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Andrey Kaydanovskiy: „Tanz ist noch eine junge Kunst“

26.04.2017 | 16:49 |  Ditta Rudle (Die Presse - Schaufenster)

Choreograf Andrey Kaydanovskiy siedelt Strawinskys „Feuervogel“ im Hier und Heute an: „Mein Prinz ist ein verwöhntes Kind, umschwirrt von Helikopter-Eltern.“

Ohne Vorbilder. Andrey Kaydanovskiy sucht seinen „Feuervogel“. / Bild: (c) Christine Pichler  

Für den Tänzer Andrey Kaydanovskiy ist jeder Auftritt auch Theater. Selbst in klassischen Ballettstücken schafft er seine Rolle neu, in zeitgenössischen Kreationen sowieso. Nur eine Rolle zu kreieren ist ihm längst zu wenig, als Choreograf will er ein ganzes Universum schaffen. Für den dreiteiligen Abend an der Volksoper wird er zur Musik von Igor Strawinsky vom „Feuervogel“ erzählen.

Die Hexe Madge, der Zauberer Rotbart, das Schicksal der Marie Antoinette, der Schatten von Blaubart – das sind düstere Rollen, die der Tänzer Andrey Kaydanovskiy eindrucksvoll gestaltet hat. Doch er kann auch überaus komisch sein, als Witwe Simone in klappernden Holzschuhen etwa oder als selbstverliebter Pinkel Gamache. Das Spiel auf der Bühne ist für Kaydanovskiy unersetzbarer Bestandteil des Tanzes: „Ich kopiere das Theater in meiner Sprache, dem Tanz.“

Inspiration Tochter. Schon sehr früh hat er sich mit Choreografie, dem Erfinden von Bewegungen für Tänzer, beschäftigt. Einer seiner ersten Auftritte auf der Staatsopernbühne in Renato Zanellas Stück „Empty Place“ hat ihn ebenso inspiriert wie die Mitwirkung in „In Your Eyes My Face Remains“ seines Kollegen András Lukács. Lukács ist auch Choreografiekollege beim Strawinsky-Abend, gemeinsam mit dem Solotänzer Eno Peçi, der sich mit der russischen Kasperfigur „Petruschka“ auseinandersetzt. Lukács hat das große
Los gezogen: Er darf für seine Choreografie „Movements to Stravinsky“ ohne Einschränkung arbeiten, zu Kompositionen des Meisters auch Filmmusik von David Motion und Sally Potter addieren. Eine Freiheit, die sich auch Kaydanovskiy wünscht: „Doch die Musik ist vorhanden, ihr muss ich mich unterordnen.“ Dem Zauber der Musik, als Auftragswerk für die Ballets Russes entstanden, ist er erst nach intensiver Beschäftigung erlegen. „Die ganze Geschichte wird hier mit Noten erzählt. Wer mit Tanz nichts anzufangen weiß, sollte die Augen schließen und sich die Musik anhören. Gänsehaut ist sicher.“ Die Originalchoreografie von Michel Fokine, uraufgeführt von Les Ballets Russes, 1910 in Paris, hat sich Kaydanovskiy nicht angesehen. „Ich will ganz frei von Vorbildern sein, doch die Figuren habe ich namentlich behalten, die Präsenz der Musik kann ich nicht negieren. Da bin ich verantwortlich. Es ist Herausforderung und Einschränkung zugleich.“

