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Die Menschenforscherin

19.04.2017 | 18:18 |  Von Bernadette Bayrhammer (Die Presse)

Verhaltensbiologin Elisabeth Oberzaucher moderiert am Samstag beim Wissenschaftsmarsch. Über Forschung, Fortpflanzung und Fake News.

Die Verhaltensbiologin Elisabeth Oberzaucher an der Uni Wien. Nebenan startet am Samstag der Wissenschaftsmarsch. / Bild: (c) Michele Pauty 

Im ersten Moment klingt es schräg, aber Elisabeth Oberzaucher meint es genau so, wie sie es sagt, wenn sie sich als „Menschenforscherin“ bezeichnet. Natürlich, meint sie, könnte sie auch Verhaltensbiologin sagen, was sie ja ist. „Aber Menschenforscher sind eigentlich alle, die als wissenschaftliches Subjekt den Menschen haben.“

Das hatte sie nicht von Anfang an: Ursprünglich beforschte die 42-Jährige das Verhalten von Ameisen, bis sie auf den Menschen kam. Was Vorteile und Nachteile hat. „Es bereitet mir Vergnügen, weil ich mit meinen Versuchstieren sprechen kann, ist aber auch viel schwieriger, als Mensch da die Objektivität zu wahren“, sagt Oberzaucher. Unter ihren Forschungsthemen – von Fortpflanzung über nonverbale Kommunikation bis zum Leben in der Stadt – kann sich jeder etwas vorstellen. Dafür hat jeder seine individuellen Erfahrungen und Meinungen dazu.

Das mit der Meinung und der Wissenschaft erklärt, warum es den Wiener Wissenschaftsmarsch diesen Samstag braucht, bei dem Oberzaucher die Abschlusskundgebung moderiert: In Zeiten von starken sozialen Medien, von Fake News und von Skepsis gegenüber der Wissenschaft („Es gibt Umfragen, laut denen ist die Glaubwürdigkeit von Wissenschaftlern gleichauf mit der der Politiker“), verkomme die Wissenschaft bisweilen zu einer Meinung.

Man müsse ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Wissenschaft aber ganz etwas anderes sei: etwas, bei dem man mit strengen Qualitätskriterien zu Erkenntnissen gelange. Dass diese keine absoluten Wahrheiten sind – sondern nur so lange gelten, bis sie falsizifiert werden –, sei bisweilen unbefriedigend und mitunter ein Grund für die Wissenschaftsmüdigkeit. „Aber es ist immer besser als eine bloße Meinung.“

 

888 Kinder? Theoretisch möglich

Dass sie selbst zur Wissenschaft kam, sei wie so oft einer Aneinanderreihung von Zufällen geschuldet, die vielleicht im Nachhinein logisch wirken („Auch die Evolution wirkt von unserer Warte aus wie ein gerader Weg“). Die Entscheidung für Biologie sei eine für den Bereich gewesen, der sie ein bisschen mehr interessiert hat als viele andere, erzählt die gebürtige Kärntnerin. Forscherin wurde sie, „weil ich ein zutiefst neugieriger Mensch bin“. Aktuell hält sie eine Professur in Ulm und einen Lehrauftrag an der Uni Wien. Sie ist die erste Frau bei den Science Busters. Vor zwei Jahren gewann sie den Ig-Nobelpreis, der Forschung auszeichnet, die erst zum Lachen und dann zum Nachdenken anregt: für eine Studie, die anhand des marokkanischen Herrschers Moulay Ismail zeigt, wie viele Kinder ein Mann zeugen kann. Dieser soll im 17. Jahrhundert angeblich 888-mal Vater geworden sein. „Das kann sich ausgehen – aber viel mehr nicht.“

In diesen Tagen erscheint ihr Buch „Homo urbanus“, in dem Oberzaucher das Stadtleben aus einem evolutionsbiologischen Blickwinkel betrachtet. („Ich habe das Buch selbst noch gar nicht in der Hand gehalten“). Eine ihrer zentralen Forschungsfragen ist, wie man Stadtumwelten so gestalten kann, dass sie menschengerecht sind. „Das kann man grundsätzlich“, sagt sie. „In Wien ist da schon sehr viel richtig.“

Neben Naturelementen kommt es auch auf die Territorialität an. Gemeint ist damit nicht das blutig verteidigte Territorium, wie man es aus Naturdokus kennt, sondern eine Struktur, die hilft, mit der sozialen Komplexität umzugehen: die Wohnung, die Stiege im Gemeindebau, die Gasse, das Grätzl. „Je mehr Stufen es gibt, bis es ganz anonym wird, desto besser funktioniert das Miteinander in der Stadt.“

Fürs eigene Leben bringt die Menschenforschung übrigens nicht so viel. „Im Einzelfall hilft Wissenschaft wenig. Wir beschreiben Wahrscheinlichkeiten. Aber es wird immer einen geben, der nicht A, sondern B macht.“

AUF EINEN BLICK

Vienna March for Science. Elisabeth Oberzaucher moderiert am Samstag die Abschlusskundgebung des Vienna March for Science. Hintergrund der Demo ist ein Wissenschaftsmarsch von US-Forschern in Washington. In mehreren hundert Städten weltweit folgt man dem Beispiel. Start in Wien ist um 13 Uhr im Sigmund-Freud-Park. Prominente Unterstützer sind u. a. Forscherin Helga Nowotny, Rektorenchef Oliver Vitouch, und Mikrobiologin Renée Schroeder.

Web: www.sciencemarchvienna.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.04.2017)

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