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Helene Hegemann: „Kein leicht verfilmbares Buch“

28.06.2017 | 10:06 |  von Magdalena Mayer (Die Presse - Schaufenster)

"Axolotl Overkill" - Autorin Hegemann hat ihren Bestseller über die Berliner Wohlstandsjugend verfilmt. Ein Gespräch über Blockaden beim Schreiben, Loslassen beim Filmemachen, und warum der Lurch zurück ist.

Dreh mit Überraschungen. Hegemann taucht in einer Szene ihres Filmes „Axolotl Overkill“ auch selbst auf. / Bild: (c) 2017 Constantin Film Verleih GmbH / JC Dhien 

Als vor sieben Jahren Helene Hegemanns Debütroman, „Axolotl Roadkill“, herauskam, eroberte dieser nicht nur die Bestsellerlisten, sondern entfachte auch eine Kontroverse in den Feuilletons. Man erinnere sich: Anfangs wurde die damals erst 17-jährige Berliner Autorin zur Sensation des deutschen Literaturbetriebs erklärt. Ihre Geschichte der Jugendlichen Mifti, die mit ihren Halbgeschwistern in einer Berliner WG wohnt und lieber Drogen nimmt, Partys besucht und eine Affäre mit einer wesentlich älteren Frau eingeht, als zur Schule zu gehen, wurde ob einer authentischen Schreibweise hochgelobt. Dann kam heraus, dass sie dabei ohne Quellenangaben aus anderen Werken zitiert hatte, und es folgten Plagiatsvorwürfe. Das Buch wurde zum Skandalroman gelabelt, und viel öfter als der Inhalt des Buches wurde die Frage diskutiert: Ist das Intertextualität oder Abschreiben? Man hätte meinen können, Hegemann wäre ganz froh, dass mittlerweile Gras über die Sache gewachsen ist. Doch es kam anders: Vor Kurzem hat sie ihren Roman verfilmt, dabei ein neues Drehbuch basierend auf der Vorlage geschrieben und selbst Regie geführt. „Axolotl Overkill“ heißt der Film jetzt, seine Weltpremiere feierte er beim renommierten Sundance Film Festival in Utah.

Es ist nicht Hegemanns erster Film: Bereits 2008 drehte sie das Drama „Torpedo“. Zudem arbeitet sie immer wieder an anderen Projekten, etwa auch fürs Theater. Und sie schrieb weiter – ihr zweites Buch aus dem Jahr 2013 hieß „Jage zwei Tiger“, gerade schreibt sie an einem dritten. Anlässlich des Filmstarts von „Axolotl Overkill“ hat das „Schaufenster“ Hegemann in ihrer Heimatstadt, Berlin, getroffen und mit ihr über Nachwirkungen der Kontroverse um ihr Debüt gesprochen, den Vorzug vom Filmemachen gegenüber dem Schreiben, das Leben in Berlin, und warum sie das Zitieren anderer noch immer nicht gelassen hat.

 

Ihr neuer Film sei die Aufarbeitung eines Traumas: Das haben Sie in Bezug auf die Kontroverse um Ihr Romandebüt, auf dem Ihr Film basiert, gesagt. Wie stehen Sie heute zu den alten Vorwürfen?
Das war eher ein Scherz. Aber wahrscheinlich stimmt es. Ich mache mir aber keine Gedanken mehr, weil man sich ja irgendwann damit abfindet. Das Traurige daran war, dass es nicht um eine konkrete Debatte ging, die etwas mit einem selbst zu tun hatte, sondern es war eine Art Selbstläufer, bei dem es inhaltlich nicht mehr um das ging, um das es eigentlich hätte gehen sollen.


Stimmt es, dass Sie „Axolotl Roadkill“ verfilmt haben, weil Sie nicht wollten, dass es wer anderer macht? Kamen viele Angebote?
Ja, das stimmt. Es wurde ja überraschenderweise ein Bestseller, womit ich nicht gerechnet hatte. Ich dachte, man muss es nischenmäßig verorten, in einem experimentellen Bereich. Aber weil es auf einer Bestsellerliste stand, kamen viele Anfragen, bei denen es aber nie um große Passion ging, sondern darum, dass man einfach Rechte kauft. Das hat mich einserseits gestört, andererseits dachte ich: egal, meistbietend versteigern. Ich hatte aber eben immer das Gefühl, dass die Rezeption des Buches fehlgeschlagen ist, weil es falsch verkauft wurde als etwas, das es nicht war. Und auch wenn ich nicht den herkömmlichen Filmschulen-Abschluss habe, komme ich ja eigentlich vom Film, habe damit angefangen. Also dachte ich, ich muss es einfach selbst machen. Irgendwie hielt ich es für meine persönliche Verantwortung: Wenn ich schon die Möglichkeit habe, dann sollte ich es tun, egal, ob es gut wird oder schlecht.