Mit der Märchenwelt ist Kaydanovskiy bestens vertraut, nicht nur aus der Kindheit, mehr noch durch seine Tochter, Ruby, der er jeden Abend vorliest. Für sie ist auch das Ballett „Das hässliche Entlein“ (Volksoper, 2013) entstanden: „Da habe ich eine simple Tanzsprache angewendet, die Kinder sollten die Geschichte verstehen.“ Doch auch für Erwachsene hat der junge Choreograf einiges zum Nachdenken untergebracht. Im selben Jahr war Kaydanovskiy übrigens an der Volksoper mit dem schwierigen Tanzstück „Zeitverschwendung“ zu zeitgenössischer Musik vertreten. Auch „Der Feuervogel“ ist im Hier und Heute angesiedelt. Schauplatz ist kein Märchenwald, sondern ein Supermarkt: „Auch ein Ort, wo Träume erfüllt werden. Mein Prinz ist einem verwöhnten Kind gleich, das von den Helikoptereltern umschwirrt wird.“ Der Feuervogel ist in seinem Kopf, eine Projektion, ein fantastisches Wunschbild. Davide Dato materialisiert ihn in der Premiere auf der Bühne. Auch für die restlichen Rollen, den zwielichtigen Zauberer Koshey, Prinz Ivan, der den Feuervogel jagt und endlich die schöne Prinzessin Vaselisa erobert, hat Kaydanovskiy die Crème de la Crème des Wiener Staatsballetts ausgesucht.

Jenseits der Sprache. Seit 2007 ist er Mitglied des Wiener Staatsballetts, seit 2015 als Halbsolist. In der intensiven Tanzausbildung – Bolschoi-Ballettakademie in Moskau, Ballettkonservatorium in St.  Pölten, John-Cranko-Ballettakademie in Stuttgart, Ballettschule der Wiener Staatsoper – hat Kaydanovskiy nichts über die Kunst des Choreografierens erfahren. Was seiner Kreativität Freiheit gibt: „Der Tanz ist als Kunst noch jung, da ist noch viel herauszuholen. Er kann abstrakt sein oder ohne Geschichte, er erzählt immer etwas.“ In einem Schulheft hat er, im Krankenbett nach einer Verletzung, Linien gezogen, auf denen Strichmännchen tanzen. Das ist Kaydanovskiys höchsteigene Tanzschrift. Wörter gehen ihm nicht ab: „Die Sprache grenzt ein. In der Bewegung ist viel mehr Ausdruck möglich, ich kann mit meinen Gedanken spielen, mich entscheiden, wie weit ich gehen kann. Was traue ich mir zu, was wage ich?“ Er hat sich vorgenommen, „nicht zu viel zu denken, Wände niederzureißen.“ Meist beginnt ein neues Stück mit einer Idee: „Zum Beispiel hat mich eine Fernsehserie zu ‚Love Songs‘ inspiriert. Da war für mich am Ende so vieles offen, dass mir gleich eine Geschichte eingefallen ist. Dann habe ich die Musik gefunden und erst dann über die Choreografie nachgedacht.“ Bei der Aufführung 2014 im Rahmen der Initiative des Ballettklubs hat er auch selbst mitgetanzt. „Wir waren zu dritt und konnten gemeinsam viel ausprobieren. Vor allem wollte ich die richtige Atmosphäre erzeugen.“ So arbeitet Kaydanovskiy auch für den „Feuervogel“.

Der Bewegungsablauf ergibt sich aus der Atmosphäre, den Gefühlen und Gedanken der Tänzer in ihren Rollen. Bei den Proben schauen die Pas de deux noch unüberwindbar schwierig aus. „Das ist nur am Anfang so; wenn der Körper den Ablauf aufgenommen hat, ist alles ganz leicht.“ Als Tänzer weiß er genau, was möglich ist. Gegen den Körper muss keiner arbeiten. Für die schwierige Rolle des Koshey hat Kaydanovskiy drei mögliche Besetzungen vorgesehen. Neben Mihail Sosnovschi studieren auch Denys Cherevychko und Roman Lazik den Part. Drei so unterschiedliche Erste Solisten? „Koshey ist eine Figur mit vielen Facetten, um ihn ganz zu erfassen, muss man alle drei Variationen sehen. Das wäre ideal.“ Die Chance ist vorhanden: Allein in dieser Saison ist der Strawinsky-Abend sieben Mal zu sehen.

Tipp

„Der Feuervogel“: dreiteiliger Abend zur Musik von Igor Strawinsky: Enoo Peçi: „Petruschka“, ­András Lukács: „Movements to Strawinsky“, ­Andrey Kaydanovskiy: „Feuervogel“. Dirigent: ­David Levi. Premiere: 28. 4., Wiener Staatsballett
in der Volksoper. www.volksoper.at

 

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