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Katrin Brack: „Mach mal ein Bühnenbild“

26.04.2017 | 13:07 |  von Denise Sumi (Die Presse - Schaufenster)

Material, das nicht behauptet, etwas anderes zu sein: Katrin Brack und ihre Entwürfe, aktuell für René Polleschs „Carol Reed“.

Preisgekrönt. Die Deutsche Katrin Brack wird demnächst für ihr Lebenswerk geehrt. / Bild: (c) Reinhard Werner 

Die deutsche Bühnenbildnerin Katrin Brack wird auf der diesjährigen Theaterbiennale in Venedig mit dem Golden Lion Award for Lifetime Achievement für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Ihre Bühnenbilder sind atmosphärische Räume. Einmal schneit es über zwei Stunden weiße Plastikschnipsel, einmal versinken die Schauspieler in einem Nebelfeld oder müssen meterhohe Objekte aus Schaumstoff erklimmen. Katrin Bracks Bühnenbilder sind purer Materialrealismus. Anlässlich ihrer Zusammenarbeit mit René Pollesch für dessen neues Stück „Carol Reed“, ab sofort im Akademietheater, hat das „Schaufenster“ mit der Bühnenbildnerin über Wien in den 1980ern und die Zusammenarbeit mit René Pollesch gesprochen.

Wie ging das mit Ihnen und dem Bühnenbild los?
Ich habe in Düsseldorf an der Kunstakademie Bühnenbild studiert, wollte ursprünglich aber eigentlich Malerin werden. Am Anfang habe ich mich überhaupt nicht für das Theater interessiert. In der Bühnenbildklasse war ein Freund von mir, und die Arbeiten dort fand ich interessant. So bin ich in die Klasse gekommen.


Sie realisierten schon 1987 ein Bühnenbild im Akademietheater. Erinnern Sie sich an das Wien der 1980er?
Ja, natürlich! Da war alles noch ein bisschen dunkler, und es war weniger los. Früher haben die Berliner gesagt: „Wie du das aushältst in Wien. Verstehen wir gar nicht.“ Und mittlerweile ist das nicht mehr so. Wien ist eine wunderbare Stadt.


Sie haben auch viel in Deutschland gearbeitet.
In Deutschland war alles etwas hässlicher und hektischer, das machte wacher, war aber auch aggressiver.


Sie haben vorwiegend mit männlichen Regisseuren gearbeitet, viel mit Luk Perceval und Dimiter Gotscheff. Haben sich die Geschlechterverhältnisse im Theaterbetrieb geändert?
Das hat sich inzwischen geändert. Es gibt zum Beispiel viel mehr Bühnenbildnerinnen als früher. Als ich begonnen habe, war das fast eine reine Männerbastion.


Während der Spielzeit 2017/18 im Akademietheater sind Sie bald mit drei Bühnenbildern vertreten, „der herzerlfresser“ von Ferdinand Schmalz, „John Gabriel Borkman“ nach Henrik Ibsen von Simon Stone und „Carol Reed“ von René Pollesch. Wie hat sich Ihre Arbeit seit den Anfängen gewandelt?
Sie hat sich über die Jahre immer mehr reduziert. Ich habe ja nie wirklich Räume im Sinne von Zimmern oder Häusern gebaut. Da das Bauen also nicht mein Ding war, habe ich versucht, die Bühne leer zu räumen, und mich immer mehr auf eine Bild- oder Raumidee fokussiert.


Sie haben Räume mit Konfetti, Schnee, Nebel, Regen und Schaumstoff gefüllt.
Ich versuche, meine Bühnenbilder meist auf wenige konkrete Dinge zu reduzieren. Oft verwende ich Materialien, die im Theater schon erprobt sind, die ich aber konzentriert und ausschließlich einsetze. Ich verwende das Material dabei nicht als Symbol oder Illustration für etwas anderes. Es bleibt, was es ist, nämlich etwa Konfetti. Es behauptet nicht, etwas anderes zu sein.


Aber Sie eignen sich Materialien an und bauen damit Vorstellungsräume.
Ja, aber der Schnee, das sind Plastikschnipsel, die immer weiß bleiben. Es ist Theaterschnee. Echter Schnee würde dahinschmelzen oder schmutzig werden. Ich will nicht, dass die Schauspieler so tun, als ob sie darin frieren würden. Das Material wird, zusammen mit dem Text und dem Schauspiel, dann natürlich eine bestimmte Wirkung entfalten. Im Kopf des Zuschauers entstehen Assoziationen und Raumvorstellungen. Aber ich gebe nur die Richtung vor. Mir geht es mehr um das Atmosphärische.


Eine Minimal-Art-Skulptur funktionierte ebenfalls im konkreten Verhältnis von Objekt und Subjekt.
. . . und der Partizipation des Betrachters.


. . . die Zeit der Erfahrung spielt eine Rolle.
Ja, natürlich spielt die Zeit, das An-Dauernde, auch in meinen Bühnenbildern eine wichtige Rolle. Bei dem Stück „John Gabriel Borkman“ „schneit“ es während der ganzen Vorstellung. Ich versuche, den Schnee aber nicht als Effekt einzusetzen, sondern als pures Material, mit dem die Schauspieler interagieren können.


Ihre Bühnen werden oft als reduziert und minimalistisch beschrieben. Vergessen wir dann nicht, dass hinter dem Nebel der „Iwanow“-Inszenierung auf der Volksbühne Berlin von 2006 und hinter dem Regen in „Prinz Friedrich von Homburg“ immer noch die große Theatermaschine steht?
Eben. Ich wurde schon gefragt, ob ich den Begriff Minimalismus gelten lassen würde für meine Arbeit. Ich glaube, mein Arbeitsansatz oder die Idee zur Bühne hat etwas Minimalistisches. Aber die Umsetzung ist dann doch herausfordernd für die Techniker des Theaters, weil das Material immer in dieser Fülle auftritt und ich präzise Vorstellungen von dessen Verwendung habe.


Würden Sie sich als materialistischen Menschen bezeichnen?
Ich hoffe, nicht.


Was unterscheidet denn die reale Welt von Ihrer Bühnenwelt?
Oh. Schwierige Frage. Auch wenn der Theaterraum ein realer Ort ist, hat er doch etwas Modellhaftes. Eine Plattform, auf der Erzählungen, Sachverhalte oder wesentliche Fragen unserer Gesellschaft verhandelt werden. Meine Interessen konzentrieren sich dabei auf die Visualisierung, das Herstellen einer bestimmten Atmosphäre.


Wie planen Sie denn konkret Ihre Projekte, etwa das neueste Projekt, „Carol Reed“, mit René Pollesch?
René Pollesch sagte: „Mach mal ein Bühnenbild.“


Der Entwurf für das Bühnenbild stand am Anfang des Projekts?
Ja, das war etwas ganz Neues für mich. René Pollesch, Birgit Minichmayr, Martin Wuttke und die Kostümbildnerin Tabea Braun kennen sich bereits und haben schon viel gemeinsam gearbeitet. Für mich ist das eine ganz neue Zusammenarbeit und Erfahrung.

Tipp

„Carol Reed“ in der Inszenierung von René Pollesch, Bühnenbild von Katrin Brack: ab sofort im Akademietheater.

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