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Stellan Skarsgård: „Wir brauchen starke Frauen“

03.05.2017 | 14:01 |  von Bettina Aust (Die Presse - Schaufenster)

Schauspieler Stellan Skarsgård über seinen neuen Film, männlichen Größenwahn und die Erziehung seiner acht Kinder.

Genießer. „Ich habe ein tolles Leben“, sagt der Schwede Stellan Skarsgård. / Bild: (c) Filmladen/Ann Ray 

Nur wenigen Schauspielern gelingt der Spagat zwischen Hollywood-Großproduktionen und hochkarätigen europäischen Arthouse-Filmen. Der Schwede Stellan Skarsgård praktiziert dieses Kunststück schon seit Jahrzehnten besonders elegant. Einerseits tritt er in US-Blockbustern wie „The Avengers“ oder „Illuminati“ auf, andererseits dreht er mit Autorenfilmern wie Lars von Trier. Und immer passt er perfekt ins Ensemble. Nun ist der 65-Jährige in Volker Schlöndorffs Film „Rückkehr nach Montauk“ als verheirateter Schriftsteller Max Zorn zu sehen, der zur Veröffentlichung seines neuen Romans nach New York reist und dort seine ehemalige Geliebte (Nina Hoss) wieder trifft. Schlöndorff hat sich von Max Frischs Erzählung „Montauk“ zwar inspirieren lassen, aber von der literarischen Vorlage weit entfernt.

Wie haben Sie sich Ihrer Rolle als verheirateter Schriftsteller, der seiner einstigen Geliebten erneut begegnet und ein Wochenende mit ihr verbringt, angenähert?
Ich hatte keine Schwierigkeiten, mich in ihn hineinzuversetzen. Obwohl er ziemlich extrem handelt. Aber ich finde, sein Verhalten ist typisch männlich, weil sich darin der Größenwahn unseres Geschlechts zeigt. Frauen sind da anders.


Wie meinen Sie das?
Männer setzen sich etwas in den Kopf und wollen es dann eins zu eins umsetzen. Frauen sind da viel realistischer, sie sehen, was geht und was nicht geht. Sie stellen sich der Realität. Das machen wir Männer nicht. Das Vorgehen des Mannes, den ich spiele, würde ich fast schon als pathologisch bezeichnen. Denn er biegt sich seine Vergangenheit zurecht, verklärt sie förmlich. So wie seine Beziehung zu seiner verflossenen Liebe Rebecca, die er zufällig in New York wieder trifft. Einige Leute sagen, er sei ein Arschloch. Aber das finde ich nicht.


Im Film geht es auch um die Sehnsucht nach einer zweiten Chance, darum, das Leben zurückzudrehen. Was bereuen Sie?
Man könnte mich für einige Dinge kritisieren, die ich getan habe. Ich habe Menschen verletzt, denen ich das nicht hätte antun sollen. Damit muss ich klarkommen. Vielleicht hätte ich es vermeiden können, vielleicht auch nicht. Ich weiß es nicht. Aber ich kann die Vergangenheit nicht mehr ändern. Ich kann nur versuchen, es nicht noch einmal zu machen.


Sie haben Frieden mit Ihrer Vergangenheit geschlossen?
Genau. Es gibt diesen Spruch: Leg dich nicht mit der Vergangenheit an, hab nicht so große Erwartungen an die Zukunft und versuche, das zu genießen, was du gerade hast.


Sie sind auch ein Mann mit einem komplizierten Liebesleben. Können Sie sich deswegen besonders gut mit der Geschichte identifizieren?
Ich habe ein tolles Leben. Ich habe acht Kinder und bin zum zweiten Mal verheiratet. Wir sind alle Freunde, und es funktioniert extrem gut. Beispielsweise verbringen wir die Ferien zusammen, oder wir kochen und essen zusammen. Sie können mir glauben, wir gehen sehr zivilisiert miteinander um.


Zwei Frauen und acht Kinder, das funktioniert wirklich?
Ja. Aber ich schlafe nicht mit beiden. Das ist der einzige Wermutstropfen. Das ist nur ein Scherz . . . (lacht).
Bei einer Menge Leute gäbe es Komplikationen. Was ist Ihr Geheimnis?
Das ist nicht unbedingt mein Verdienst. Es sind sehr intelligente Frauen involviert. Sie haben erkannt, dass man entweder seine Bitterkeit pflegt oder versucht, darüber hinwegzukommen und sich ein neues Leben aufzubauen. Und das haben sie getan.


