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Mit Fäusten und Humor durchs Leben

15.07.2017 | 18:01 |  von Teresa Schaur-Wünsch (Die Presse)

Was als Uni-Arbeit begann, wurde zum Lebensprojekt: Acht Jahre lang hat Karl-Martin Pold um seine Bud-Spencer-Doku gekämpft. Geworden ist es eine Hommage an den Dicken – und dessen Fans.

Hindernisse wurden von Bud Spencer einfach aus dem Weg geräumt. / Bild: (c) imago/United Archives (imago stock&people) 

Es war der letzte Sommer vor seiner Diplomarbeit, Karl-Martin Pold war in Neapel auf Urlaub, als ihn der Campingplatzbesitzer auf sein Bud-Spencer-T-Shirt ansprach – er kenne die Filmlegende über ein paar Ecken. Man kam ins Gespräch, und es klinge ja ein bisserl blöd, sagt Pold, aber wenig später hatte er die Vision, dass Bud Spencer das Thema würde, wenn er sich schon sechs Monate einbunkern müsse: „In Neapel sind an jeder Ecke Kirchen. Ich bin zwar nicht gläubig, aber trotzdem hineingegangen – und habe plötzlich gespürt, das ist jetzt meine Mission. Ein ganz komisches Gefühl.“

Da ahnte er freilich noch nicht, dass dieses Gefühl die nächsten acht Jahre seines Lebens bestimmen, ihm Mühen und Hürden bescheren und ihn am Ende selbst ein bisschen zum Helden machen würde.

Zunächst machte sich der Student aus dem Waldviertel also an die Abschlussarbeit seines Journalismusstudiums an der Grazer FH. Sein Werkstück sollte ein (realer) Trailer für eine (fiktive) Bud-Spencer-Dokumentation sein. Dafür wandte er sich über die damals noch ziemlich neuen sozialen Medien an die Fans – denn Material zu seinem Kindheitshelden mit den flotten Sprüchen und ebensolchen Fäusten habe es denkbar wenig gegeben. Was er hatte, war ein Buch aus den Siebzigern, das er als Jugendlicher auf dem Flohmarkt erstanden hatte – und in dem er den Italiener mit dem bürgerlichen Namen Carlo Pedersoli erstmals rank und schlank als Schwimmer sah. Er habe, einige Jahre jünger und selbst ein Schwimm-Kind, den älteren Athleten damals ehrfürchtig aus der Ferne beobachtet, wird Terence Hill später in Polds Doku erzählen: Lange bevor sie sich wirklich kennenlernten und zum kongenialen Schöpfungsduo ihres eigenen Filmgenres wurden.

Er selbst habe das Bild von Bud Spencer als Schwimmer dann jedenfalls in seinem Kinderzimmer hängen gehabt und gern verwendet, um die Mädels zu beeindrucken, erzählt Pold. „Wisst ihr, wer das ist?“, pflegte er zu fragen. Tatsächlich hätten damals abseits der dezidierten Fans die wenigsten gewusst, wie vielseitig der Schauspieler gewesen sei: als Stuntman, Jurist, Wasserballspieler, Sänger, Komponist, Fabrikant, Drehbuchautor, Modedesigner, Erfinder und Flugliniengründer.

All das deutete Pold in seinem Trailer an – und dachte, damit wäre die Sache gegessen. Womit er nicht gerechnet hatte, waren die Fans. „Nachdem der Trailer veröffentlicht war, bekam ich plötzlich E-Mails aus aller Welt“, erinnert er sich. „Aus Südafrika, Japan, Südamerika, natürlich aus Deutschland und Österreich, und alle wollten wissen, wann der Film ins Kino kommt.“ Was ihn vor die Frage stellte: „Bürojob suchen – oder versuchen, einen Lebenstraum zu verwirklichen?“ Er entschied sich für Letzteres. „Ein steiniger und langer, langer Weg.“