(c) 2017 Constantin Film Verleih GmbH / Lina Grün Teenager. Ein Axolotl wird nicht erwachsen: eine lebende Metapher für Hegemanns Figur Mifti.Teenager. Ein Axolotl wird nicht erwachsen: eine lebende Metapher für Hegemanns Figur Mifti. / Bild: (c) 2017 Constantin Film Verleih GmbH / Lina Grün 

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Sie wollten also jetzt noch etwas zur Rezeption von „Axolotl Roadkill“ hinzufügen, bei der etwas missverstanden wurde?
Einerseits das. Andererseits: Das ist kein leicht verfilmbares Buch. Ich glaube, jemand anderer hätte sich nicht so von der Vorlage befreien können, wie ich es konnte. Und mir war auch wichtig, es zu seinem experimentellen Charakter zurückzuführen, anstatt etwas daraus zu machen, das gut verkäuflich ist.

Das Buch war ja weitgehend im Bewusstseinsstrom der Hauptfigur geschrieben. Trotz des experimentellen Charakters folgen Sie beim Film doch einer stringenten Erzählweise. Warum?
Weil ich glaube, dass einem die Diffusität, die man aus dem Buch herauslesen konnte, in einem Film dann doch irgendwann auf die Nerven geht. Das sind einfach unterschiedliche Medien, unter denen der Transformationsprozess ein bisschen kompliziert war.

Sie mussten sich angeblich anhören, dass Sie alles falsch machen – ein Film habe so nicht zu sein. Warum das?
Ja, tatsächlich. Das war nicht so aggressiv gemeint, wie es klingt. Ich merke oft, dass Leute denken, sie hätten begriffen, wie ein Film funktionieren müsste, und dann enttäuscht sind, dass mein Film nicht so funktioniert wie ein anderer. Dieses Nichtfunktionieren war mir aber nicht wichtig. Mir war eher der Grundzustand eines Teenagers wichtig, diesen Zustand wollte ich unbedingt fühlbar machen. Und es geht um ihren Blick auf Erwachsene: Sie versucht für sich herauszufinden, wie sie einen Bezug zu diesen herstellen kann, ohne dabei verloren zu gehen. Dahinter steckt also mehr ein Konzept, als dass es Fehler sind oder eine schlechte Erzählweise.

Mit 15 haben Sie bereits ein Theaterstück geschrieben, mit 16 den ersten Film gemacht. Dann haben Sie Ihr erstes Buch geschrieben, weil – wie Sie einmal sagten – Filmemachen zu teuer war.
Ja, oder man zu lange warten muss, und das entsprach mir zu dem Zeitpunkt nicht. Einen Film zu machen ist ja ein langwieriger Prozess. Da fiel mir das Schreiben leichter, weil ich eine direktere Ausdrucksform suchte.

Aber Filme zu machen bedeutet Ihnen viel?
Ich würde Literatur und Film nicht miteinander in Konkurrenz setzen wollen. Weder für mich als Konsumentin noch für mich als Macherin. Aber ich bin wahnsinnig froh, dass ich diesen Film machen konnte und dass ich damit unter Umständen auch weitermachen kann. Weil mir das nicht nur Spaß macht, sondern mir auch wirklich wichtig ist.


Was ist für Sie besonders an der Arbeitsweise beim Film?
Wenn du einen Roman schreibst, dann bist du von vorn bis hinten allein dafür verantwortlich. Du kannst alles an deinem Schreibtisch konstruieren und weißt: Das, was du aus dir selbst heraus produzierst, die Ideen, die du hast, das ist das, was dann am Ende gekauft und gelesen wird. Beim Film schreibst du ein Drehbuch und kannst dich darauf verlassen, dass es zehn Departments gibt, die noch einmal etwas anderes daraus machen. Nicht nur wird der Vorlage unter Umständen etwas hinzugefügt – es ist auch so, als würde das Kunstwerk sein Eigenleben entwickeln. Einfach, weil es sich aus so vielen Ideen von verschiedenen Leuten zusammensetzt. Und das finde ich absolut toll, das liebe ich, viel mehr, als allein bis zum Ende im Griff zu haben, was man da macht.

Über das Schreiben haben Sie einmal gesagt, dass Sie es eigentlich gar nicht mögen.
Ich habe es wahnsinnig gerne gemocht, bevor ich damit Geld verdient habe und bevor es mein offizieller Beruf geworden ist. Und ich habe selten etwas anderes getan, als zu schreiben. Sobald du aber weißt, du musst einen Standard aufrechterhalten, und du bist gezwungen, dich weiterzuentwickeln, du musst funktionieren, weil es einfach dein Beruf ist und nichts mehr, was du nachts manisch machst, weil es dir so großen Spaß macht, führt es zu Blockierungen und dazu, dass es ein bisschen qualvoll wird. Weil es verwoben ist mit der Existenz, so, dass man damit seine Miete bezahlen kann. Das nervt ein bisschen.