Ich habe den Eindruck, dass Männer und Frauen in Skandinavien besser mit dieser Art von Konflikt umgehen. Woran liegt das?
Gelebte Engstirnigkeit fördert letztendlich einen Stolz, der zu nichts gut ist. Ich bin der Meinung, dass sich starke Frauen sehr positiv auf die Atmosphäre einer Gesellschaft auswirken. Die skandinavischen Länder gehören vermutlich zu den emanzipiertesten der Welt. Und für einen Mann ist es großartig, in so einem Land zu leben.


Warum finden Sie als Mann Emanzipation so umwerfend?
Es gibt bei uns viel weniger Heuchelei. Dieses ganze So-tun-als-ob entfällt dann nämlich. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Bei uns muss man eine Frau nicht drei Wochen umwerben, um mit ihr ins Bett zu gehen. So läuft es vielleicht noch in Italien. Aber in Schweden kommt die Frau zu dir und sagt, was sie will. Es kann passieren, dass sie die Initiative ergreift und dich fragt, ob du mit ihr Sex haben willst. Bei uns ist das alles sehr unkompliziert . . .


Ist das der einzige Grund?
Je mehr eine Gesellschaft auf Gleichheit beruht, wenn es um Dinge wie Sex, Religion oder Nationalität geht, desto besser. Das ist ein ganz einfaches Konzept. Nach dem Zweiten Weltkrieg entschieden sich die westeuropäischen Länder, egal, ob von Christdemokraten oder Sozialdemokraten regiert, den Wohlfahrtsstaat einzuführen. Damit sollte auch verhindert werden, dass Faschisten wieder eine politische Größe werden. Es war eine großartige Entscheidung, die hervorragend funktionierte. Doch dann haben sie überall angefangen, diesen Wohlfahrtsstaat abzubauen. Und was ist passiert? Rechte Parteien sind wieder im Aufwind.


Würden Sie sich selbst als Feminist bezeichnen?
Nein. Ich bin jemand, der Chancengleichheit fordert, und zwar für alle. Würde ich mich als Feminist bezeichnen, dann müsste ich auch erklären, was ich alles ablehne oder unterstütze. Ich müsste also beispielsweise sagen, dass ich Anti-Rassist bin. Die Liste wäre ziemlich lang. Ich bin jemand, dem es vor allem um Gleichberechtigung geht.


Als Vater von sechs erwachsenen und zwei kleinen Kindern: Was sind Ihre Prinzipien in der Kindererziehung, und wie bringt man dem Nachwuchs Respekt vor Frauen bei?
Ich versuche, ihnen Respekt vor allen Menschen beizubringen. Ich habe nur sehr wenige Regeln, aber diese beiden waren mir immer wichtig: pünktlich zu sein und andere Menschen freundlich zu behandeln. Meine Kinder sind ziemlich lustig, und im Großen und Ganzen benehmen sie sich gut und behandeln andere anständig. Ich dachte immer, ich sei in der Erziehung ziemlich geradlinig. Doch meine älteren Kinder sehen das anders. Sie sagen, bei uns sei es ganz schön chaotisch zugegangen, sie hätten eine Hippie-Kindheit gehabt, auch wegen der wilden Partys, die wir damals gefeiert haben.


Trotz zahlreicher Hollywood-Produktionen haben Sie Ihren Lebensmittelpunkt nach wie vor in Schweden. Warum sind Sie nie nach Los Angeles gezogen?
Warum sollte ich? In Schweden geht es immer noch ziemlich anständig zu, da zahlt man viele Steuern, und niemand muss verhungern. Außerdem ist es in unserer Gesellschaft weniger sexistisch als in Hollywood, der Konkurrenzkampf untereinander ist nicht so ausgeprägt, und es ist nicht so oberflächlich. Es lebt sich gut in Schweden, besonders, wenn man Kinder hat.

Tipp

„Rückkehr nach Montauk“. Von Volker Schlöndorff, nach Max Frisch. Mit Stellan Skarsgård und Nina Hoss, ab 12. Mai im Kino.

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