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Randerscheinung: „Ich segle stolz in blauer Höh’...“

20.10.2017 | 10:51 |  Florian Asamer (Die Presse - Schaufenster)

Der Jüngste sitzt also am Küchentisch und macht seine Aufgabe.

Florian Asamer / Bild: Die Presse Schaufenster 

Heute muss er unter anderem auch ein Gedicht auswendig lernen: „Ich segle stolz in blauer Höh’ und lache auf Euch nieder, wenn ich die Welt von oben seh’, freut mich das Dasein wieder.“ Auswendiglernen ist so eine Sache, die man als Erwachsener völlig verlernt, weil man es eigentlich nie mehr machen muss. Ich kann zum Beispiel nur das „Aurea prima sata est aetas“-Stückerl der Metamorphosen von Ovid, den Anfang von Shakespeares Macbeth („When the hurly-burly’s done“), und den halben traurigen grauslichen Erlkönig von Goethe auswendig, dazu noch sämtliche Liedtexte der Ersten Allgemeinen Verunsicherung (das Ergebnis der Radiogehirnwäsche einer Jungend in den 1980ern). Ja, so haben Kanons eben funktioniert, als es etwas in der Art noch gegeben hat. Sonst habe ich seit meiner Studienzeit nur mehr den Code meiner Bankomatkarte neu dazugelernt.

Selbst Telefonnummern (außer meine eigene) kann ich keine mehr, entweder sie sind gespeichert oder ich habe Pech. Wenn ich das Handy vergessen habe, kann ich nicht einmal mehr zu Hause anrufen. „Ein ganzes Jahr musst ich daheim in einem Winkel liegen. Nun aber darf ich glücklich sein, darf fliegen, fliegen, fliegen“, bringt der Jüngste das Gedicht etwas zu schnell zu Ende und verhaspelt sich dabei, wie eben Kinder auswendig Gelerntes herunterleiern. Der Älteste, der gerade hereinkommt, um etwas aus der Küche zu holen, fragt: „Geht es da um das Christkind?“ Der Jüngste lacht und fangt schon wieder von vorne an: „Ich segle stolz in blauer Höh’...“. Ich bin übrigens auch stolz, das Gedicht habe ich hier nämlich auswendig wiedergegeben. Und ein Tipp noch: Es geht natürlich nicht um das Christkind, sondern um ein ebenso zartes Herbsttier.

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