im Sommer galt die „Côte“ als zu heiß und somit unschick. Anders als die hitzescheuen Briten gab es aber ein paar (von den Einheimischen für ziemlich verrückt gehaltene) Amerikaner, die sich von der Sonne nicht abhalten ließen, allen voran die Murphys. In ihre Villa América luden sie Freunde, wie die Schriftsteller John Dos Passos und Ernest Hemingway oder den Komponisten Igor Strawinsky. Heute hat Antibes ein Pablo-Picasso-Museum – in eben jenem Schloss, in dem Picasso 1926 ein Atelier hatte. Auch Scott und seine Frau Zelda kamen – und blieben, zumindest eine Zeitlang. „Ich bin glücklich wie seit Jahren nicht mehr“, schreibt Fitzgerald am 15. März 1926. „Es ist einer dieser außergewöhnlichen, kostbaren und viel zu vergänglichen Momente, in denen alles im Leben gut zu laufen scheint.“ Größte Hoffnungen für sein Schreiben setzt er in den Aufenthalt, wo er Ruhe haben wird vor dem champagnertriefenden, lauten, geldverschlingenden Pariser Leben, das Zelda und er davor geführt haben. Es duftet nach euphorischem Aufbruch – wie im Text „Die Straße der Pfirsiche“, der kürzlich zum ersten Mal auf Deutsch erschienen ist. Darin schildert der schon berühmte Jungautor Anfang der Zwanzigerjahre seine und Zeldas waghalsige Spritztour in einem klapprigen Auto nach Montgomery. „Jung zu sein, unterwegs zu sein zu den fernen Bergen, dorthin zu reisen, wo das Glück an Bäumen reift“, liest man da. „Zumindest war es eine Zuflucht vor der Langeweile und den Tränen und der Enttäuschung der ganzen stillstehenden Welt.“ Auch die Côte d’Azur ist für das überspannte Paar Zuflucht, Flucht. Fitzgeralds Sommer an der Côte d’Azur ist die Geschichte einer vorhersehbaren Kata­strophe, einer sich in Schreibkrisen, Alkohol und Zeldas Depressionen auflösenden Euphorie. Es ist auch die schmerzlich berührende Geschichte einer scheiternden Liebe.

Villa am Strand. Keine noch so gute moderne Paartherapie hätte Scott und Zelda wohl helfen können, diesen verzweifelt um sich schlagenden Kindern, die beide aneinander keinen Halt finden konnten. Die direkt am Strand gelegene Villa St. Louis in Juan-les-Pins, in der die Fitzgeralds wohnten, ist heute ein stilvolles Hotel mit diskretem Personal und ausgezeichneter Küche, das Belles Rives. Außerhalb des Hotels ist von der Atmosphäre der Goldenen Zwanziger wenig geblieben, Juan-les-Pins ist ein Touristenbadeort bar ästhetischer Qualitäten, sieht man von den meist leerstehenden, ab und zu von reichen Russen bewohnten Luxusvillen ab. Man braucht hier schon viel Wissen und Fantasie, um in die Vergangenheit einzutauchen. Oder eben das Büchlein „Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte“.

Die Reise der Autorin nach Frankreich erfolgte auf Einladung von Braumüller.

 

Tipp

Emily Walton. „Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte“. Braumüller-Verlag, 168 Seiten, geb., 19,90 Euro. (Walton, in Wien lebende Britin, schrieb außerdem Reiseführer und das autobiografische Buch „Mein Leben ist ein Senfglas“.)

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