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Jeff Koons: Bezugssystem Kunst

02.05.2017 | 17:02 |  von Johanna Hofleitner (Die Presse - Schaufenster)

Das Luxuslabel Louis Vuitton lässt US-Starkünstler Jeff Koons an seine Taschen.

Kopie als Kunst. Koons vor einer Tizian-Interpretation seiner Serie „Gazing Balls“. / Bild: (c) Lewis Mirrett 

Auch wenn Jeff Koons seine radikale, weil vor allem provokante Phase hinter sich hat und in den aktuellen Künstlerrankings und -kompassen die Nase nicht mehr vorn hat: Zu den Superstars der Gegenwartskunst zählt er immer noch. Daran hat der gelernte Börsianer von Beginn an selbst so zielstrebig gearbeitet, dass man seine Karriere für sich als Konzeptkunstwerk gelten lassen könnte. Das manifestiert sich auch in Auktionsergebnissen. Zumal sein orangefarbener „Balloon Dog“ 2013 bei Christie’s um den Rekordpreis von 58,4 Millionen Dollar über den Tresen ging – das ist der höchste je für ein Werk eines lebenden Künstlers erzielte Wert. Dabei besticht der 1994 bis 2000 entstandene Pudel aus poliertem Edelstahl mit Farbüberzug vor allem durch seine Einfachheit. Mit rundlichen Formen und frei von jeglichen Details kommt er daher wie ein in Metall gegossener Abguss eines dieser länglichen Luftballons, die sich durch Verdrehung und Verknotung zu Tieren oder anderen Gestalten formen lassen. Die gekräuselte Schnauze erinnert dabei an den wulstigen Rand der Ballonöffnung, der Schwanz mit seinem dünnen Ende an das Ende des Ballons. Manche würden angesichts der Ambivalenz dieser Luftballons vielleicht auch an Verhüterli denken.

(c) Melanie + Ramon Wiener Shopper. Das Original von Tizians „Venus, Mars und Amor“ hängt im Kunsthistorischen Museum. Wiener Shopper. Das Original von Tizians „Venus, Mars und Amor“ hängt im Kunsthistorischen Museum. / Bild: (c) Melanie + Ramon 

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Prinzip Banalität. Diese Einfachheit, ja Banalität, dazu das Spiel mit Unausgesprochenem sowie Bildern und Empfindungen, die bald ins Kindliche reichen, bald unverhohlen auf Sexualität und Pornografie verweisen, begründen das Geheimnis von Jeff Koons’ rasantem Aufstieg. Von den frühen Staubsaugerskulpturen aus den späten 1970er-Jahren, die er auf Podeste stellte, über seine zwölf Meter hohe Blumenskulptur „Puppy“ vor Schloss Arolsen, die 1992 die Aufmerksamkeit der Documenta-Besucher auf sich zog, bis hin zu Skandalbildern von sich und seiner Kurzzeitehefrau Ilona „Cicciolina“ Staller aus den frühen 1990er-Jahren katapultierte er sich zuverlässig ins Zentrum des Interesses der Kunstwelt, aber auch des Boulevards. Indem er das Prinzip auf die Welt der Comics und andere Bereiche der Konsumkultur übertrug, jonglierte Koons vor allem in den Medien Skulptur und Fotografie permanent mit den Grenzen zwischen Kunst, Kitsch und Kommerz.

Spät, aber doch hat Jeff Koons nun die Modewelt entdeckt – oder besser gesagt, sie ihn. Die brandneue Taschenkollektion „Masters“ von Louis Vuitton legt Zeugnis davon ab. Man könnte fragen, warum erst jetzt? Prädestiniert Koons doch sein Grenzgang zwischen den Sphären High und Low, Hochkultur und Konsumwelt, nachgerade für Projekte, in denen sich die Wirtschaft des Flairs der Kunst bedient. Doch es bedurfte wohl jenes Schnitts, den Koons ab 2009 selbst setzte, als er sich unter dem Titel „Antiquity“ doch etwas überraschend ganz der Hochkultur zuwandte. Da tauchen in seiner Bild- und Objektwelt plötzlich Motive aus alten Gemälden und Skulpturen auf, zum Teil noch im Verbund mit Logos oder Graffitielementen.

