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Yael Ronen: Schöne Seelen

05.02.2018 | 09:06 |  von Magdalena Mayer (Die Presse - Schaufenster)

Yael Ronen über ihre neue Inszenierung, Spontaneität und ihren humorvollen Blick auf die Welt.

Wie geht es weiter? Yael Ronen und ihr Ensemble haben fürs Volkstheater die Fortsetzung von „Lost and Found“ entwickelt. / Bild: (c) Carolina Frank 

Die israelische Theatermacherin Yael Ronen nimmt sich bei ihren Stücken humorvoll ernster Themen an. Am Berliner Maxim-Gorki-Theater ist sie Hausregisseurin, nun inszeniert sie wieder am Volkstheater: Die Fortsetzung ihrer mit dem Nestroy-Autorenpreis prämierten Komödie „Lost and Found“ beschäftigt sich mit Gutmenschen.

Sie kommen direkt von den Proben für Ihr neues Stück am Volkstheater. Woran arbeiten Sie und Ihr Ensemble gerade?
Wir haben ungefähr vor einem Monat mit dem Proben angefangen und sind noch immer dabei, das Stück gemeinsam zu entwickeln. Die Schauspieler improvisieren, dann schreibe ich die Szenen und lese sie. Die letzte Szene wird wohl wieder am Tag vor der Premiere entstehen. Wenn bis dahin etwas Interessantes passiert, wird es wahrscheinlich auch noch seinen Weg ins Stück finden. Es ist alles sehr spontan. Zum Beispiel haben wir an einem Punkt entschieden, dass einer der Charaktere einen Freund braucht, und fanden, dass sich der Regieassistent perfekt für diese Rolle eignen würde. Plötzlich fand dieser sich auf der Bühne wieder.

Bei allen neueren Werken entwickeln Sie den Text gemeinsam mit dem Ensemble. Warum diese Arbeitsweise?
Dieser Prozess ist für mich der kreativste, sozialste, bereicherndste.

Das neue Stück soll die Fortsetzung Ihrer Komödie „Lost and Found“ aus 2015 sein. Wie kam diese Idee?
Anfangs sollte es um das „postfaktische“ Zeitalter gehen. Aber als ich die Schauspieler traf, kamen Sie mit der Idee, einen zweiten Teil der letzten Produktion zu machen. Das hatte folgenden Hintergrund: „Lost and Found“ fokussierte auf die wahre Geschichte von Yousif, einem Flüchtling aus dem Irak und dem Cousin eines Ensemblemitglieds. Unser letztes Stück hat gewissermaßen sehr optimistisch geendet, unter Einfluss der „Willkommenskultur“ hat ihn die Familie überredet, in Österreich zu bleiben. Jetzt, drei Jahre später und nach der Wahl dieser weit rechts stehenden Regierung, hat er einen Brief bekommen, dass sein Asylantrag abgelehnt wurde. Möglicherweise wird er nun abgeschoben. Wir hoffen natürlich alle, dass das nicht passiert.


Können Sie schon etwas vom Inhalt verraten?
Ein bisschen etwas: Das letzte Mal hatte die Hauptdarstellerin Maryam einen Blog, nun wurde ihr von einer großen Firma eine eigene Internet-Realityshow angeboten. Sie hat überall in ihrem Haus Kameras und will starten, als sie diesen Brief an ihren Cousin Yousef findet. Daraufhin kommt die ganze Familie zusammen und sie überlegen, wie sie helfen können – ohne zu wissen, wo Yousef gerade ist. Es wird auch um Beziehungen gehen: Welche Form von Partnerschaft man wählt und was daran politisch ist.

Warum verknüpfen Sie so gerne kleine, persönliche Geschichten mit aktuellen sozialen oder politischen Themen?
Ich finde es schwierig, zwischen Politik und Privatleben zu trennen. Und ich denke es ist schwer, etwas mit den großen Themen anzufangen, wenn man nicht private Geschichten als Brücke hat.

Ihre Arbeit beschäftigt sich oft mit Migration, Sie sind selbst aus Israel emigriert. Wie viel von Ihnen selbst steckt in den Stücken?
In verschiedenen Charakteren stecken immer kleine Teile von mir, es gibt immer Themen, mit denen ich persönlich etwas verbinde.

Ihre neue Inszenierung trug zuerst den Arbeitstitel „fröhliche Apokalypse“, jetzt heißt sie „Gutmenschen“. Was denken Sie über dieses negativ behaftete Wort, warum verwenden Sie es?
Ich war überrascht, dass es im Deutschen denselben Begriff gibt wie im Hebräischen. Die wörtliche Übersetzung des hebräischen Ausdrucks ist „schöne Seelen“ und wird ebenfalls gebraucht, um linksgerichtete, liberale Menschen als naiv und realitätsfern abzuwerten. Ich bin definitiv auch so ein Gutmensch, auf jeden Fall würde ich in Israel der Definition entsprechen. Ich finde es absurd, dass das Kompliment, eine schöne Seele zu haben, zur Degradierung verwendet wird und es ist schmerzvoll, dass sich dieser Trend ausbreitet. Eine der Schauspielerinnen hat den Begriff für das Stück vorgeschlagen, wir haben diskutiert und fanden, es ist ein guter Titel. Unsere Charaktere sind auch Gutmenschen.

Die Jury hat den Nestroy-Preis für „Lost and Found“ unter anderem damit begründet, dass Sie die lustigste Frau im deutschsprachigen Theater seien. Wie wichtig ist Ihnen Humor?
Vorab: Ich finde, dass dieser Satz mehr über deutsches Theater aussagt als über mich. Wenn ich die lustigste Person bin, gibt es hier ein Problem mit dem Humor. Für mich ist Humor ein sehr natürliches und emotionales Mittel der Kommunikation. Er ermöglicht eine breitere, reflektiertere Sichtweise. Um Humor zu haben, braucht man Distanz zu den Dingen, über die man redet. Und er bringt Leute dazu, dir zuzuhören. Mit Humor kann man auf geschickte Weise Ideen vermitteln.

Bewahren Sie auch in negativen Momenten Humor?
Humor hat nichts mit positivem oder negativem Denken zu tun, sondern mit meiner Art, die Welt zu sehen. Er ist mein Ausdrucksmittel und er gibt mir die richtige Perspektive, um mit allem umgehen zu können.


Sie haben unlängst den Europäischen Theaterpreis für „Neue Realitäten im Theater“ bekommen. Versuchen Sie, eine neue Art der Dramatik zu verwirklichen, wie sollte man sie nennen?

Ich bin froh, dass ich meine eigene Arbeit nicht klassifizieren muss. Ich schreibe nicht in Anlehnung an ein bestimmtes Genre, sondern finde einfach die für mich beste Form, um etwas zu verhandeln oder eine Geschichte zu erzählen. Das kann je nach Projekt ganz unterschiedlich sein: Am Maxim-Gorki-Theater arbeite ich anders als bei diesem Stück, in dem es hauptsächlich um fiktionale Charaktere geht.


Sie sagten einmal, Theater sei ein Werkzeug, um das Leben zu meistern. Glauben Sie also an die Kraft des Theaters?
In meinem Leben war es sicher nützlich. Theater kann viel sein: Mittel zur Selbsterkundung, manchmal Heilmittel. Und wenn eine Produktion für mich und die Menschen, mit denen ich arbeite, bedeutungsvoll ist, hat das auch Strahlkraft aufs Publikum.

Tipp

Gutmenschen. Von Yael Ronen & Ensemble. Premiere am 11. 2., Volkstheater.

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