(c) 2017 Constantin Film Verleih GmbH / Mathias Bothor Team. Hegemann und ihre Hauptdarstellerinnen beim Film: Arly Jover, Jasna Fritzi Bauer, Mavie Hörbiger (v. l.).Team. Hegemann und ihre Hauptdarstellerinnen beim Film: Arly Jover, Jasna Fritzi Bauer, Mavie Hörbiger (v. l.). / Bild: (c) 2017 Constantin Film Verleih GmbH / Mathias Bothor 

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Probieren Sie vielleicht deshalb, immer wieder Neues zu machen?
Ja, wahrscheinlich! Das ist das sogenannte Anfängerglück. Solange man nicht sehr über das nachdenkt, was man tut, weil man sich nicht so gut damit auskennt, wird es eigentlich immer besser: weil man so frei ist.


Aber Sie schreiben ja nach wie vor, haben gerade ein Buch in Planung. Sie haben sich in Ihren Büchern bisher sehr mit dem Erwachsenwerden beschäftigt, was schreiben Sie jetzt?
Das Erwachsenwerden findet da auch ein bisschen statt, aber es geht eher um zwei soziale Klassen, die aufeinandertreffen. Es ist eher eine Aufstiegsgeschichte als eine Coming-of-Age-Geschichte.

In Ihrem Film tauchen Sie selbst in einer Szene auf. Haben Sie auch Schauspielambitionen?
Das stimmt, das hätte ich wahrscheinlich besser nicht machen sollen. Nein, im Ernst: Ich habe schon einmal in einem Film, „Deutschland 09“, als ich selbst mitgespielt, in der Episode von Nicolette Krebitz. Ambitionen habe ich aber keine, und ich werde auch nie eine Hauptrolle in einem Melodrama spielen, dazu kann ich es zu schlecht. Aber Cameo-Auftritte mache ich gerne.

Auch die Theaterszene von Berlin hat Sie in Ihrer Arbeit geprägt, und das bereits sehr früh?
Ja, genau. Ich bin mit 14 Jahren nach Berlin gezogen und war dann zum ersten Mal in meinem Leben im Theater. An der Volksbühne, an der mein Vater vorher lange als Dramaturg gearbeitet hatte.

Sie haben damals, kurz nachdem Sie nach Berlin gezogen sind, beschlossen, nicht weiter zur Schule zu gehen. Bereuen Sie das?
Ich bereue es manchmal schon. Gleichzeitig weiß ich, dass ich ein wahnsinniges Glück hatte, in dem Alter schon das zu machen, was ich machen wollte. Anstatt mich mit einem System abzuquälen, das für mich nicht geeignet war, mit dem ich nicht zurechtkam.

Sie arbeiten nach wie vor in Berlin an Ihren Projekten. Wie leben Sie hier? Können Sie sich vorstellen, mal woanders hinzugehen?
Ach, mein Leben ist nicht speziell. Ich habe zwei Hunde, gehe viel spazieren, lese sehr viel, und darauf beschränkt es sich eigentlich. Ich war auch schon einmal weg aus Berlin, also wer weiß. Aber an und für sich kann ich es hier gut aushalten und wüsste im Moment nicht, welche Stadt damit konkurrieren könnte.

Apropos Haustiere: Haben Sie nun auch einen Axolotl? Beim Dreh Ihres Langfilmes waren ja auch einige mexikanische Schwanzlurche, die Titelgeber für Buch und Film, mit dabei.
Ja, die Assistentin des Szenenbildners ist auf die Suche nach Axolotl gegangen und hatte sich darauf eingestellt, Unsummen zahlen zu müssen. Sie hat dann aber auf eBay jemanden gefunden, der mehrere für einen Spottpreis verkaufen wollte. Dort vegetierten 15 Tiere in mit Wasser gefüllten Farbeimern vor sich hin, echt nicht artgerecht. Sie hat alle mitgenommen, um sie zu retten. Am Ende haben mehrere Teammitglieder einen genommen, ich aber nicht.

Das Zitieren anderer Künstler, das die Debatte über Ihr erstes Buch ausgelöst hatte, konnten Sie auch bei Ihrem neuen Film nicht ganz lassen. Sie haben zum Beispiel eine Rede des Dramatikers René Pollesch übernommen. Hat Sie seine Arbeit beeinflusst?
Er ist ein Bekannter, und ich mag seine Arbeit sehr gerne. Mich hat beeinflusst, wie er eine diskursive Ebene ins Theater reinbekommen hat, die lustig ist, aber gleichzeitig intellektuell, und tief geht, ohne dass es anstrengend ist. Das habe ich schon ganz früh toll gefunden. Ich fand seine Rede gut und wollte unbedingt, dass sie gesagt wird.


Haben Sie darüber hinaus Vorbilder?
Jim Jarmuschs Film „Permanent Vacation“, in dem die Figuren beobachtend durch die Stadt treiben, hat mich in Bezug auf meinen eigenen Film sehr beeinflusst. Und ich bin ein großer Fan des amerikanischen Regisseurs John Cassavetes.

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