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Bruno Gironcoli: Wie Wasserdunst an kaltem Glas

25.01.2018 | 09:20 |  von Johanna Hofleitner (Die Presse - Schaufenster)

Das Mumok widmet Bruno Gironcoli eine Retrospektive. Sein Freund Loys Egg erinnert sich an die „wunderbare Maßlosigkeit“ des Bildhauers.

Freiraum. Das Atelier Gironcolis, fotografiert von Loys Egg. / Bild: (c) Loys Egg 

Bruno Gironcoli (1936–2010) ist seit den 1970ern eine Galionsfigur der österreichischen Kunstgeschichte und war als Lehrer eine Referenzfigur für Generationen jüngerer Künstlerinnen und Künstler. Von 1977 bis 2004 leitete er an der Wiener Akademie der bildenden Künste die Bildhauerschule in der Nachfolge Fritz Wotrubas. Seine Berufung leitete nicht nur einen Generationenwechsel ein. Sein Unterricht, der den Studierenden viele Freiheiten ließ, trug auch entscheidend zu einer Neuorientierung des Begriffs „Bildhauerei“ in Richtung Gegenwartskunst bei. Der wohl prominenteste Student der ersten Stunde war Franz West, der nach Jahren des autodidaktischen Kunstschaffens von 1977 bis 1982 bei Bruno Gironcoli studierte.

Neue Freiheit. Am Rande des grünen Praters in der Böcklinstraße gelegen, bot das vom Otto-Wagner-Schüler Friedrich Ohmann geplante Atelierhaus der Akademie mit seinen hohen lichtdurchfluteten Räumen nicht nur für die Belange des Unterrichts ideale Voraussetzungen. Das großzügige Raumangebot samt Garten und angeschlossener Beamtenwohnung eröffnete Gironcoli, der zuvor mit einem Kelleratelier im achten Bezirk das Auslangen finden musste, auch für seine eigene künstlerische Arbeit ungeahnte Möglichkeiten. Hatte er bis dahin, anfangs unter dem Eindruck der Begegnung mit Alberto Giacometti, Drahtskulpturen und kompakte Gussarbeiten im menschlichen Maßstab hergestellt, entwickelte sich seine Kunst nun kontinuierlich in Richtung monumental-visionärer Großplastiken aus Polyester oder Aluminium, die er in metallischen Farben bemalte: golden, silber-, kupferfarben. Alte und neue Formen, die stets aus einer „veristischen“ (Gironcoli) Haltung heraus entstanden, werden nun modulartig kombiniert, multipliziert und verdichtet und rufen so Assoziationen zu futuristischen Maschinen, künstlichen Wesen, Altären oder Mischformen davon hervor. Ab nun wird die Skulptur schließlich auch zu dem Metier, mit dem Bruno Gironcolis Werk hauptsächlich assoziiert wird. Mit seinem Beitrag für den Österreich-Pavillon bei der Kunstbiennale von Venedig 2003 manifestierte er diese Einordnung.

(c) Katalog XI. Bienal de Sao Paulo Begehrt. Unbekannte Aufnahmen des jungen Gironcoli aus 1971. Begehrt. Unbekannte Aufnahmen des jungen Gironcoli aus 1971. / Bild: (c) Katalog XI. Bienal de Sao Paulo 

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Parallel entstand allerdings ein nicht weniger bedeutendes Œuvre auf Papier: Zeichnungen und Grafiken vor allem, von denen manche mächtig wie gemalte Bilder daherkommen. Gironcoli selbst beschrieb sie als „im Raum ausgebreitete Flächen von Überlegungen“. Vom Kunstbetrieb wurden sie mit Verzögerung wahrgenommen und eher als Nebenprodukte erachtet. Jetzt, acht Jahre nach Gironcolis Tod, stellt sie das Mumok unter dem Titel „In der Arbeit schüchtern bleiben“ erstmals dezidiert ins Zentrum einer Museumspersonale, die den konzeptuellen Stellenwert dieser Arbeiten aufzeigen will: „In der Konfrontation von grafischem und plastischem Werk wird augenscheinlich, dass Gironcoli seine Konzeption von Bildhauerei – von Dinglichkeit und Materialität – entscheidend auf Papier verhandelte“, so Ausstellungskuratorin Manuela Ammer. „Auf Papier treibt der Künstler seine räumlichen Ideen in Dimensionen, die über die Arbeit am konkreten Material weit hinausgehen.“

