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Romero-Nachruf: Ein Leben für die Untoten

17.07.2017 | 18:15 |  Von Andrey Arnold (Die Presse)

Am Sonntag ist US-Regisseur George A. Romero, der Übervater des modernen Zombiefilms, an Krebs gestorben. Sein Werk war blutig, unheimlich – und politisch.

George A. Romero sorgte mit seinen extremen Gewaltdarstellungen für Kontroversen. / Bild: (c) REUTERS (STRINGER Mexico) 

Sie kommen und holen dich, Barbara!“, sagt der junge Mann im Scherz zu seiner Schwester. Er will ihr nur einen Schreck einjagen. Doch dann kommen sie wirklich. Wankend, stöhnend und mit Appetit auf Menschenfleisch. So beginnt die „Nacht der lebenden Toten“ – jener Film, der den modernen Zombie zum Leben erweckt hat. Und das Debüt eines Regisseurs, dessen Schaffen das Horrorgenre nachhaltig prägen sollte: George A. Romero.

1940 kam Romero im New Yorker Stadtteil Bronx zur Welt. Schon als Jugendlicher begeisterte er sich für Gruselkino und drehte mit 14 erste Kurzfilme auf Super 8. Nach seinem Studium jobbte er als Industrie- und Werbefilmer, arbeitete unter anderem für die Kinderserie „Mister Rogers‘ Neighborhood“. Doch seine Interessen lagen anderswo: Bald gründete er mit Freunden eine eigene Produktionsfirma und wagte sich an einen Horrorstreifen, inspiriert von Richard Mathesons Sci-Fi-Roman „I Am Legend“. „Night of the Living Dead“ kostete nur 114.000 Dollar – und spielte fast 30 Millionen ein. Es war ein revolutionäres Werk in jeder Hinsicht, gespeist aus dem Geist der Gegenkultur. Die für damalige Verhältnisse extreme Gewaltdarstellung sorgte für Kontroversen. Die Handlung – mit einem schwarzen Helden, der am Ende von Hinterwäldlern erschossen wird – traf den angespannten Zeitnerv des Erscheinungsjahres 1968. Und die schlurfenden Wiedergänger (das Wort „Zombie“ fällt im Film kein einziges Mal) waren Monster für die Ewigkeit.

Auch Romero selbst ließen sie nie mehr los. Immer wieder versuchte er, sich aus ihrer Umklammerung zu lösen: Mit Arbeiten wie „Martin“, einem berührenden Entfremdungsdrama über einen jungen Mann, der sich für einen Vampir hält. Oder mit „Knightriders“, einer schrulligen Story über Mittelalterfans, die Ritterturniere auf Motorrädern austragen. Doch die Macht der lebenden Toten zog ihn stets zu ihnen zurück.

 

Sozialkritische Leinwandungeheuer

1978 setzte er die Zombie-Saga fort: „Dawn of the Dead“, größtenteils in einem Einkaufszentrum angesiedelt, setzte neue Maßstäbe im Bereich blutiger Spezialeffekte – und etablierte die wandelnden Leichen endgültig als Sozialkritiker unter den Leinwandungeheuern. Der Film gilt als Geburtsstunde eines neuen Genres: Er löste einen wahren Zombie-Boom aus, der bis heute anhält.

Nach dem unterschätzten Bunker-Schocker „Day of the Dead“ (1985) ließ Romero die Untoten für eine Weile ruhen, blieb dem Horror aber treu. Etwa in „The Dark Half“ – der Adaption eines Romans seines Freundes Stephen King, mit dem er auch den Schauergeschichtenfilm „Creepshow“ realisierte.

Erst 2005 wandte er sich aufs Neue Zombies zu – und machte sie in seiner zweiten „Dead“-Trilogie („Land“, „Diary“ und „Survival“) wieder politisch. An frühere Erfolge konnten seine neuen Filme jedoch nicht anschließen. Weniger, weil sich die Zombie-Metapher totgelaufen hatte, sondern weil sie von der Postmoderne vereinnahmt worden war – nach selbstironischen Komödien wie „Shaun of the Dead“ fiel es schwer, sie noch ernst zu nehmen. Nach „Survival of the Dead“ konnte Romero keinen Film mehr umsetzen, verfasste aber noch eine Zombie-Comic-Reihe für Marvel. Am Sonntag starb der 77-Jährige an Lungenkrebs. Der Einfluss seines Œuvres auf die zeitgenössische Popkultur ist nach wie vor enorm. Sein Do-it-yourself-Ethos inspirierte eine ganze Generation von Filmemachern, Blockbuster wie „World War Z“ und Serien wie „The Walking Dead“ wären ohne Romero undenkbar. Ganz gleich, wie oft die Welt noch untergeht: Seine Zombies werden immer wieder auferstehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.07.2017)

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