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Kreisky im Theater: Schimpfen & Spielen

13.10.2017 | 10:22 |  von Katrin Nussmayr (Die Presse - Schaufenster)

Mit dem Stück „Viel gut essen“ von Sibylle Berg wagt sich die Männerband Kreisky erstmals ans Theater. Von Wut, Grant und Erdbeerschnitten.

Bild: (c) Katsey 

Zum Thema „Viel gut essen“, betrachtet man es streng wörtlich, haben Sibylle Berg und Franz Adrian Wenzl ja keine besondere Verbindung. „Ich habe immer gern ein bisschen Hunger, das motiviert die Zellen“, sagt die Schriftstellerin. Wenzl, als Sänger der Band Kreisky und solo auch als Kunstfigur Austrofred bekannt, ist, wenn es um Völlerei geht, selektiv: „Ich bin zurzeit ein Schokotiger.“

„Viel gut essen“ heißt Bergs Stück, das unter ihrer Regie am 17. Oktober im Wiener Rabenhoftheater Premiere hat. Ein wertkonservativer Typ erzählt darin, während er ein irrwitziges Menü zubereitet – Taubenmousse mit Kardamom und Tomatenparfait – von seinem Leben, davon, dass er alles verloren hat, Job, Frau, Wohnung, und steigert sich vom wütenden Lästern über die Zumutungen seiner Welt – die Gentrifizierung etwa, Hipster oder eine Brüsseler Fahrradhelmlobby – in eine radikale Hasstirade hinein. Kreisky liefern im Stück die Musik und geben einen Herrenchor, Frontmann Wenzl gibt als Hauptdarsteller sein Schauspieldebüt.

Rollen im Überfluss: Kreisky im Theater

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Haben Sie mit dem Stück gleich etwas anfangen können?
Franz Adrian Wenzl: Das Stück passt in seiner Erzählhaltung perfekt zur Kreisky-Erzählhaltung. Der schimpfende Mensch, also eigentlich ein Wutbürger, funktioniert als Figur in Popsongs super. Aber der Wutbürger von vor zehn Jahren war ja noch einer, der an der Kasse gestanden ist und „Frechheit, die Zwiebeln sind zu teuer“ geschrien hat. Mittlerweile ist aus diesem lustigen Querulanten ein politischer Wutbürger geworden, ja eine Volksbewegung. Diese Entwicklung lässt sich aber schlecht in Popsongs übertragen. Dieses Stück treibt unsere Erzählung weiter – da bin ich dankbar, das aufnehmen zu dürfen.


Hat Sie überrascht, dass aus einzelnen Wutbürgern eine Bewegung geworden ist?
Sibylle Berg: Diese Menschen, denen die Welt zu schnell geworden ist oder denen die Globalisierung den Hals abdrückt, waren schon immer da. Man wusste nur nicht, wie es sich äußern würde. Mit dem Aufkommen von pöbelnden Führerfiguren wurde ein Deckel geöffnet: „Endlich können wir unsere Unzufriedenheit rausschreien!“ Es sind vornehmlich frustrierte Männer, die sich da gefunden haben. Diese Männerbewegung ist vielleicht auch eine Antwort auf den Feminismus: Auf einmal haben Frauen was zu sagen, auf einmal können die allein ohne Leine auf der Straße laufen – um Gottes willen!


Kann das jedem Mann passieren?
Berg: Jedem, der nicht zum Nachdenken neigt. Bei den meisten setzt das mit Mitte vierzig ein: „Ich werde alt und ich werde sterben.“ Das ist eine große Demütigung, daran ist die Natur schuld, nicht die Ausländer oder „die Eliten“. Aber ihnen die Schuld zu geben, ist einfacher, als zu sagen: „Ich werde verschwinden, aber die Welt wird sich weiterdrehen.“

(c) Rabenhof / Ingo Pertramer Tiraden. Die Schriftstellerin Sibylle Berg muss sich zum Schreiben in einen wütenden Zustand versetzen.Tiraden. Die Schriftstellerin Sibylle Berg muss sich zum Schreiben in einen wütenden Zustand versetzen. / Bild: (c) Rabenhof / Ingo Pertramer 

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Ist Kreisky als Männerband, deren Mitglieder auch in dieses Alter kommen, dann denn auch gefährdet?
Wenzl: Es ist tatsächlich ein Reiz für uns, dass es im Stück um Teile von uns selbst geht. Klar, wir sind eine Hetero-Männer-Band, die jedes Wochenende aus der Familie austritt, um dann entlang der A1 irgendeinen Liveclub zu bespielen, ein paar Biere zu trinken und dann eh um zwei ins Bett zu gehen, weil man es nicht länger aushält. Aber die Problematik, um die es im Stück geht, ist, dass Ziele, auf die man sein Leben ausgerichtet hat, nicht mehr zu zählen scheinen. Wenn man auf ein Haus gespart hat und dann kommt plötzlich die Sharing Economy und sagt: „Es ist doch viel besser, wenn man kein Haus hat“ – dann ist das schlimm. Aber unser Gefühl, okaye Menschen zu sein, basiert nicht auf so etwas. Sondern darauf, auf einer Bühne stehen zu können oder ganz kindlich ein Stück zu erarbeiten. Das finde ich schon sehr angenehm. Deshalb sind wir da vielleicht nicht so anfällig wie andere.


