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Musik für Frodo und die Gefährten

21.04.2017 | 10:41 |  von Samir H. Köck (Die Presse - Schaufenster)

Komponist Howard Shore über „Herr der Ringe“ und warum er keine Instrumente mehr braucht.

Magie und Technik. Howard Shore komponierte die Musik zu vielen Hollywood-Hits. / Bild: (c) imago/Future Image  

Von der Fantasy-Trilogie „Der Herr der Ringe“ geht seit ihrer Erstveröffentlichung als Buch im Jahre 1954 größte Faszination aus. Dabei waren viele Kritiker damaliger Zeitungen dem Werk nicht sehr gnädig gestimmt. 1969 zogen sogar die Beatles eine Verfilmung mit Regisseur Stanley Kubrick in Betracht. Dieser lehnte ab. 1978 kam die erste Verfilmung in Zeichentrick. So richtig in die Vollen ging es erst 2001, als Peter Jackson den ersten Teil als Film mit Schauspielern wie Elija Wood, Viggo Mortensen und Cate Blanchett veröffentlichte. 2002 und 2003 folgten die Fortsetzungen. Der kanadische Filmkomponist Howard Shore zeichnete für die Vertonung verantwortlich. Jetzt geht sein Soundtrack mit Hilfe des Radiosymphonieorchesters Pilsen, dem Chor der Karls-Universität-Prag, dem philharmonischen Kinderchor Prag und der Sopranistin Kaitlyn Lusk erstmals auf Europatournee und macht auch in Wien Station.

Sie haben sehr viele Soundtracks kreiert. Warum wurde ausgerechnet Ihre Musik zu „Der Herr der Ringe“ ein so großer Erfolg?
Basis war natürlich die Beliebtheit des Stoffes. J.R.R. Tolkiens dickes Fantasy-Abenteuer ist schlicht ein Buch, das jede Generation aufs Neue fasziniert. Aus musikalischer Sicht war es eine sehr komplexe Aufgabe, allein schon weil die Verfilmung die Erwartungen der Millionen Fans nicht enttäuschen durfte.


Wann haben Sie das Buch erstmals gelesen?
Ich war damals Saxofonist in einer kanadischen Jazz-Fusion-Band namens Lighthouse. Es war Ende der Sechzigerjahre und wir waren gerade auf Tournee. Ich las das Buch in Bussen, Zügen und Autos. Auch „The Hobbit“ vom gleichen Autor verschlang ich, ohne zu ahnen, dass ich eines Tages für beide Filmscores komponieren würde. 30 Jahre später rief mich Regisseur Peter Jackson an, um zu fragen, ob ich nach Neuseeland kommen könnte, um an diesem Film mitzuarbeiten.


Was war die größte Herausforderung bei der Arbeit?
Schlicht die epische Wucht des Stoffes, die unglaubliche Verästelung der Handlung. Mir war sofort bewusst, dass der erste Teil immens erfolgreich sein musste, um auch die anderen Teile machen zu können. Auch jede einzelne der Fortsetzungen war eine Herkules-Aufgabe.


Waren Sie sicher, dass die Musik von „Der Herr der Ringe“ für sich in Konzertsälen bestehen könnte?
Ich wollte es einfach probieren. Es war ein Risiko. Nach der Premiere jedes Parts brachte ich ja jeweils Tonträger mit der Filmmusik heraus. Diese waren aber immer nur 60 bis 70 Minuten lang. Vor einigen Jahren entschloss ich mich, eine Sammelbox der gesamten Musik zu veröffentlichen. Das Projekt nahm drei Jahre in Anspruch und umfasste zehn CDs. Es war für mich insofern eine sehr spannende Aufgabe, als man als Filmkomponist die gesamte Musik in chronologischer Reihenfolge für gewöhnlich nie hört. Und weil mir das Anhören dieser Trilogie so behagte, kam ich überhaupt erst auf die Idee, eine konzertante Aufführung in Erwägung zu ziehen. Als es dann konkret wurde, schrieb ich neue Partituren. Bei einem ersten Probekonzert unter einer Riesenleinwand, auf die Teile von „Der Herr der Ringe“ projiziert wurden, spürte ich die große Spannung, die zwischen den visuellen und den klanglichen Elementen entstand. Da wusste ich, hier passiert so etwas wie Magie.


