Artikel drucken Artikel versenden Artikel kommentieren

Bildungsreformblabla

09.06.2017 | 13:56 |  Florian Asamer (Die Presse - Schaufenster)

Der Mittlere hat „Der Fänger im Roggen“ für die Schule gelesen und ich will von ihm wissen, was er denn dazu sagt.

Bild: Die Presse 

Der Mittlere hat „Der Fänger im Roggen“ für die Schule gelesen (es gibt sie also doch noch, die Konstanten im Leben eines Menschen), und ich will von ihm wissen, was er denn dazu sagt. „Eh ganz ok“, und auf ausdrückliche Nachfrage: „Viel passiert ja nicht“. Prinzipiell geht das im Rahmen des Mitteilungsbedürfnisses eines 16-Jährigen zu Pflichtinhalten auf einer nach oben offenen Kommunikationsskala durchaus als gesprächig durch. Wenn man aber weiß, wie seine Augen leuchten und ihm der Mund übergeht, wenn er etwa freiwillig von ausgesuchten Youtubern erzählt, dann ahnt man, dass es wohl geeigneteres Material gäbe, um 2017 zu einem Jugendlichen vorzudringen, als US-Romane aus den 1950ern. Man rauft sich schon ein wenig die verbliebenen Haare, wenn man das tägliche Bildungsreformblabla mitanhören muss und sich daneben die gelebte Praxis entlang der eigenen Nachwuchskette anschaut.

Da gelten Siebenjährige immer noch als besonders „brav“, wenn sie möglichst lange stillsitzen können, man wundert sich doch glatt, dass Pubertierende, denen es innerhalb von ein paar Monaten Körper und Hirn komplett umkrempelt, nicht wie gewohnt funktionieren, und an der Uni ist es einfach nur lieblos-überfüllt. Aber ich schweife ab: Ich hab mir dann den „Fänger im Roggen“ geschnappt – ich hatte ja keine Ahnung mehr, was da so drinnen steht –, und obwohl Holden Caulfield nur unwesentlich älter ist als mein Mittlerer, hat er einen Mittvierziger wie mich voll erreicht. Ein Vorschlag also: Lasst die kleinen Buben möglichst viel herumlaufen, redet mit den Oberstuflern auch einmal über die Rocketbeans, organisiert eine Uni mit einem vernünftigen Betreuungsverhältnis und stellt ihre quengelnden, kahler werdenden Väter inzwischen mit Salinger ruhig.

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Artikel drucken Artikel versenden Artikel kommentieren Facebook Twitter Pinterest
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode

>>>
Schwer lesbar? Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

Lesen Sie mehr