Artikel drucken Artikel versenden Artikel kommentieren

Kinderliteratur: Poesie mit Gebrüll

12.12.2017 | 15:12 |  von Norbert Philipp (Die Presse - Schaufenster)

Mit neuen Tönen lassen Autoren die Kinderliteratur wieder „klingen“. Und streuen neue Magie in die Welt des Vorlesens und Zuhörens.

Die Welt anbrüllen. „Kein Problem, sagt ­Papa Eisbär“ von Henning Callsen. / Bild: (c) Beigestellt 

Spätestens dann ist es Zeit, sich an den Schreibtisch zu setzen und sich die nächsten drei Wochen nicht allzu viel vorzunehmen: „Wenn die Protagonisten der Geschichte im Kopf allmählich beginnen, miteinander zu reden“, sagt Henning Callsen. Wenn die Geschichte „herauswill“, dann sollte man sie auch tunlichst lassen. Und in Callsens Kopf haben Eisbären, Pinguine, Walrosse und Papageientaucher schon recht angeregt miteinander geplaudert. Die Notizbücher waren ohnehin schon vollgekritzelt mit Stichwörtern. Die Reise konnte losgehen. Für Callsen als Autor. Und für alle Vorleser und Zuhörer, die wissen wollen, wie das endet, was mit einem „Groooooarrrrr“, mit Gebrüll, beginnt. Obwohl Callsens erstes Kinderbuch doch auch vom Singen handelt. Und im Metatext davon, wie Kinderliteratur Geschichten mit einer neuen Tonalität wieder zum Singen bringen kann.

Präzise setzt Callsen die Buchstaben, fast so, als suchten sie ihre Position auf einem Notenblatt. Denn irgendwie ist der Autor auch Tonsetzer. So wie Bücher „klingen“ müssen, bestimmen die Worte die Melodie: jene Inhaltsträger, an denen der Autor schraubt, feilt, bastelt oder – wie er selbst sagt – „drechselt“. „Manchmal sind es nur einzelne Buchstaben, die ein Wort schon verunstalten können“, meint Callsen, „im Grunde ist ja das ganze Schreiben eine Form von Singen. Jede Geschichte hat ihren Rhythmus, hebt an, schwillt ab, eben wie Gesang.“ Und zu diesem Klang lässt Callsen gern die Wörter tanzen, durch die Luft vornehmlich: von den Artikulationsorganen des Vorlesers in die Ohren des Kindes. Da schwingt gern mehr mit als Schall und Inhalt, der Papa Eisbär vom Nordpol bis zum Südpol und wieder zurück führt. Die Wörter bauen dabei auch Brücken, auf der Beziehungsebene, vom Vorleser zum Zuhörer. Denn: „Ein Vorlesebuch muss auch dem Vorleser gefallen“, sagt Callsen. Ein Vorlesebuch ist schließlich eines, das man teilt. „Das Vorlesen ist eine Gemeinschaftssituation. Und der Autor schickt die Gemeinschaft auf ein gemeinsames Abenteuer, das immer wieder überraschende Wendungen nimmt.“ Es sei eine Anregung zum Austausch: „Eine Einladung zum Dialog zwischen Eltern oder Großeltern und Kindern. Ein Instrument, über das man Welterfahrungen austauschen kann. Und gleichzeitig ein Mittel, über das Generationen ins Gespräch kommen.“

(c) Beigestellt „Kein Problem, sagt Papa Eisbär“. Von Henning Callsen, Illustrationen von Sabine Wilharm. Erschienen im Hanser-Verlag, hanser-literaturverlag.at„Kein Problem, sagt Papa Eisbär“. Von Henning Callsen, Illustrationen von Sabine Wilharm. Erschienen im Hanser-Verlag, hanser-literaturverlag.at / Bild: (c) Beigestellt 

+ Bild vergrößern

Und noch einmal. Die Sprache dabei, sie dürfe durchaus auch etwas Beschwörerisches haben. Wenn das Vorlesen wiederkehren darf, als Ritual jeden Tag und jeden Abend. Dann dürfen sich gern auch die Wörter wiederholen. Schließlich ist das Repetitive ein Grundpfeiler in der Wohlfühlarchitektur des Kinderalltags. Und stilistisch ein Element, das klingende Sätze zu Ohrwürmern macht. Auch deshalb haben Bücher wie „Mio, mein Mio“ von Astrid Lindgren den Autor Henning Callsen schon immer begeistert. Genauso wie die Klarheit und Rhythmik der Sprache eines Heinrich von Kleist, Friedrich Schiller oder der Gebrüder Grimm. Auch Roald Dahl, meint Callsen, könne er viel abgewinnen. Vor allem in der „Normalität des Absurden“. Ein Gestus, der systematisch wie von Eiszapfen in die Polarwelt von Papa Eisbär, Sohn Pelle und Pinguin-Freundin Pinguine eintropft. „Die Welt ist für Kinder immer eine magische“, sagt Callsen. So paddeln Eisbär und Konsorten nicht nur durch den Pazifik, sondern auch entlang einer feinen Linie zwischen „wahr“ und „fantastisch, wenn’s so wirklich wär“. Eine Grenze, die man gern überschwimmt, ohne sie wahrzunehmen. Dann darf Papa Eisbär auf dem Weg zurück zum Nordpol auch mal steckenbleiben. Dick genug ist Papa Eisbär ja. Und die Beringstraße etwa, die schien dem Autor gerade eng genug, um die Geschichte noch mal dramaturgisch zu verdichten. Was Fantasie und Wirklichkeit ist, das muss der Vorleser in Callsens Welt nicht unbedingt auseinanderdividieren.