Wende zur Reflexion. Mit der Gruppe der „Gazing Balls“, die auch seiner Gestaltung der neuen Vuitton-Kollektion zugrunde liegen, vollzog Jeff Koons ab 2013 den Schritt hin zu den alten Meistern. Die Fertigkeit, Kunstwerke zu kopieren, hatte er schon als Kind bis zur Perfektion betrieben. Nun wird sie unter Assistenz der zahlreichen Mitarbeiter des Studios auf Meisterwerke der Kunstgeschichte übertragen. Die Liste der reproduzierten Vorlagen reicht von Altdorfer über Klimt, Monet, Tizian bis zu van Gogh, auch Duchamp wird die Reverenz erwiesen. Wie eine Signatur wird jedes der Bilder oder Skulpturen um eine blaue Deko-Kugel („Gazing Ball“) ergänzt, in der sich Umgebung und Betrachter spiegeln. Diese Reflexion bildet gleichsam die Brücke zwischen Innenwelt und Außenwelt, mithin Seele, Emotion und Körperhaftigkeit.

(c) Lewis Mirrett Kraftvoll. Jedes der ausgewählten Sujets soll einen anderen Aspekt des Menschlichen repräsentieren.Kraftvoll. Jedes der ausgewählten Sujets soll einen anderen Aspekt des Menschlichen repräsentieren. / Bild: (c) Lewis Mirrett 

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Nun finden sich ausgewählte Details perfekt ausgeführt wieder auf den Modellen der Louis-Vuitton-Taschenkollektion. Rubens, van Gogh, Fragonard, Tizian und Leonardo hat Koons dafür ausgewählt, um Clutch, Rucksack und Shopper selbst zu Kunstwerken zu machen. Landschaften, Tiere, nackte Körper, das Lächeln der Mona Lisa verweisen auf kanonische Themen der Kunstgeschichte. Verziert sind die Taschen mit einer Miniatur seiner berühmten „Rabbit“-Skulptur als Anhänger, dem Künstlernamen in Form glänzender Lettern sowie dem Monogramm „LV“ und Jeff Koons’ eigenen Initialen. „Ich habe Künstler ausgesucht, die sich auf andere bezogen“, sagt er. „Sie haben gesagt: ,Ich finde diesen Künstler interessanter als das, was ich mache.‘ Das ist eine Form von Liebe, die auch wir selbst jeden Tag praktizieren. Wenn wir das Stadium der Transzendenz erlangen wollen, können wir die einfachsten, aber auch die komplexesten Dinge außerhalb von uns mit Staunen und Bewunderung wahrnehmen.“ Nun haben die Taschen den Part des Körpers übernommen, die auf ihnen abgebildeten Kunstwerke den der Seele. „Ich wünsche mir, dass jemand, der mit einer dieser Taschen die Straße entlanggeht, Menschlichkeit zelebriert“, sagt Koons. „Und ich hoffe, dass jemand, der die Tasche sieht, diesen Zusammenhang auch spürt.“