Absagen. Er schrieb ein Treatment, schickte Briefe „an wohl jeden Produzenten im deutschsprachigen Raum.“ Das Problem: Wer sich interessierte, wollte mitreden – „aber ich wollte auf keinen Fall eine klassische Doku mit Talking Heads“. Er wusste, die Sache müsse ihren eigenen Witz und Charme haben, „aber da haben viele abgesagt.“ Auch von den Förderstellen wurde er ein ums andere Mal abgelehnt. „So etwas passt halt nicht ins Fördersystem, es ist einfach nur Popkultur.“ Zwischenzeitlich verlor er ganz den Mut. „Irgendwann weiß man auf Familienfeiern nicht mehr, was man sagen soll.“

Auf der Habenseite: Polds Hartnäckigkeit – und wiederum die Fans. Sie programmierten seine Homepage, halfen mit Hinweisen, wie welcher Weggefährte ausfindig zu machen sei, finanzierten über Crowdfunding die Reisen, reparierten sein kaputtes Auto und kamen als Übersetzer zu Terminen mit. 15 professionelle Kameraleute boten kostenlos ihre Dienste an, „einfach, weil sie mitmachen wollten“.

So entstand über die Jahre hinweg eine Mischung aus Doku und Roadmovie, mit, wenig überraschend, zwei Fans als Hauptdarstellern. Schon 2012 war Pold drei Monate durch ganz Europa gefahren und hatte die Fans mit den besten Geschichten besucht, bei Jorgo und Marcus blieb er hängen. „Der Blinde und der Blonde“ schauen ihren Idolen Spencer/Hill verblüffend ähnlich, der eine liebt die Filme, ohne sie je gesehen zu haben, der andere hat sie wiederentdeckt, nachdem er sich das Genick gebrochen hat: Sie hätten ihm Humor und Lebensmut wiedergegeben.

Man kann übrigens nur schwer über Bud Spencer reden, ohne selbst ein bisschen aus der Kindheit zu erzählen. Pold ist das gewohnt. „Das Lustige ist: Jeder hat so eine Geschichte.“ Für Kleine war Spencer der Beschützer, Jugendliche wollten ähnlich unbesiegbar sein, alle lernten, Humor zu ehren. Heute herrsche einfach Nostalgie „nach einer Zeit, in der man Political Correctness nicht so ernst genommen hat“. Als fortschrittlich könne, so erfährt man in der Doku, dabei gelten, dass die Bösen nicht samt und sonders erschossen, sondern nur vermöbelt würden.


Miss Nelly. Als eine der größten Hürden für Pold entpuppte sich im Übrigen Miss Nelly, Spencers über 80-jährige Sekretärin, die ihn 40 Jahre lang vor Ungemach beschützte, indem sie – des Englischen nicht mächtig – Anfragen aller Art von ihm fernhielt. Am Ende stand Pold einfach vor Spencers Büro in Rom, wo er wieder abgewiesen wurde – aber im Hintergrund die Stimme des „Dicken“ hörte, der ihm prompt Einlass gewährte, sich seinen Trailer ansah und ihm Lieder vorsang. Darunter „Futtetènne“, benannt nach Pedersolis Motto, das heute auch Polds ist: Scheiß drauf.

Die wichtigsten Ohrwürmer sind auch im Film vertreten. Die Liebe zum Original hat Pold auch dazu bewogen, für die befragten Schauspieler deren einstige Synchronsprecher aufzutreiben. Den Film gibt es daher in zwei Versionen: einer (vermeintlich) seriöseren mit O-Ton und Untertiteln, und einer mit den Stimmen, die einen einst so prägten. Am 27. Juli läuft die Hommage an den vor einem Jahr Verstorbenen im Kino an. Einen Erfolg kann „Sie nannten ihn Spencer“ schon jetzt verbuchen: Auf dem Münchner Filmfest lief er aufgrund des großen Interesses als erste Doku im größten Saal.

 

Das unechte "Kabumm"

Warum ich als Mädchen von einer Schlägerkarriere träumte.

