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„Als Junger war mir das ein Gräuel“: Herbert Zotti und das Wienerlied

20.04.2017 | 18:26 |  von Bernadette Bayrhammer (Die Presse)

Es war nicht Liebe auf den ersten Ton bei Herbert Zotti vom Wiener Volksliedwerk. Um die Liebe geht es im Wienerlied aber ohnehin selten.

Herbert Zotti vor der alten Fassade des Bockkellers in Ottakring, in dem heute das Wiener Volksliedwerk untergebracht ist. / Bild: (c) Daniel Novotny 

Liebe auf den ersten Ton war es zwischen Herbert Zotti und dem Wienerlied nicht gerade. „Als Jugendlicher war mir das Wienerlied ein Gräuel“, erzählt der Chef des Wiener Volksliedwerks, dessen Wienerliedfestival „Wean hean“ heute, Freitag, startet. „Ich habe das Radio gar nicht schnell genug abdrehen können.“ Über Umwege – es hat mit seiner ersten Frau zu tun, über die er zum Volkstanz kam, dann zum Volksliedersingen, bis er irgendwann in einem Singleiterkurs landete – hat der heute 65-Jährige aber doch dazu gefunden.

Über die Anekdote zu seinem ersten Wienerliedabend muss Zotti heute lachen: Die zwei älteren Sängerinnen und der Harmonikaspieler, die er eines Abends in einem Ottakringer Gasthaus hört, sind ihm da noch suspekt. „Das waren die Trude Mally und die Poldi Debeljak, die besten Dudlerinnen von Wien, mit dem Harmonikaspieler Pepi Matauschek – der ist quasi der Jimmy Hendrix auf Wienerisch.“

Beim zweiten Mal sei es ihm schon nicht mehr so absurd vorgekommen, sagt er und lacht wie so oft. „Dann bin ich ziemlich oft hingegangen – und irgendwann richtig süchtig geworden.“ So sehr, dass er gemeinsam mit Maria Walcher vom Österreichischen Volksliedwerk im inzwischen geschlossenen Zum Alten Drahrer in Ottakring Wienerliedabende veranstaltet, zu denen Erhard Busek, H.C. Artmann und André Heller kommen, nachdem er – im Jahr 1990 – den Vorsitz des Wiener Volksliedwerks übernimmt.

Der im Ottakringer Bockkeller beheimatete Verein hat seine Wurzeln in der Monarchie, wie Zotti erzählt: 1904 als Kommission im Kultusministerium gegründet, hat es zur Aufgabe, in der zu Ende gehenden Monarchie die Lieder der Kronländer zu sammeln. „Da waren gewisse Verlustängste im Spiel“, sagt Zotti. Heute ist im Bockkeller das nach der Stadtbibliothek zweitgrößte Musikarchiv Wiens beheimatet. Unter anderem gibt es hier rund 30.000 Wienerlieder. Ein paar liegen gerade auf den Tischen in der früheren Veranda, die heute zwar verbaut ist, aber nach wie vor den Schriftzug des Wirtshauses trägt: „Beim Drah'n bleib'ma g'sund“, liest man da. „Auf der alten Wieden“, „Dort, wo die Geigen singen“.

 

Beim Singen wird nicht gestritten

Für Musik abseits des Wienerlieds hat sich Herbert Zotti allerdings schon immer interessiert. „Wir haben in der Familie immer gesungen. In den 1950er-Jahren haben wir mit der Familie im Sommer lange Autofahrten nach Jugoslawien gemacht“, erzählt er. „Und damit wir vier Geschwister uns nicht erschlagen, sollten wir was singen.“ Als Jugendlicher lernt er Klavier und spielt auch einige andere Instrumente. Beruflich geht er – wegen des väterlichen Unternehmens – trotz anderer Interessen in den Maschinenbau. „Aber Kultur und Musik: Das war immer meine Leidenschaft“, sagt er und schmunzelt.

Das wird klar, wenn er anfängt zu erzählen. Darüber, wie sich die urbane Musikkultur im 19. Jahrhundert entwickelt hat: in Neapel die Canzone, in Lissabon der Fado, in Buenos Aires der Tango – und in Wien das Wienerlied. Wobei es anders als im Tango, aber auch anders als im Kärntnerlied – hier kaum um (enttäuschte oder erträumte) Liebe geht. „Wahrscheinlich hat man das Thema der Operette überlassen“, sagt Zotti. „Die Frau ist im alten Wienerlied oft nur die, die dem Mann beim Heurigen den Spaß verdirbt.“ Es geht dafür oft um Wien („Die Stadt besingt sich eigentlich penetrant selbst“), um den Wein, um Alltagsthemen wie den Sport, die Tramway, das Fahrrad.

Das Wienerlied erlebt Höhen und Tiefen. Zweiteres etwa in den 1950er-Jahren („Die Jugend hat das Retrogejammer nicht mehr ausgehalten“). Bis der kürzlich verstorbene Karl Hodina und danach Roland Neuwirth es erneuerten. Oder, wie Zotti augenzwinkernd sagt: das Wienerlied für die jungen Leute wieder erträglich machen. (Über die Liebe wird seitdem übrigens auch etwas öfter gesungen.)

Und wie geht es weiter mit dem Wienerlied? Es geht jedenfalls weiter – davon ist Herbert Zotti fest überzeugt. Davon würden auch Musiker wie Die Strottern, Martin Spengler & die foischn Wiener oder Trio Lepschi zeugen, die beim Wienerliedfestival spielen. „Das Gejammer über das sterbende Wienerlied gibt es seit 1900. Vielleicht klingt es in 50 Jahren anders als heute. Aber das ist auch kein Drama.“

AUF EINEN BLICK

Das Wienerliedfestival „Wean hean“startet heute (21. April) im Alten AKH. Ab 17 Uhr gibt es Vorträge und Kinderprogramm, ab 18.30 Uhr spielen in Hörsälen bei freiem Eintritt u. a. Die Strottern, Martin Spengler & die foischn Wiener und eine eigens formierte Blaskapelle. Die 18. Auflage des Festivals läuft bis 18. Mai. An elf Terminen spielen u. a. Kurt Girk, die Neuen Wiener Concert Schrammeln und das Trio Lepschi. Organisiert wird „Wean hean“ vom Wiener Volksliedwerk.

Web: www.weanhean.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2017)

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