Von welcher Art von Magie sprechen Sie?
Die Technik, dass man Visuelles mit Livemusik begleitet, ist alles andere als neu. Das tat man bekanntermaßen schon während der Stummfilmzeit. Aber irgendwie verschränken sich da unterschiedliche Leidenschaften. Viele Besucher kommen vorrangig wegen der symphonischen Musik, andere, weil sie den Film lieben.


Sie bekamen 2010 in Wien den Max-Steiner-Award, einen nach einem aus Wien stammenden Hollywood-Regisseur benannten Filmmusikpreis. Was bedeutet Ihnen dieser?
Natürlich hatte Max Steiner auch einen Einfluss auf mich. Als Filmkomponist kennst du die Vergangenheit der Filmmusik. Du weißt aber auch, welche Komponisten des 19. Jahrhunderts Steiner wiederum beeinflussten. Jede Generation steht auf den Schultern der Vorväter. Ich bin sicher, dass meine Musik zu „Der Herr der Ringe“ auch viele junge Komponisten, die ich noch gar nicht kenne, inspiriert.


Was Ihnen als junger Jazzmusiker nicht gelungen ist, schafften Sie als Filmkomponist: mit dem großen Ikonoklasten Ornette Coleman zu arbeiten. Welche Erinnerungen haben Sie an die gemeinsam gestaltete Filmmusik von „Naked Lunch“?
Viele sagen ja, er wäre erratisch gewesen. Ich hatte eine ganz ungezwungene, gute Beziehung zu ihm. Vielleicht lag es auch daran, dass ich ihn einmal in den Siebzigerjahren, als ich für die TV-Sendung „Saturday Night Live“ arbeitete, in die Sendung holte. Er trat damals mit seiner Gruppe „Prime Time“ auf. 1990, also viele Jahre später, rief ich ihn wegen einer eventuellen Mitwirkung am Soundtrack von „Naked Lunch“ an. Er war sofort mit Begeisterung dabei. Ich habe nur gute Erinnerungen an ihn. Wir spielten „Naked Lunch“ sogar live in Belfast mit der Ulster Symphony und im Barbican in London. Heuer im Juli wird „Naked Lunch“ übrigens wieder im Lincoln Center in New York aufgeführt.


Welche Instrumente haben Sie eigentlich in Ihrer Jazzkarriere ausprobiert?
Klarinette, Saxofone in sämtlichen Tonarten, Cello, Trompete und sogar ein bisschen Piano. Mittlerweile habe ich alle Instrumente zugunsten des Bleistifts aus der Hand gelegt. Ich komponiere ja nicht auf einem Instrument. Die große Freiheit hat man als Komponist alleine mit dem Bleistift.


Ist Jazz in Ihrer Filmarbeit wichtig?
Auf jeden Fall. Der Aspekt der Improvisation ist enorm wichtig für mich. Was nicht alle wissen: auch in der Klassik spielt die Improvisation eine große Rolle. Ich liebe die Gefahr, die von der freien Assoziation in der Musik ausgeht. Heute sind das bei mir mentale Prozesse, ich brauche kein Instrument mehr zum Improvisieren. 

Die Interviewreise nach Berlin wurde von der Konzertagentur Alegria unterstützt.

Tipp

Die Gefährten“ Stadthalle Wien, 22. 4., 19 Uhr. Teil eins von „Herr der Ringe“, gezeigt wird der Originalfilm mit live eingespieltem Soundtrack von Oscarpreisträger Howard Shore.

 

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