Kunst per Tradition. Das Engagement von Louis Vuitton für die Kunst hat Tradition. Nicht nur, dass sich die Initialen des Gründers Louis Vuitton wie eine Künstlersignatur seit über 100 Jahren als Muster auf nahezu allen Produkten des Unternehmens finden. Mit der zunehmenden Verflechtung von Kunst und Markt im ausgehenden 20. Jahrhundert streckte das Luxuslabel seine Fühler selektiv in Richtung zeitgenössische Kunst aus und ließ 1988 von Starkünstlern wie Sol LeWitt, James Rosenquist oder Sandro Chia Seidentücher designen. Mehr Mut zeigte Marc Jacobs, der das Label als künstlerischer Leiter ins neue Jahrtausend führte und mit Künstlern kooperierte, die hinsichtlich Marktwert, Prominenz und künstlerischer Bedeutung zu den Besten ihrer Zeit zählten. Den radikalen Auftakt machte 2001 der Graffiti-Designer Stephen Sprouse, der die Handtaschen mit in Leuchtstiftfarben hingekritzelten Namenszügen des Hauses überzog. Der Japaner Takashi Murakami verpasste den Taschen 2003 einen Manga-Look. Richard Prince wiederum nahm 2008 Anleihe bei Andy Warhol, der als einer der ersten spielerisch die Grenzen zwischen Kunst und Kommerz auflöste. 2014 bekam die Fotokünstlerin Cindy Sherman eine Carte blanche und entwickelte nach ihren Vorstellungen ein komplettes Reiseset, vom Kameratäschchen bis zur monumentalen Truhe mit Innenleben.

(c) KHM-Museumsverband  Bedingt liberal. Sabine Haag befürwortet die gänzliche Freigabe der Rechte an Kunstwerken nicht bedingungslos. Bedingt liberal. Sabine Haag befürwortet die gänzliche Freigabe der Rechte an Kunstwerken nicht bedingungslos. / Bild: (c) KHM-Museumsverband  

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Was darf Kunst?

Die Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums, Sabine Haag, im Kurzinterview.

Jeff Koons verwendet als Vorlage für seine Gestaltung eines Shoppers für Louis Vuitton ein Tizian-Gemälde aus dem Kunsthistorischen Museum. Welchen Stellenwert hat das Werk?
Das Kunsthistorische Museum hat mit über 30 Werken eine der größten Tizian-Sammlungen. Der Bestand deckt seine ganze Karriere vom Früh- bis zum Spätwerk ab. Das Gemälde „Venus, Mars und Amor“ zählt zu den Poesien für Philipp II. Tizian hat diese Komposition mehrfach gemalt. Unser Gemälde wurde nach neuestem Forschungsstand wahrscheinlich von Tizians Werkstatt gemalt.


Warum, denken Sie, hat Jeff Koons genau dieses Bild reproduziert?
Es geht in dem Bild um die alles besiegende Kraft der Liebe. Das ist ein Thema, das auch im Schaffen von Jeff Koons eine große Rolle spielt.


Jeff Koons hat dieses Bild ursprünglich für die „Gazing Balls“ reproduziert und damit künstlerisch interpretiert. Nun ist ein Detail davon auf einer Handtasche gelandet. Fällt dieser zweite Schritt noch unter künstlerische Freiheit?
Wir stehen als Museum in der Mitte. Wir sagen nicht, dass Kunst nicht in einem anderen Medium verwendet werden darf. Wir sind aber auch nicht so liberal wie das Rijksmuseum, dem es wichtig ist, dass in jeder Sekunde in welcher Form auch immer ein Kunstwerk des Rijksmuseums überall auf der Welt gesehen werden soll. Dennoch halte ich es in Zeiten der Digitalisierung für richtig, den freien Zugang zur Bildbetrachtung zu ermöglichen. Die Grenzen definieren aber wir.


Was heißt das im konkreten Fall?
Die Frage für uns lautet: Wollen wir, dass das Tizian-Bild auf die Straße getragen wird? Es ist klar, dass das auch eine Geschmacksfrage ist. Da Louis Vuitton keine Trashmarke ist und es sich um eine Weiterentwicklung der „Gazing Balls“ handelt, haben wir der qualitätvollen Reproduktion des Meisterwerks zugestimmt.


Haben Sie keine Angst vor Produktpiraterie?
Unser Partner ist Louis Vuitton. Was danach passiert, darauf haben wir keinen Einfluss. Wahrscheinlich tauchen die ersten Fakes schon zwei Tage, nachdem die Taschen auf dem Markt sind, auf.

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