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Liebe in Zeiten der Sucht

18.04.2017 | 18:15 |  Von Köksal Baltaci (Die Presse)

In „Die beste aller Welten“ hat Regisseur Adrian Goiginger die Geschichte eines Buben und seiner heroinsüchtigen Mutter verfilmt – es ist seine eigene.

Wuchs mit einer drogensüchtigen Mutter auf und hat seine Erinnerungen in einem Spielfilm verarbeitet: Adrian Goiginger. / Bild: (c) imago/SKATA 

Der Film berühre „mit seinem sensibel inszenierten, herausragenden Ensemble, ohne kitschig zu werden und geht mit seiner unprätentiösen Bildgestaltung unter die Haut, ohne voyeuristisch zu sein“. So begründete die Jury der 67. Berlinale ihre Entscheidung für Adrian Goigingers autobiografisches Langfilmdebüt „Die beste aller Welten“ als Sieger in der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“. Der 26-jährige Salzburger Regisseur verarbeitet in dem hoch emotionalen Drama seine Kindheit als Sohn einer drogenkranken Mutter.

Es ist ein Kinderleben wie in einem Gruselkabinett, dennoch ist der siebenjährige Adrian glücklich. Er will später Abenteurer werden, und seine Mutter, Helga, geht mit ihm durch dick und dünn. Sie lebt wahrhaft nicht in der besten, sie lebt in zwei Welten und versucht, diese säuberlich zu trennen: Die ihrer Drogensucht und die, mit der sie ihren Sohn umgibt.

Für ihn erfindet sie Spiele, Zaubersprüche und fantastische Erklärungen für all die eigenartigen Dinge, die sich zu Hause, in einer Salzburger Wohnhausanlage, abspielen – wenn die Junkies, darunter ihr ebenfalls drogenkranker Partner, zusammenkommen und am Lagerfeuer im Heroinrausch ihren Stimmungen unterliegen. Denn eines will Helga um jeden Preis verhindern: Von ihrem Kind getrennt zu werden. Das lässt sich aber nicht mehr verhindern, als die beiden Welten, die Helga so verzweifelt versucht zu trennen, irgendwann doch aufeinanderprallen und die Lage explodiert.

Tod der Mutter als Initialzündung

„Initialzündung für das Projekt war für mich der Tod meiner Mutter, Helga, im Juli 2012“, erzählt Goiginger im „Presse“-Gespräch. Danach habe er ihr Leben – und dadurch auch seine Kindheit – „vollständig Revue passieren lassen“. Dabei sei ihm klar geworden, „was für eine unfassbare Leistung es von meiner Mutter war, mir trotz ihrer starken Heroinsucht eine glückliche Kindheit zu ermöglichen“.

Goiginger, noch bis Sommer Student der Filmakademie Baden-Württemberg, betrachtet sich als „einer von wenigen Menschen, die das als Kind hautnah miterlebt haben und als Erwachsener dennoch in der Lage sind, reflektiert darüber zu berichten“. Und da er nicht wie die meisten anderen in so einer Situation selbst abhängig geworden ist, sehe er es als Verpflichtung, seine Erfahrungen weiterzugeben.

Rückendeckung bei seiner mutigen Entscheidung, eine derart persönliche Geschichte zu verfilmen, bekam Goiginger von seiner Familie. Unter anderem von seiner Großmutter, „obwohl sie meinte, dass sie nicht sicher sei, ob sie sich den Film anschauen kann. Sie macht sich nämlich Vorwürfe, weil sie damals nichts von der Sucht ihrer Tochter mitbekommen hat.“ Auch sein Stiefvater sei von Anfang an einer der größten Unterstützer des Projekts gewesen und habe ihm bei der Recherche und auch später bei den Dreharbeiten geholfen.

„Sie alle waren sehr froh darüber, dass ich diesen Film mache und meiner viel zu früh verstorbenen Mutter ein Denkmal setze“, sagt der 26-Jährige. Daher sei ihm wichtig gewesen, einen Film zu drehen, der nicht verteufelt, keine Schwarz-Weiß-Malerei betreibt und sie auch nicht als Rabenmutter hinstellt. Goiginger: „Er erzählt einfach, wie es war, als Kind einer heroinabhängigen Mutter aufzuwachsen – mit allen Hochs und Tiefs.“

AUF EINEN BLICK

Preisregen. Das Drama „Die Beste aller Welten“ (Kinostart: 8. September) erzählt die eigene Geschichte des 25-jährigen Salzburger Regisseurs Adrian Goiginger. Der Film wurde auf der Berlinale mit dem Kompass-Perspektive-Preis und bei der Diagonale mit dem Publikumspreis der „Kleinen Zeitung“ ausgezeichnet. Zudem bekam Goiginger beim Vienna Filmball den „Young Director Award“. Der Salzburger studiert derzeit an der Filmakademie Baden-Württemberg.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.04.2017)

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