In meiner Kindheit gab es zwei unausgesprochene Regeln für Bud-Spencer-Filme. Erstens durften wir sie nur am Nachmittag schauen und zweitens (und das war viel wichtiger): Die Filme sah man nur in der Gruppe. Da saßen wir also vor dem Fernseher der Schulfreunde, fünf oder mehr Kinder – und lachten, was die kleinen Bäuche hergaben. Weil Schlägerfilme im Rudel einfach viel lustiger sind. „Bumm“, der bekam eine Bratpfanne auf den Kopf, „wrumm“, der wurde mit zwei Armhieben durch die Luft geschleudert – was für ein Fest! Natürlich wollte ich als Mädchen genauso stark sein wie die. Es bestand kein Zweifel, dass ich – einmal groß – die Leute wie Gummibälle durch die Luft werfen würde. Ich musste nur noch ein bisschen wachsen.

Den ersten Riss bekam das Bild, als mir ältere Kinder erzählten, dass Terence Hill Kontaktlinsen trage (was sich im Nachhinein als falsch herausstellte). Den zweiten, als mir jemand sagte, dass die Geräusche, die Bud und Terence beim Vermöbeln erzeugten, eingespielt wurden. Erst da hab' ich begriffen: Alles fake! Die können gar nicht so prügeln. Trotzdem war ich nicht lange böse. Die Filme sind bis heute Teil heiler Kindheitstage. Als das Gute immer gewann und wir lernten, dass Freunde, die zusammenhalten, mit Witz und Kraft alles erreichen. Falsches „Kabumm“ hin oder her, die Idee gefällt mir bis heute. win

 

Bud, mein Babysitter

Er hat auf uns aufgepasst – und den Großvater beleidigt.

Jemand, der so groß und stark ist – der müsse wohl auch in der Lage sein, auf ihre Kinder aufzupassen. Scheint sich unsere Mutter gedacht zu haben. Als mein Bruder und ich ins Alter kamen, in dem man abends probeweise ein, zwei Stündchen allein bleiben kann, wurde jedenfalls kurzerhand Bud Spencer als Babysitter engagiert.

Das spielte sich so ab, dass die Mama in die nahe Videothek fuhr und mit einem Bud-Spencer-Film wiederkam. Dann wurden wir zu zweit samt Polstern und Decken auf dem Teppich vor dem Fernseher installiert, wahlweise mit Popcorn, Dany+Sahne oder Schwedenbomben ausgestattet und in der Obhut der beiden Schauspieler belassen, die sich vor uns durch Spaghetti-Western oder ein palmenbestandenes Miami prügelten. Wir fühlten uns wunderbar behütet. Zum Ausgleich hat Bud Spencer meinen jüngeren Bruder dafür einmal in die Bredouille gebracht.

Das war, als unser Großvater aus Mexiko zu Gast war, der üblicherweise dünne Luftpostbriefe schickte und nur alle zwei, drei Jahre persönlich erschien. Ein strenger, auf Außenwirkung bedachter Mann, der in vielerlei Hinsicht in der Vergangenheit lebte und schon angesichts der Tatsache staunte, dass wir Kinder bei Tisch sprechen durften. Ich kann mich nicht erinnern, dass er mit uns jemals gespielt hätte, aber einmal tat er es doch und ließ sich mit meinem Bruder auf Tischkegeln ein. Die Partie muss zu seinen Gunsten ausgegangen sein, denn in der Not des Verlierens griff mein unschuldiger Bruder zu dem ihm gerade geläufigen Vokabular und bedachte den fassungslosen Großvater mit einem Bud-Spencer-Zitat: „Du räudiger Hund!“ tes

 

Mehr als ein TV-Schläger

In der Kindheit im Fernsehen, später in der Zeitung.

