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Kolumen: Ein Spiel

10.03.2017 | 12:58 |  Annemarie und Florian Asamer (Die Presse - Schaufenster)

Zum „Schaufenster“-Geburtstag ein Spiel: Jeder schreibt abwechselnd einen Satz. Einmal beginnt Annemarie, einmal Florian Asamer.

Ausblick. Das Kolumnisten-Duo des „Schaufensters“: Annemarie und Florian Asamer. / Bild: (c) Christine Pichler 

Warum heißt es eigentlich runder Geburtstag, wenn viele Betroffene doch gleich ganz eckig werden? Außer diejenigen natürlich, die an jedem runden Geburtstag runder werden. Vielleicht ist das ja der Unterschied zwischen dem männlichen und dem weiblichen 40. Geburtstag. Lass mich raten: Die Männer werden runder, die Frauen eckiger? Oder beide werden runder, nur dass die Frauen ständig darüber reden und die Männer lieber den Bauch einziehen. Also die Mehrzahl der Männer, die ich so kenne, macht sich kaum die Mühe, den Bauch einzuziehen, geschweige denn, etwas Substanzielles gegen den Bauch zu unternehmen. Dafür sind sie aber, was die Beurteilung des Äußeren von Frauen angeht, weit weniger großzügig. Von Glashausbewusstsein ist da keine Spur. Was sagst du, wenn dich deine Frau zu ihrem Runden fragt, ob sie seit dem letzten Runden eigentlich runder geworden ist? Wir wissen doch beide, dass man auf so eine Frage prinzipiell keine brauchbare Antwort bekommt. Am Geburtstag aber schon überhaupt nicht. Ja, genau, deshalb muss man sich in so einem Fall wahrscheinlich überlegen: Will sie mir mit dieser Frage durch die Blume sagen, dass ich ihr ein Kompliment machen soll, das mindestens so rund ist wie ihr Geburtstag? Ja sicher, und genau in diese Falle darf man niemals tappen. Deshalb sagt man auf die Frage unmittelbar am besten gar nix, aber ein paar Tage später in anderem Kontext dafür umso mehr. Das ist wie mit den Blumen am Valentinstag: Bringt man welche, sitzt man in der Falle. Da hast du recht. Wenn ich am Valentinstag nach 15-jähriger Valentinstagsabstinenz aufgrund zu großer Coolness plötzlich Blumen bekomme, suche ich lieber gleich nach Lippenstiftspuren am Hemdkragen. Womit eigentlich auch wieder klar ist, warum man mit jedem weiteren Runden auch gleich ein bisserl eckiger wird.

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An dem Tag, an dem ich 40 werde, werde ich in der Früh in den Spiegel schauen und zu mir sagen: „Spätestens an deinem nächsten runden Geburtstag würdest du alles dafür geben, noch einmal mit dir heute tauschen zu können.“ Das wäre jedenfalls der Satz, bei dem meine Therapeutin sagen würde: Endlich zeigen meine Bemühungen Wirkung. Oder meine Therapeutin würde sagen, das ist der Gipfel der Rückwärtsgewandtheit und Lebensuntüchtigkeit, sich die eigene Zukunft nur unter dem Aspekt vorzustellen, wie man einmal die Vergangenheit sehen wird. Geht man an seinem runden Geburtstag eigentlich in Therapie, oder lässt man die Stunde da ausfallen? Wahrscheinlich kommt es ganz darauf an, von welchem runden Geburtstag man redet. Bei dem einen runden Geburtstag ist es noch therapiewürdige Lebenslustverweigerung und beim nächsten schon ein gesunder altersangepasster Carpe-diem-Versuch. Wobei ja diese Carpe-diem-Kultur die eigentliche Wurzel allen Übels ist. Der runde Geburtstag nimmt viele vor allem deshalb so mit, weil jeder dir einzureden versucht, was du bis hierher nicht schon alles versäumt hast. Und das Einzige, was man dabei wirklich versäumt, ist die Straßenbahn. Weil man vor lauter Zeiteffizienzierung die drei Minuten, die einem die Verkehrs-App bis zur Abfahrt anzeigt, noch unbedingt für eine Yoga-Übung nutzen will. Wobei es im Speckgürtel keine Straßenbahnen gibt, die man versäumen könnte, dafür Yoga-Studios ohne Ende. Was einen natürlich darüber nachdenken lässt, ob man nicht spätestens zum übernächsten Geburtstag in den Speckgürtel oder darüber hinaus ziehen sollte, weil das scheint der Garant dafür, dass man den überübernächsten vielleicht auch noch erlebt. Oder aber, wenn man bereits im Speckgürtel wohnt, den fixen Vorsatz fasst, bald wieder innerhalb des Gürtels zu wohnen. Um Straßenbahn zu fahren. 

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