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Tulga Beyerle: Design mit Elbblick

16.05.2017 | 18:06 |  Norbert Philipp (Die Presse - Schaufenster)

Tulga Beyerle leitet in Dresden das Kunstgewerbemuseum. Und macht aus einem Ausflugsziel eine Designdestination.

Aussicht. Tulga Beyerle auf dem Balkon vor ihrem Büro. Darunter fließt die Elbe. / Bild: (c) Norbert Philipp 

Die gute Elbe. Sie verniedlicht so schön, sie spült alle Eindrücke weich. Denn Dresden könnte durchaus unnahbarer wirken. Vor allem in jenem Teil, der vor 1945 die Altstadt war und heute durch Kräne und Investments zur Neu-Altstadt wird. Auf der anderen Seite des Flusses liegt die Neustadt. Dort wirkt Dresden so authentisch, unbarock und unbemüht, dass man hier glatt eine Designszene vermuten würde. Wenn es denn eine gäbe. Doch ihren Kosmos der gestalteten Dinge, den verdankt die Stadt weniger der produktiv-kreativen Gegenwart. Eher den sächsischen Kurfürsten, die fleißig Kunst und Kunsthandwerk gesammelt haben. Heute sind es die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, die die angehäuften Schätze auf gleich 14 Museen verteilen. Zuhause sind sie in teils barocken, oft wiederaufgebauten, aber allesamt imposanten Immobilien. Wie etwa dem Zwinger, dem Residenzschloss oder dem Albertinum.

Die kunstgewerbliche Sammlung hat es besonders weit hinausgestreut, bis ins Schloss Pillnitz. Zwölf Kilometer weit weg von der neuen Altstadt und der alten Neustadt, wo Weinberge und sanfter Fluss die Gegend nochmal so intensiv verniedlichen. Am Ufer liegt der barocke Garten des Lustschlosses. In einem der beiden Palais, jenem am Wasser, steht der Schreibtisch von Tulga Beyerle. Manchmal, wenn die Sonne extraschön auf dem Wasser glitzert, rückt die Österreicherin ihren Arbeitsplatz auch hinaus auf den Balkon. Seit 2014 ist sie Museumsdirektorin mit Elbblick. Im Kunstgewerbemuseum Dresden, Schloss Pillnitz.

(c) beigestellt Robert Stadler. Wenn Thonet-Stühle auf Meiß­ner Porzellan treffen.Robert Stadler. Wenn Thonet-Stühle auf Meiß­ner Porzellan treffen. / Bild: (c) beigestellt 

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Neue Gewohnheiten. „Ich wollte immer schon Museumsdirektorin werden“, erzählt Beyerle. Jetzt hat sie ihn, den dicken Schlüsselbund, der hier in Dresden noch mal so laut scheppert. Denn ihr Museum hat viele Türen – ihr Museum ist das Schloss. Und das wiederum hat einmal Saison, und einmal nicht. Anfang Mai hat sie wieder begonnen. Nachdem die heiklen Objekte wieder aus den Wärmedepots zurückgekehrt sind, in die leicht ausgekühlten Schlossräumlichkeiten. Dort rauscht die Elbe friedlich an den täglichen Agenden Beyerles vorbei. Einmal werden die fehlenden Glühbirnen zur Issue des Tages. Dann die Schädlingsbekämpfung im Depot. Und dazwischen, und vor allem auch: eine Ausstellung initiieren und auf die Beine stellen. „In den ersten drei Jahren hatten wir ein ziemlich lebendiges Ausstellungsprogramm, zeitgenössisch, aber auch mit historischen Bezügen“, erzählt Beyerle. Die erste Ausstellung unter ihrer Führung – „Werkstadt Vienna. Design engaging the City“ – hat sie gleich aus ihrer Heimat mitgenommen.

Gemeinsam mit dem Geist und dem Designverständnis, das sie in Wien kultiviert hat. Als Kuratorin und als Mit-Initiatorin der Vienna Design Week etwa. Unter diesem Zugang darf man Gestaltung auch „experimentell“ verstehen, oder als partizipativen Prozess, der im besten Fall gleich einmal die Welt verbessert. Diesen Geist lässt Beyerle wohldosiert durch die Gänge des Schlosses strömen. Und manchmal auch durch den Barockgarten klingen. So wie damals, als die Kreissägen kreischten. Denn für die Ausstellung „Creative Collision“ lud das polnische Designstudio Rygalik zum Sitzmöbel-Workshop mit Flüchtlingen. Da bekamen weniger die alten Schlossmauern Risse als die Bilder, die sich Dresden in den vergangenen Jahrzehnten so von Design gemacht hatte. Im symmetrischen Gartengrundriss rund um das Kunstgewerbemuseum waren da durchaus andere Vorstellungen im Umlauf.