So wie die Entstehung eines Kinderbuchs ihre Phasen hat, so hat es auch das Werden eines Kinderbuchautors. Als Werbetexter war die Silbe seit jeher eine Einheit, mit der sich Callsen herumschlug. Früher legte er auch Werbesprechern seine „gedrechselten“ Wörter in den Mund. Heute sind es weise Walrosse, die so reden, wie Callsen sie reden lässt. Die texterischen Fertigkeiten, das stilistische Einfühlungsvermögen, die Lust am Schleifen, Feilen und Wiederschleifen, das alles hatte Callsen als Texter längst kultiviert. Und doch: „Ich habe mir das Schreiben neu aneignen müssen.“ Bevor er sein eigenes Abenteuer „Kinderbuchautor“ begonnen hat, hatte er schon sein geistiges Briefing an sich selbst notiert: „Einen neuen Tonfall in die Kinderliteratur bringen.“

(c) Beigestellt Die Liebe. Poesie ist Kindern zumutbar: „Pepe und Lolo“. Die Liebe. Poesie ist Kindern zumutbar: „Pepe und Lolo“. / Bild: (c) Beigestellt 

+ Bild vergrößern

Welt der Schubladen. „Kinderliteratur hat für mich denselben Stellenwert wie jede Form der Literatur“, sagt Autorin Elisabeth Steinkellner. „Es ist lediglich die Entscheidung, für eine andere Altersgruppe zu schreiben.“ Doch eigentlich sei das Alter ohnehin nur ein Etikett, das man auf Literatur klebe, weil man sie – wie Bücher ins Regal – irgendwo einordnen will. Die Verlagsbranche und die Buchgeschäfte haben dafür gleich einen ganzen Apothekerschrank an Schubladen, Genres und Zielgruppen aufgestellt. „Dabei kann ein gutes Kinderbuch auch für einen Erwachsenen ein Genuss sein“, sagt Steinkellner. Doch leider: Oft werde die Beifügung „Kinder-“, vor allem, wenn sie vor „Literatur“ steht, als Qualitätsmerkmal verstanden. Eines, das „Hochwertiges“ von „Minderwertigem“ trennt. „Dabei leistet ein gutes Kinderbuch dasselbe: Es zeigt neue Perspektiven, bringt emotionale und geistige Bewegung.“ Doch nur wenige Erwachsene würden etwa zur „Jugendliteratur“ greifen. Lieber an die Ordnung halten, die irgendjemand für die Welt der Bücher vorgesehen hat.

Auch ihre Ideen, Gedanken und Geschichten presst Elisabeth Steinkellner nicht so gern durch Schablonen zwischen die Buchdeckel. „Das Wichtigste ist, dass eine Figur im Buch nicht als Klischee entsteht, sondern als Individuum kreiert wird.“ Und dann darf aus den Buchdeckeln heraus sogar so etwas wie Poesie ins Kinderzimmer sprühen. Oder die Vorlesesituation auch leicht magisch aufladen. „Ich finde, dass man den Kindern gerade in der Illustration sehr wohl viel zumuten kann an künstlerischem Ausdruck. Es darf natürlich auch mal lieblich-süß sein, ja. Aber schade wäre es, wenn Kinder nur mit lieblich-süßen Illustrationen aufwachsen.“ Steinkellner bringt, auch gemeinsam mit dem Illustrator und Autor Michael Roher, einen Gestus ins Kinderzimmer ein, dem man zwischen all den Eulen mit Beulen und Feuerwehrautos mit großen Augen gar keinen Platz mehr zugetraut hätte.

(c) Beigestellt „Pepe und Lolo“. Von Elisabeth Steinkellner, ­Illus­trationen von ­Michael ­Roher. ­Erschienen im Picus-Verlag, ab drei Jahren, www.picus.at„Pepe und Lolo“. Von Elisabeth Steinkellner, ­Illus­trationen von ­Michael ­Roher. ­Erschienen im Picus-Verlag, ab drei Jahren, www.picus.at / Bild: (c) Beigestellt 

+ Bild vergrößern

Genauso wenig wie den Themen, die tiefer gehen als „Weißer Hase mit lustigem Namen geht schlafen“, vor denen sich Steinkellner auch nicht scheut. Als ob die Welt für Kinder nicht schon magisch genug wäre, darf es dann auch mal „die Liebe“ sein, wie in dem Buch „Pepe und Lolo“ etwa, erschienen im Picus-Verlag. Oder auch mal fast noch unverständlichere Zustände im Leben: wie Demenz, verhandelt im Buch „Die neue Omi“. „In guten Büchern steckt so viel, dass Kinder immer Punkte und Aspekte finden, wo sie andocken können“, sagt Steinkellner. Entscheidend sei der Gestus: „Wie man für Kinder schreibt, hat damit zu tun, wie man Kinder sieht. Wenn man glaubt, dass man als Erwachsener dem Kind die Welt erklären muss, dann wird der Tonfall auch ein belehrender.“

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Artikel drucken Artikel versenden Artikel kommentieren Facebook Twitter Pinterest
Meistgelesen
    Als Gast kommentieren

    ...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

    *... Pflichtfelder

    Sicherheitscode

    >>>
    Schwer lesbar? Neuen Code generieren

    Verbleibende Zeichen

    Lesen Sie mehr