Pädagogisch korrekt waren sie nicht, andererseits: Den Anspruch konnte man an das italienische Fernsehen ohnehin nicht immer stellen. Also saß man als Kind am Wochenende auf der Couch – auf der einen Seite die Großmutter, auf der anderen der Berner Sennenhund – und lachte über Bud Spencer und seine Filme. Dass Carlo Pedersoli noch viel mehr als Schauspieler war – Spitzensportler, Erfinder, Modedesigner, kurzzeitig sogar Politiker für die Berlusconi-Partei Forza Italia –, erfuhr man erst Jahre später. Erfolgreich war er nicht, aber das war ihm egal: Seine Lebenseinstellung futtetènne (frei übersetzt „Scheiß drauf“), erklärte er dann auch dieser Zeitung. Nicht pädagogisch korrekt, aber lustig. ib

 

Der Bass und sein Sänger

Bud Spencer konnte singen, auch wenn es wie Brummen klang.

Die Oliver Onions sind nicht unschuldig am Erfolg von Bud Spencer und Terence Hill. Ihre Lieder wie „Flying through the Air“ aus „Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle“ machten die Filme des Duos – und einige Solofilme – erst komplett. So richtig spannend wurde es, wenn Bud Spencer selbst einen Part übernahm. Etwa den brummigen Bass mit dem lautmalerischen „Ba ba ba“ in der berühmten „Lalalalalala“-Chorsequenz aus „Zwei wie Pech und Schwefel“.

Sein Brummen passte perfekt zu seinen Rollen. „Watch out Mr. Lion, don't bite me“ intonierte er etwa bei „Grau Grau Grau“, dem Titellied von „Das Krokodil und sein Nilpferd“. Ein Höhepunkt war sicher „Hector, Ritter ohne Furcht und Tadel“. „Vi canto la storia dei miei quattro solda'“ brummt er da im Titellied – ich erzähle euch die Geschichte meiner vier Soldaten. Nach jeder Zeile jubeln ihm seine Soldaten ein „Oh Ettore“ entgegen. „Oh Hector!“

Abseits der Filme startete er noch im Alter von 86 Jahren etwas Neues – sein erstes eigenes Album „Futtetènne“, auf dem er neapolitanische Lieder singt. Auch wenn er hier deutlich mehr singt als brummt, zeigt sich, dass er kein Pavarotti war. Dafür aber ein echter Bud Spencer. Und genau das wollte man ja auch von ihm. eko

 

"Buddy": Ein Stück Kindheit für die Ewigkeit

Als Kind waren Bud-Spencer-Filme mehr als Unterhaltung. Sie standen für den Triumph von Außenseitern, die ordentlich einstecken können.

Das Phänomen, dass ein Schauspieler seinem Image treu bleibt und über Jahre hinweg ähnliche Charaktere spielt, kommt öfter einmal vor. Dass jemand aber praktisch seine ganze Karriere lang ein und dieselbe Rolle verkörpert, sie geradezu zelebriert, ist nur wenigen vorbehalten – Bud Spencer war zweifellos einer von ihnen.

Es muss Ende der 1980er-, Anfang der 90er-Jahre gewesen sein, als gefühlt zu jeder Tageszeit ein Buddy-Film im Kino lief. „Buddy haut den Lukas“, „Bud, der Ganovenschreck“, „Plattfuß am Nil“, „Plattfuß räumt auf“, „Sie nannten ihn Plattfuß“ und wie sie alle hießen – die Filme, in denen Bud Spencer (bei ihm muss man immer Vor- und Nachnamen sagen, „Spencer“ allein reicht einfach nicht) mit einem witzigen Spruch auf den Lippen tollpatschige Gangster zur Strecke brachte. Und dabei erst einmal ordentlich einsteckte. Das ist wohl auch das Geheimnis seines Erfolges – seine unglaublichen Nehmerqualitäten, die ihn (neben seiner Optik) zum ewigen Außenseiter und „besten Freund“ einer ganzen Generation machten. Wenn man ihn sah, ging es einem immer besser – egal, was zuvor passiert war.

Vergleichbar mit dem Gefühl, als Kind nach einem furchtbaren Tag nach Hause zu kommen und sein Lieblingsessen vorzufinden. Bis heute ist es schwer wegzuzappen, wenn gerade ein Film von Bud Spencer läuft. Ein Stück Kindheit für die Ewigkeit. kb 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2017)

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