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T21büne: Das musische Chromosom

19.04.2017 | 15:48 |  von Lena Fuhrmann (Die Presse - Schaufenster)

Die I Dance Company wächst zu T21büne - das Ensemble. Bald nimmt man den regelmäßigen Spielbetrieb im Wiener MuTh auf.

Konzentriert. Die T21büne-Mitglieder bei der Probe für das aktuelle Stück. / Bild: (c) Christine Pichler 

Mitten in einer stillen Gasse im 13. Wiener Bezirk steht ein Einfamilienhaus, das sich T21büne nennt. Dorthin fährt Mathias Gmainer jeden Tag dreieinhalb Stunden von Oberösterreich, um seiner Leidenschaft nachzugehen: der Schauspielerei. 2015 bestand er als erster Künstler mit Trisomie 21 die paritätische Bühnenreifeprüfung mit einer Interpretation von Goethes Prometheus und einer Choreographie aus „A Chorus Line“. Nun ist er Mitglied des ständigen Ensembles der T21büne, die man als I Dance Company kennt. Mit der Gründung des Ensembles im Jänner 2017 ist die T21büne die erste Schauspielschule für Menschen mit Behinderung, die einem regelmäßigen Spielbetrieb folgt.

Goethe rezitieren statt Kerzen gießen. Das Konzept ist dabei einzigartig im gesamten deutschsprachigen Raum, denn die T21büne ist eine offizielle Berufsqualifizierungseinrichtung und daher für die Teilnehmenden kostenlos. „Das unterscheidet sie auch von anderen Tagesstrukturen und Kulturvereinen für Menschen mit Behinderungen, für die man zahlen muss“, sagt Bea Vavken, die Gründerin der I Dance Company und Intendatin der T21büne, stolz. Im geschützten Rahmen der Tanz- und Schauspielschule, die wie ein idyllisches Refugium wirkt, lernen die Mitglieder den Beruf des darstellenden Künstlers in all seinen Facetten kennen. „Wir haben hier einen Aufenthaltsraum, ein Büro, einen Garten, in dem wir bei schönem Wetter Yoga machen, und die Küche, in der wir jeden Tag gemeinsam frisch kochen“, erklärt Vavken. „Eigentlich sind wir wie eine Künstlerkommune.“

(c) Christine Pichler / Bild: (c) Christine Pichler 

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Trotzdem gibt es klare Regeln und einen straffen Stundenplan; Ballettunterricht, Sprechübungen, Kochpläne. „Am Anfang war es eine Umstellung“, sagt T21bünen-Mitglied Brent, „in der Montessorischule konnten wir machen, was wir wollten, hier war aber so eine positive Energie, ich habe es als Abenteuer gesehen und mich dafür entschieden“. Neben der berufsspezifischen Förderung vermittelt das T21büne-Team, bestehend aus Pädagogin und Schauspielerin Corinna Harrer, Balletttänzer Dominik Birkmayer, Jazzlehrerin Carole Alston und Intendantin Bea Vavken, den jungen Erwachsenen auch soziale und intellektuelle Kompetenzen. „Manche Eltern verstehen erst nicht, was wir hier machen. In anderen Einrichtungen stellen die Teilnehmer etwas her, sie gießen Kerzen oder töpfern, unsere Mitglieder können stattdessen Goethe rezitieren.“ Dass manche der Schüler nicht lesen können, ist dabei kein Hinderungsgrund.

Liebesbeziehungen sind verboten. Nicole lernt ihren Text mit einem Diktaphon: „Mein Vater brennt mir dann eine CD und ich höre mir den Text an und spreche mit.“ Oft haben die Schüler nur zehn Tage Zeit für die Einstudierung eines neuen Stücks, dann gibt es einen sehr straffen Zeitplan ohne Pausen. Dass Menschen mit Down-Syndrom langsam und träge seien, hält Vavken daher für ein unhaltbares Vorurteil. Im Gegenteil: Sie seien weitaus belastbarer als andere, „weil sie irrsinnig dankbar sind und einen unglaublichen Spaß an der Sache haben“.
Brent nennt das Tanzen eine Befreiung, das Schauspielen gäbe ihm Sicherheit: „Am Ende der Schulzeit hatte ich ziemliche Probleme, ich habe mich immer in die falschen Mädchen verknallt“, sagt er und wird von Direktorin Vavken unterbrochen, „daher sind Liebesbeziehungen bei uns auch verboten.“

Nicole gefällt besonders die Arbeit im Team, Veronika ist froh, dass sie nicht bauchtanzen muss, wie einmal auf einer Urlaubsreise mit ihren Eltern. „Ich glaube, Trisomie 21 ist eine sehr musische Behinderung“, sagt Vavken, und Nicole ergänzt: „Das Schauspielen liegt uns in den Genen.“

(c) Christine Pichler / Bild: (c) Christine Pichler 

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Neben den sozialen und geistigen Kompetenzen, die den Teilnehmern hier in familienähnlichen Strukturen vermittelt werden, wird auch beim Training auf ihre individuellen Bedürfnisse Rücksicht genommen. Im Tanzraum gibt es weder Stange noch Spiegel. Was die jungen Künstler und Künstlerinnen bewegt, welchen Vorurteilen sie oft gegenüberstehen, darum geht es in ihrem aktuellen Stück „Josefinchen Mongolinchen“.

Auf Basis des Buchs von Dolf Veroens „Josefientje mongolientje“ wurden die eigenen Geschichten von Ausgrenzung aufgearbeitet, „daher gibt es auch keine Hauptrolle“, erklärt Vavken, „alle sind Josefinchen.“ Ab nächster Saison wird die T21büne im Abosystem des MuTh unter dem Motto „Vor der Kunst sind alle gleich“ zu sehen sein, außerdem stehen Kooperationen mit dem Theater in der Josefstadt und dem Burgtheater an. „Das neue Stück ist aber noch nicht spruchreif“, gibt Vavken zu, „ich habe noch keinen Titel dafür gefunden.“

Tipp

„Josefinchen, Mongolinchen“ ist am 25. 4. um 19.30 und am 11. 6. um 15 Uhr im Wiener MuTh zu sehen. www.t21buene.at

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