 

(c) beigestellt Dialog. „You also may like“: Stadlers Arbeiten treten in Dialog mit anderen Objekten. Dialog. „You also may like“: Stadlers Arbeiten treten in Dialog mit anderen Objekten. / Bild: (c) beigestellt 

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Aufgabenfeld. Durch eine Kette von Notwendigkeiten und Zufällen hat es das Museum nach dem Zweiten Weltkrieg in den Prunk vergangener Tage verschlagen. Angefangen hat das Kunstgewerbemuseum in der Stadtmitte, in einem eigenen Gebäude. Und wie viele andere Kunstgewerbemuseen, wie auch das MAK in Wien, in der Funktion einer „Vorbildsammlung“: „Das Museum wurde gegründet, um die Produktion, die Gestalter und das Publikum zu bilden“, erzählt Beyerle. Und zu diesem ursprünglichen Profil – „natürlich in einer zeitgemäßen Herangehensweise“ – will Beyerle das Museum jetzt sanft zurückführen. Denn auf ihrem Balkon mit Elbblick hat sie sich auch schon Fragen wie diese gestellt: „Ist ein Museum nur dazu da, zu sammeln und auszustellen? Oder muss ein Museum in seiner kulturellen Verantwortung nicht auch versuchen, Produktion zu fördern und zu ermöglichen?“ Gerade weil Wirtschaftsunternehmen das gestalterische Experiment kaum mehr zulassen. Wie in früheren, orangeren Tagen, als Firmen wie Olivetti Genies der Gestaltung wie Ettore Sottsass einfach mal so machen ließen. „Ich finde, dass ein Museum für angewandte Kunst schon dazu da sein sollte, neue Möglichkeitsräume zu schaffen“, sagt Beyerle.

Für die Sachsen ist Schloss Pillnitz längst Fixpunkt im Katalog der Ausflugsziele. Design-Destination für alle könnte es noch werden. Die Sammlung des Kunstgewerbemuseums ist gut gefüllt: Textilien, Keramik, Glas, Metallobjekte. Alles da, zum Teil von weither geholt. Natürlich sind auch Möbel dabei. Wobei: Die klassische Moderne wurde so ziemlich ausgelassen. Doch zum Lückenfüllen ist Beyerle ohnehin nicht angetreten. Zunächst „mit engem Budget ein wenig Ordnung und Klarheit schaffen“, das hat sie sich und dem Museum verordnet. Allein typographisch auf den Texttafeln. Allein farblich an den Wänden der Räumlichkeiten. Dazu das Zielpublikum verbreitern, wie etwa mit der historischen Fahrradausstellung „Aus eigenem Antrieb“ im letzten Jahr.

Bilderwelt. Und parallel zu allem: konsequent am guten Ruf arbeiten, hinausgetragen in die Designblogs und die Community durch Projekte wie etwa Friends + Design, als Beyerle untereinander befreundete Designer einlud, im Schloss Pillnitz ganz neue produktive Konstellationen einzugehen. Die Strategie dahinter: historische Mauern mit jungen Persönlichkeiten aufladen, und nebenbei die Schwergewichte in der Wahrnehmung des Museums, wie etwa August den Starken, zu entlasten. Dieser wird ohnehin samt seinem Repräsentationsfaible in der ganzen Stadt retro-glorifiziert. In Dresden scheinen Canaletto und seine Blicke noch heiliger als in Wien zu sein. Des Malers Perspektive auf die Stadt, sie füllt Souvenirgeschäfte. Dazwischen: Aufnahmen von Schutt und Asche. Nach dem Feuersturm der Bombennacht vom 13. Februar 1945. Auch ein Grund, warum Dresden sich gern an alten Bildern festkrallt.

Eher mit dem Verfließen und Verwischen von Bildern beschäftigt sich dagegen Robert Stadler, ein österreichischer Designer und Künstler mit Lebens- sowie Schaffensmittelpunkt Paris. Vor allem auch damit, wie sich die Verhältniskette Bild-Ding-Realität allmählich verzerrt. Schuld daran ist auch jenes Terrain, auf dem Sätze wie „You also may like“ kursieren – das Internet. Genauso heißt auch die aktuelle Ausstellung, die von Tulga Beyerle initiiert und von Alexis Vaillant kuratiert wurde. Zu sehen sind 71 von Robert Stadlers Werken und Objekten, darunter etwa auch „Pools & Pouf!“, ein Chesterfield-Sofa, das wie Quecksilber zerfließt. Oder das Regal „You Name it!“, das Stadlers Zugang untermauert, dass Form schon lange nicht mehr Funktion folgen muss. Sondern eher „form follows anything“ angesagt ist. „Stadlers Arbeiten beschäftigen sich mit dem Instabilen, mit dem Kippenden, dem Nicht-Eindeutigen, der Randomness und der Fragmentation“, sagt Tulga Beyerle. Doch Stadlers Objekte stehen nicht allein, auf einer weiteren eindrucksvollen Ausstellungsfläche der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD), der Kunsthalle im Lipsius-Bau, unweit der Frauenkirche, befinden sich Kunstwerke und Artefakte, tief aus dem Fundus, den Speichern, den Sammlungen der SKD, bilden mit Stadlers Objekten Ad-hoc-Gruppen und neue thematische Konstellationen.

Stadler selbst hat seine stummen Dialogpartner bei langen Rundgängen durch die Schatzräume der sächsischen Kurfürsten aufgespürt, vom Stein-Pavian bis zum „schräg gedrechselten Deckelbecher aus 1591“, wie der Katalog vermerkt.

Tipp

„You also may like: Robert Stadler“. Ausstellung des Kunstgewerbemuseums Dresden, Kunsthalle im Lipsiusbau. Noch bis 25. Juni. www.skd.museum.de

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