Ist Wut ein guter künstlerischer Antrieb?
Berg: Absolut! Eigentlich bin ich eher gut gelaunt und phlegmatisch. Ich muss mich in diesen Zustand bringen, in dem die Ohren rot werden. Ein bisschen die Weltlage studieren – dann fetzt die Wut. Ich habe einmal versucht, ein freundliches Buch zu schreiben („Der Tag, an dem meine Frau einen Mann fand“, Anm. d. Red.), und es ist mein blödestes, finde ich. Das nächste wird wieder richtig schlecht gelaunt.
Wenzl: Ich bin vergleichsweise ausgeglichen. Beim Schreiben hab ich keine Wut. Auf der Bühne schon. Daraus kommt die Energie. Meine besten Wutanfälle hatte ich mit der Band. Ich kann mich erinnern an Erdbeerschnitten, die an der Wand geklebt sind.


Wenn wir schon bei Kulinarischem sind: Haben Sie das Menü, das Ihre Figur im Stücktext kocht, auch selbst probiert?
Berg: Ich hasse Kochen. Kochen beelendet mich, so wie Tennisspielen und Radfahren. Diese Sachen stimmen nicht mit meinem Bewegungsapparat überein.
Wenzl: Tennisspielen stell ich mir eigentlich ganz schick vor.
Berg: Oh, da kriegt man ganz schlechte Laune!


Als schlecht gelaunte, grantige Band gilt Kreisky, Sibylle Berg als fiese, ja böse Autorin . . .

Berg: Früher hat mich das wahnsinnig aufgeregt. Dass ich etwas geschrieben habe und dann gefragt wurde: „Warum denn so pessimistisch?“ Und dann hat die Zeit alles überholt. Ich war immer ein bisschen zu früh dran, was frustrierend ist: Denn dann kommen die Nachahmer, die sind „on spot“ und schöpfen die Kohle ab. Und ich hab die Prügel bekommen. Ich fand gar nie böse, was ich geschrieben habe, sondern realistisch – oder nicht einmal das, weil die Menschen noch viel fieser sind, als ich es mir ausdenken kann. Früher wollte ich die Welt retten und fand Menschen toll. Das hat sich geändert.

(c) Katsey Restaurant Bristol Lounge – All-Day-Dining: Das traditionsreiche Hotel Bristol gegenüber der Staatsoper beherbergt einen Schatz, wenn es um Wiener Leibgerichte, internationale Klassiker oder vegane Trends geht. Tipp: Ab 3. November, jeden Freitag bis Sonntag von 15 bis 17 Uhr, ist in der Bristol Lounge „Tea Time“.Restaurant Bristol Lounge – All-Day-Dining: Das traditionsreiche Hotel Bristol gegenüber der Staatsoper beherbergt einen Schatz, wenn es um Wiener Leibgerichte, internationale Klassiker oder vegane Trends geht. Tipp: Ab 3. November, jeden Freitag bis Sonntag von 15 bis 17 Uhr, ist in der Bristol Lounge „Tea Time“. / Bild: (c) Katsey 

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Haben Sie den Glauben an das Gute im Menschen verloren?
Berg: Bei den Menschen in meinem näheren Umfeld bin ich geneigt, an deren Niedlichkeit und Sauberkeit zu glauben. Aber es scheint, als gäbe es wirklich unglaublich viele verdorbene Leute. Dieser Honk, der in Las Vegas rumgeballert hat – das ist widerwärtig. Ich glaube, viele Menschen sind fies, einfach, weil sie es können. Davon ging ich früher nicht aus. Früher dachte ich, sie sind Opfer, aber das ist schon selbstgewähltes Schicksal.
Wenzl: Vor Kurzem hab ich mir ein neues Auto kaufen müssen und bin extra in ein großes Autohaus gegangen. Viele haben gesagt: Schau doch im Internet, kauf es doch privat, dann zahlst du nicht den Händler! Ich hab gesagt: Ich zahle viel lieber den Händler, als irgendjemanden, der mir etwas andrehen will. Und wenn man mal selbst ein Auto verkauft, bekommt man Ratschläge von seinen Freunden, die sich alle darum drehen, wie man irgendeinen Fehler übertünchen kann. Ein Grundbedürfnis, sich einen eigenen Vorteil rauszuholen, das hat schon jeder in irgendeiner Form.
Berg: Ich komm mir manchmal wie ein Depp vor – ich komme auf so etwas nicht! Sonst wäre das Theater hier vielleicht schon meins.

An dieser Stelle verlieren sich Berg und Wenzl in Ideen, was sie als Theaterbesitzer alles machen könnten, scherzen über Weihnachtsspecials und Silvestergalas. „Die Liebe war sofort da“, hat Berg zuvor über Kreisky gesagt, deren Musik sie schon vor der Zusammenarbeit gekannt hatte. Auch Wenzl hatte einen Berg-Roman gelesen – leider ausgerechnet den „freundlichen“. Ihre Texte für die Liedeinlagen in „Viel gut essen“ zu vertonen, sei ihm leicht gefallen, erzählt er: „Die Haltung, das Tiradenhafte, der Humor sind mir sehr entgegengekommen.“

Aussagen, die im Stück vorkommen, sind in verwandter Form übrigens auch in Kreisky-Liedern schon gefallen. „Der Mensch ist nicht für Orte außerhalb seiner Wohnung gemacht“, heißt es im Stück. Und Kreisky singen in einem ihrer Songs: „Der Mensch gehört nicht in die Wildnis, das ist wider die Natur. Der Mensch gehört in eine Wohnung, auf eine Sofagarnitur.“ Haben sich hier im Rabenhof gar zwei künstlerische Seelenverwandte gefunden? Die beiden lachen. „Schatz, wir haben so viele Jahre vergeudet!“, sagt Berg. Und Wenzl antwortet: „Die besten Jahre kommen erst!“

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