Nahaufnahme. Einer, der Gironcolis Treiben fast von Beginn an aus großer Nähe beobachtete, ist Loys Egg. Der in Tirol aufgewachsene Künstler und, mit Peter Weibel, Mitbegründer der legendären Wiener Künstlerband „Hotel Morphila Orchester“ unterrichtete von 1972 bis 1984 an der Hochschule für angewandte Kunst. Seine über Jahrzehnte entstandenen, laut Eigendefinition „amateurhaften“ Aufnahmen von Gironcolis diversen Ateliers sind als Bildessay Teil des Ausstellungskatalogs. In ihrer atmosphärischen Kraft geben sie ein ebenso persönliches wie wertvolles Zeugnis für die verdichtende Arbeitsweise Gironcolis.

(c) Gerhard Roth Freunde. Loys Egg und Bruno Gironcoli 2004 im Atelier Böcklinstraße.Freunde. Loys Egg und Bruno Gironcoli 2004 im Atelier Böcklinstraße. / Bild: (c) Gerhard Roth 

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Die bis in die 1970er-Jahre zurückreichende Freundschaft zwischen den beiden Künstlern war geprägt von zahllosen Besuchen und Gesprächen. Man sprach über die Kunst, Giacometti, Beuys, das Sockelproblem, Literatur, Beckett, Strindberg, Musik, die Doors, Black Sabbath, das Hotel Morphila Orchester und hörte manchmal auch einfach nur Radio. „Bruno hatte eine eigene, sehr spezielle Art, Sätze zu bauen und zu formulieren“, erinnert sich Loys Egg. Faszination übte auf den um zehn Jahre Jüngeren auch Gironcolis Eigenwilligkeit aus – dass er etwa „seinen Jeep innen komplett mit braunem Lack“ ausgemalt hatte. Dass er Möbel entwarf und Kästen sammelte, die er innen bei Bedarf bunt ausmalte, weil sie ihn mehr als Skulpturen denn als Möbel interessierten. Dass er Ähnliches mit manchen der afrikanischen Masken und Figuren, die er leidenschaftlich sammelte, tat.

Und dann war da schließlich noch Gironcolis Auftreten. „Er war einer der schönsten und begehrtesten Männer von Wien und fantastisch angezogen. Wenn Künstlerkollegen Alpakawesten und Maßschuhe trugen, hatte er Schuhe aus Schlangenleder, trug Lederjacken und Anzüge aus indischer Seide“, erinnert sich Egg und zeigt auf eine Fotografie im Katalog zur São-Paulo-Biennale 1971, einer der ersten internationalen Auftritte Gironcolis. Er erzählt von Gironcolis „Kompromisslosigkeit und seiner wunderbaren Maßlosigkeit – in allem“ –, etwa den rund 400 Afrika-Skulpturen, die im Atelier im friedlichen Einvernehmen mit unzähligen Rex- und Einweckgläsern voll selbst eingekochter Früchte herumstanden; von Gironcolis ausgeprägter Kochleidenschaft. „Bruno, das war mehr als eine Freundschaft, es war schon so etwas wie eine Beziehung“, sagt er. Die Stimme wird leiser. „Baba Schatzi“ hatte Gironcoli beim allerletzten Besuch im Krankenhaus zu ihm gesagt. „Er fehlt mir.“

Tipp

Die Retrospektive „Bruno Gironcoli: In der Arbeit schüchtern bleiben“ im Mumok setzt Gironcolis Papierarbeiten aus den Sechziger- bis zu den Neunzigerjahren in Dialog mit herausragenden Skulpturen und Installationen. 3. 2. bis 27. 5., www.mumok.at

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